Geste, die Geschichte schrieb: Der Kniefall Willy Brandts in Warschau
Geste, die Geschichte schrieb: Der Kniefall Willy Brandts in Warschau

07.12.2018 - 09:20

Eine Geste fördert Vergebung und Frieden Kniefall von Warschau

Eine Geste war es, nicht mehr. Aber mit großer Wirkung. Eine halbe Minute, die weltweit beachtet wurde: Am 7. Dezember 1970 legte der damalige Bundeskanzler Willy Brandt an der Gedenkstätte für die Opfer des Warschauer Ghettos einen Kranz nieder – und sank dann auf die Knie. Es war spontan, es war ungeplant und das hatte es noch nie gegeben: Ein Staatsoberhaupt in Büßerhaltung. Dem entsprechend große waren die Wirkung und die politischen Folgen.

Übliches Protokoll eines Staatsbesuchs in Polen

Es ist ein kalter, grauer Tag, der 7. Dezember 1970 in Warschau. Und Bundeskanzler Willy Brandt hat eine schwierige Mission: 25 Jahre nach Kriegsende ist er in das Land gereist, das deutsche Truppen einst überfielen.

Auf der Agenda steht die Unterzeichnung des Warschauer Vertrages, mit dem Deutschland erstmals die polnische Nachkriegsgrenze anerkennt und auf alle deutschen Gebietsansprüche verzichtet. Ein wichtiger Schritt zur Aussöhnung mit Polen. Danach besucht Brandt das Mahnmal für die Opfer des Warschauer Ghetto – der Ort, an dem die Deutschen während des Zweiten Weltkrieges ihre Verbrechen begangen hatten:

"Und zwar genau auf dem Platz, auf dem sich auch unser Leben entschieden hat. Wir wussten nicht, ob nach links: Das heißt zu den Gaskammern. Oder nach rechts, dann durften wir noch etwas am Leben bleiben," erinnert sich der Literaturkritiker und Ghettoüberlebende Marcel Reich Ranicki.

Wahrhaftigkeit überrollt Protokollpflicht

Für Opfer und Überlebende legt Bundeskanzler Willy Brandt einen Kranz nieder. So sieht es das Protokoll vor.

Doch dann geschieht etwas Ungeplantes, erinnert sich der damalige Außenminister Walter Scheel:

"Normalerweise zupft man dann noch was zurecht. Ich fand das immer komisch. Und dann plötzlich kniet er nieder."

Brandt ist vor dem Kranz auf die Knie gefallen, die Hände übereinander, den Kopf nach unten geneigt. Eine halbe Minute bleibt er in dieser Haltung, die an einen Büßer erinnert aber nicht gekünstelt wirkt, empfindet Walter Scheel.

"Das war spontan und von so einer Natürlichkeit."

Und das hatte es noch nie gegeben: Dass ein Staatsoberhaupt bei einem politischen Besuch auf die Knie geht. Eine spontane Geste, gänzlich ungeplant, erinnert sich Brandt später:

"Ich fand, ich konnte dann letztlich nichts anderes tun, als ein Zeichen zu setzen. Ich bitte als einer, der nicht zu den Anhängern Hitlers gehört hat, für mein Volk um Verzeihung. Ich bete auch."

Historische Wirkung einer Geste

Dabei hatte Brandt persönlich keinen Grund, um Verzeihung zu beten: Er selbst hatte die Nationalsozialisten nach 1933 bekämpft und war sogar ins Exil gegangen. In Warschau bekennt er sich zu einer Schuld, die er nicht selbst trägt. Und er bittet um Vergebung, nicht für sich, sondern für Deutschland, erinnert sich sein Sohn Peter:

"Er hat immer betont: Es gibt keine kollektive Schuld aber eine kollektive Verantwortung, die man annehmen muss. Das war das Signal."

Kniefall als politisches Zeichen

Und es war einer der Höhepunkte der neuen Ostpolitik von Brandts sozial-liberaler Regierung: Entspannung durch Annäherung. Deutschland West sucht den Kontakt zu den Staaten des Ostblocks und die Aussöhnung mit Polen.

Das Bild von Brandts Kniefall geht um die Welt, erinnert sich der damalige Kanzleramtschef Horst Ehmke:

"Der Kniefall fasst zusammen, was Brandt antrieb: Deutschland dazu zu bringen, die Schuld anzuerkennen, und den Frieden und die Versöhnung mit den Nachbarn in Europa voranzutreiben. Das war seine Motivation."

Brand erhält dafür internationale Anerkennung, ein Jahr später, 1971,  bekommt er sogar den Friedensnobelpreis für seine neue Ostpolitik.

Kontroverse Diskussionen über den Kniefall

In Deutschland hingegen wird er heftig angegriffen: Die Gespräche mit dem ideologischen Feind und der Verlust der Gebiete östlich der Oder-Neiße-Grenze machen ihn in den Augen der Konservativen zu einem Vaterlandsverräter. Die CSU spricht vom Ausverkauf deutscher Interessen.

Dennoch, der Warschauer Vertrag wird vom Bundestag angenommen - allerdings erst eineinhalb Jahre später, 248 Ja-Stimmen, 17 Gegenstimmen und 230 Enthaltungen.

Kniefall und Wiedervereinigung

Er war – da ist sich Brandts langjähriger Weggefährte Egon Bahr von der SPD sicher – am Ende auch der Wegbereiter für die Wiedervereinigung:

"Weil es nie eine Deutsche Einheit gegeben hätte ohne die Klarheit über die Grenzen des vereinten Deutschlands. Und die Grenzen des vereinten Deutschland waren nur mit der Oder-Neiße-Linie, nicht durch eine Revision zu bekommen. Insofern war das ein direkter Schritt zur Vorbereitung der Einheit."