Otto von Bismarck
Otto von Bismarck

22.04.2017 - 09:00

Höhepunkt des Kulturkampfs gegen die Katholiken Brotkorbgesetz gegen die preußischen Katholiken 1875

Er gilt das der deutsche Reichsgründer. Aber Otto von Bismarck war auch ein Spalter, der einen Keil durch die neue Nation trieb.

Bestes Beispiel: der so genannte ‚Kulturkampf‘ und die damit verbundenen Gesetze, mit denen Bismarck den Katholizismus im Deutschen Reich vernichten wollte. "Ich habe, als ich aus Frankreich zurückkam, die Bildung dieser Fraktion nicht anders betrachten können als im Lichte einer Mobilmachung!" Das sagt Bismarck 1870 nach der Gründung der Zentrumspartei, der Vertretung des politischen Katholizismus. Durch die Reichsgründung war die in Preußen eher unbedeutende Minderheit der Katholiken plötzlich auf ein Drittel der Bevölkerung angewachsen. Im gleichen Jahr wird in Rom unter Pius IX. das Unfehlbarkeitsdogma ausgesprochen.

Katholiken als "Reichsfeinde"

In Berlin wittert man Rebellion. In protestantischen und nationalliberalen Kreisen schimpft man über die ‚Ultramontanen‘ – gemeint sind die Katholiken, die ihre Anweisungen von ‚ultra montes, von ‚jenseits der Berge‘, also von Rom bekommen. Bismarck nennt sie schlicht: "Reichsfeinde!" Der Philosoph Eduard von Hartmann unterfüttert das: "Der Kampf zwischen der katholischen Kirche und dem modernen Staat ist Tatsache geworden und nicht mehr abzuleugnen. Die deutschen Katholiken können ihrer Religion nicht treu bleiben ohne mindestens der Gesinnung nach Hochverräter an ihrem Vaterlande zu werden." Diesen angeblichen Hochverrat büßen die Katholiken schwer.

Schikanen gegen die Kirche

1871 kommt der so genannte 'Kanzelparagraf', der den angeblichen Missbrauch von Predigten für politische Zwecke verbietet. Ein Jahr später wird der Jesuitenorden aus Deutschland verbannt. Und Bismarck legt zu: "Nach Canossa gehen wir nicht!" Mit den so genannten ‚Maigesetzen‘ versucht der Staat 1873, die Ausbildung und Ernennung von Priestern unter seine Kontrolle zu bekommen. Am 22. April 1875 erfolgt das so genannte 'Brotkorbgesetz', das sämtliche staatliche Geldzuwendungen stoppte. Bildlich gesprochen wurde der katholischen Kirche der Brotkorb hoch gehängt. Klerus und Laien wehren sich gegen die Gesetze. Die Kirche gerät in eine katastrophale Lage.

Bischöfe kommen ins Gefängnis

Bis Ende der 1870er Jahre sind über die Hälfte der katholischen Bischöfe Preußens im Exil oder im Gefängnis. So kommt der Erzbischof von Gnesen-Posen zwei Jahre in Haft. Der Trierer Bischof Matthias Eberhard wird zu neun Monaten Gefängnis sowie zu einer Geldstrafe von 130.000 Goldmark verurteilt. Und der Kölner Erzbischof Paulus Kardinal Melchers muss 1874 im Kölner Klingelpütz mehrere Monate absitzen. Nach seiner Entlassung flüchtet er – Steckbrieflich gesucht! – in die Niederlande. Zeitweise waren 1800 Priester im Gefängnis oder in der Verbannung, in einem Viertel aller preußischen Pfarreien gab es keinen Geistlichen.

Der Kanzler lenkt ein

Doch sein Ziel, mit diesen Schikanen den Katholizismus zu schwächen, erreicht Bismarck nicht. Im Gegenteil: In der Bevölkerung gibt es eine Welle der Solidarität mit den in Not geratenen Katholike1878 stirbt Pius IX, sein Nachfolger wird Leo XIII. Er ist ein Diplomat und signalisiert Gesprächsbereitschaft. Otto von Bismarck hat genug, er lässt den ‚Kulturkampf‘ langsam ausklingen. Die Gesetze werden peu à peu zurückgenommen. Im Volksmund spottet man hinter vorgehaltener Hand:´"Da hat sich der Reichskanzler am Weihwasser wohl die Finger verbrannt …"

(dr)