Bücher von Erasmus von Rotterdam standen auf dem Index
Bücher von Erasmus von Rotterdam standen auf dem Index

14.06.2017 - 09:00

... im Namen der Gerechtigkeit - 'schwarze Liste' des Vatikans Aufhebung des Index der verbotenen Bücher

Es gibt kaum ein Wort, das emotional so aufgeladen ist wie dieses – INDEX. Es gilt als DER Inbegriff der Bevormundung.

Hinter dem Index verbirgt sich das im Auftrag der Päpste erstellte Verzeichnis der verbotenen Bücher.

Fast 400 Jahre lang gibt es den 'Index Librorum Prohibitorum', so der offizielle lateinische Titel.

1559 erscheint der erste, von der Römischen Inquisition publizierte Index

Mitte des 16. Jahrhunderts steht die Kirche unter Druck. Die Reformation hat gewaltig an Fahrt aufgenommen. Aus römischer Sicht sollen die Katholiken vor den Schriften Martin Luthers und Johannes Calvins geschützt werden.

Früher wurden die beanstandeten Handschriften gebannt – und mitsamt allen, aufwändig hergestellten Abschriften den Flammen übergeben.

Doch im Zeitalter des Buchdrucks – eine technische Revolution, die vergleichbar mit der Erfindung des heutigen Internets ist und die eine schnelle und auflagenstarke Vervielfältigung von Schriften ermöglicht –, funktioniert das nicht mehr.

Im Namen der Gerechtigkeit

Zuerst prüfen 12 "Qualifikatoren" die angezeigten Stellen, ihnen stehen 24 "Konsultatoren" zur Seite. Deren Feststellungen werden von sieben Kardinälen und einem Kleriker mit dem Titel "Förderer der Gerechtigkeit" kontrolliert.

Kommt dieses Gremium zu dem Schluss, dass die Anzeige berechtigt ist, lässt der Papst den Bann über das Buch veröffentlichen. Die Lektüre gilt als schwere Sünde und kann mit Exkommunikation bestraft werden.

Eines der ersten indizierten Bücher: die Bibel!

 "Es steht aus Erfahrung fest, dass, wenn man das Lesen der Heiligen Schrift in den Volkssprachen jedermann erlaubt, daraus wegen der Verwegenheit der Menschen mehr Schaden als Nutzen entsteht."

1562 legt das Trienter Konzil fest, dass die Lektüre der Bibel Laien in modernen Übersetzungen verboten ist.

Kurioses um das Erscheinen des ersten Index

1557 ließ Papst Paul IV. den ersten Index drucken. Dann musste er jedoch feststellen, dass er selbst darauf mit einem früheren Werk vertreten war! In diesem hatte er für kirchliche Reformen plädiert. Also verzichtete er auf eine Veröffentlichung.

Somit  wurde der erste Index erst zwei Jahre später, 1559, von der Römischen Inquisition publiziert.

Seelenlose Verbotsmaschine?

Die Arbeit der Indexkongregation verdient eine differenzierte Betrachtungsweise. Eine seelenlose Verbotsmaschine war sie nicht.

Beispiel Harriet Beecher Stowes Welterfolg 'Onkel Toms Hütte'.

Der Inquisitor von Perugia verlangte 1853 die Verdammung des Romans.

 "'Onkel Toms Hütte' ist ein Plädoyer für die Sklavenbefreiung als verstecktem Aufruf zur Revolution im Kirchenstaat und in ganz Europa."

Der Zweitgutachter Antonio Fania da Rignano sah das anders.

 "Das Buch der protestantischen Autorin ist auch für Katholiken empfehlenswert."

Papst Pius IX. schloss sich dem Zweitgutachter an.

Mehr als 6.000 Titel kommen im Laufe der Jahrhunderte zusammen

Die Namen der Autoren lesen sich wie die Weltgeschichte der Literatur:

Victor Hugo, Heinrich Heine, Alexandre Dumas, Gotthold Ephraim Lessing, Simone de Beauvoir, Jean Paul Sartre, Immanuel Kant, Voltaire, Emile Zola, Daniel Defoe, John Locke, Blaise Pascal, Francis Bacon, Michel de Montaigne, Erasmus von Rotterdam, Voltaire, Spinoza ...

Bücherflut ertränkt kirchlichen Ordnungswillen

Angesichts der schieren Flut der veröffentlichten Publikationen aus dem literarischen, wissenschaftlichen und philosophischen Bereich muss die Kirche die Waffen strecken.

Das zeigt sich an der Zahl der indizierten Schriften: Im 17./18. Jahrhundert waren es etwa 5000, im 19. Jahrhundert noch 1300 und im 20. Jahrhundert nur noch 120.

In der deutschen Indexausgabe von 1957 wird zum Beispiel bedauernd festgestellt

 "Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, alle auch nur für Deutschland infrage kommenden Schriften dieser Art zusammenzustellen. Ihre Zahl wächst leider mit jedem Tag …"

Am 14. Juni 1966 schafft die vatikanische Glaubenskongregation den Index ab.

Moderation: Edgar Schnicke