Elisabeth Groß
Elisabeth Groß

07.10.2017 - 09:00

Elisabeth Groß - Die Ehefrau eines Widerstandskämpfers Tag des vereitelten Anschlags auf Hitler

Weil Nikolaus Groß von den Absichten des Attentats auf Hitler weiß, wird er 1944 zum Tode verurteilt. Zurück bleibt eine Familie ohne Vater: seine Frau Elisabeth Groß, geborene Koch, und sieben gemeinsame Kinder. Am 7. Oktober 2001 wird Nikolaus Groß von Papst Johannes Paul II. als Märtyrer seliggesprochen.

Wie war es für die Familie, einen Vater zu haben, der sich gegen Hitler und die nationalsozialistische Terrorherrschaft aufgelehnt hat? Das wäre nicht möglich gewesen, hätte seine Ehefrau ihm nicht den Rücken frei gehalten. Elisabeth Groß war bereit, den Widerstand mitzutragen.

Sie kämpft für christliche Werte und Demokratie. Ihr Mann ist Gewerkschaftssekretär, später Vorsitzender und Redakteur. In einem Brief aus der Gefangenschaft heraus schreibt er: "Liebste Lisbeth. Ich weiß: Es hat Dich und mich große Kraft gekostet, aber daß uns der Herr diese Kraft geschenkt hat, dessen wollen wir dankbar eingedenk sein. (…) Schöner und glücklicher konnte der Abschluß unserer innigen Liebe nicht sein, als er durch Dein starkmütiges Verhalten geworden ist."

Schon während der Schulzeit lernen sich Nikolaus und Elisabeth kennen, finden als junge Erwachsene zueinander, heiraten und führen eine harmonische Ehe. Die Worte von Elisabeth Groß bringen dies zum Ausdruck:

"Gern gebe ich zu, daß die Zeit in Köln zu der glücklichsten meines Lebens gehörte, bis 1945 dem Leben meines Mannes ein gewaltsames Ende bereitet wurde. Ich darf mit Recht sagen, daß mein Mann mir in allen Tagen ein rechter, liebevoller, echt katholischer Gatte war. So zehre ich heute noch immer von unserem vergangenen Glück. Mit Dankbarkeit gedenke ich seiner, habe ich doch sein selbstloses Wirken für mich und meine Kinder beobachten können."

Gemeinschaft und Glaube

Nikolaus Groß hat Teil an dem Attentat des 20. Juli 1944 auf Hitler. Es ist wohl der bedeutendste Umsturzversuch der Gegner der nationalsozialistischen Terrorherrschaft. Geplant ist der Tod Hitlers während einer Lagebesprechung im Führerhauptquartier "Wolfsschanze". Aber das Attentat schlägt fehl. Vier Anwesende sterben, einige werden verletzt – doch Hitler bleibt unversehrt. 150 bis 200 Verschwörer werden nach dem Attentat hingerichtet, unter anderem Nikolaus Groß.

"Mein Mann stand für die Gemeinschaft. Was er tat, tat er ganz. Für ihn gab es keine Halbheiten", schildert seine Ehefrau. Bei allem, was Elisabeth und Nikolaus Groß tun, steht ihr Glaube im Mittelpunkt. Mit ihren Kindern gehen sie zum Gottesdienst statt zu Appellen. Sie gehören zur Christusjugend, nicht zur Hitlerjugend. Das gilt damals schon als riskant, weil man sich gegen den Strom stellt. Das religiöse Fundament trägt Elisabeth Groß – auch, nachdem sie ohne ihren Mann weiterleben muss.

Daher ist sie nicht verzweifelt, sondern "stolz auf ihren Mann, weil er ihr vieles gab, und weil er ihr half, eine große Gemeinschaft mit der Fülle ihrer Gedanken zu bereichern. Als Vater einer großen eigenen Familie trug er ständiges Erleben in sich. Mit ihr die Kinder zu brauchbaren Menschen heranzubilden, war eine Aufgabe, die er ganz zu lösen verstand."

Der richtige Weg

Ihren eigenen Anteil spielt Elisabeth Groß dabei gerne herunter, aber ihre Tochter Marianne wundert sich später, "wie ihre Eltern es geschafft haben, ihnen in einer Zeit, in der sie bestimmt oft bedrückt und ängstlich waren, eine schöne Kindheit zu bereiten." Aber sie haben es geschafft.

Ihr Sohn Bernhard beteuert: "Das halte ich heute noch für die größte Lebensleistung unserer Eltern, dass sie uns davor bewahrt haben, in dieser Zeit falsche Wege zu gehen - mit den geringen Mitteln, die sie zur Verfügung hatten." Durch Elternhaus, Freundeskreis und Pfarrjugend sind sie darin gestärkt, "um nichts in der Welt bei den Nazis mitzumachen."

Über den Tod hinaus

Aufrecht tritt Elisabeth Groß für das gemeinsame Menschenbild ein, auch als ihr Mann nach dem Attentat verhaftet wird. Nie hört sie auf, sich dem Zeitgeist und dem Hitler-Regime zu widersetzen: Mutig schreibt sie Gnadengesuche für ihren Mann an den Reichsjustizminister und an den päpstlichen Nuntius – die Gnadengesuche bleiben jedoch unbeantwortet. Niederschmetternd ist auch das Nazi-Urteil gegen ihren geliebten Ehemann Nikolaus. Roland Freisler, Jurist und Präsident des Volksgerichtshofes, urteilte: "Er schwamm mit im Verrat, muss folglich auch darin ertrinken."

Elisabeth lässt sich auch durch die Hinrichtung ihres Mannes nicht von ihm trennen. Sie nimmt ihn mit in ihr Leben nach dem Terror. Tochter Marianne blickt später zurück: "Alles Gute, das uns widerfuhr, schrieb sie meinem Vater zu. Wenn Freunde und gute Menschen uns in der Hungerzeit nach dem Krieg mit Lebensmitteln und Geld halfen, wenn diese uns Kindern bei der Schul- und Stellensuche behilflich waren, nannte meine Mutter sie 'Werkzeuge des Vaters'. 'Der Vater hilft uns wieder', sagte sie dann immer."

"Eine herzensliebe Frau"

Die Mutter schlägt sich nach dem Krieg alleine mit sieben Kindern durch. Ihr Trost ist, dass sie als Hinterbliebene eines politisch Verfolgten anerkannt wird. Politisch wachsam bleibt sie auch in Friedenszeiten, engagiert sich in zahlreichen Ehrenämtern für die Rechte der Arbeiter und wird Gründungsmitglied der CDU in Köln.

Sie kann noch Abschied von ihm nehmen. Anschließend steht sie das alles alleine durch – ohne Mann und ohne Bitterkeit –, denn den Terror und das Leid hat auch ihre überwältigende Liebe zu Nikolaus Groß überstanden. Er wusste darum: In dem Abschiedsbrief vor seinem Tod schreibt er an seine Lisbeth: "Eine herzensliebe Frau und gute Kinder gab mir Gott."