27.12.2017 - 09:00

Die 'Heilige Weisheit' am Bosporus Die Hagia Sophia

Die Hagia Sophia prägt das Erscheinungsbild von Istanbul. Die frühere byzantinische Kirche liegt an der Schwelle von Orient und Okzident. Hagia Sophia, das bedeutet auf Deutsch die ‚Heilige Weisheit‘.

Dabei entsteht sie aus einem Volksaufstand. Im Jahr 532 wehrt sich das Volk im damaligen Byzanz gegen Steuererhöhungen des römischen Kaisers Justinian. Der Imperator lässt die Revolte unbarmherzig niederschlagen. Über 30.000 Menschen sollen den Tod gefunden haben.

Die Urkirche wird zerstört

Bei diesem so genannten Nika-Aufstand wird die aus dem  4./5. Jahrhundert stammende Kirche zerstört. Historiker gehen heutzutage davon aus, dass Justinian den Aufstand inszeniert hat, um die Opposition zu provozieren – und seine bereits in der Schublade liegenden Pläne für einen Neubau umzusetzen. "Bereits 38 Tage nach Zerstörung der zuvor stehenden Sophienkirche am 15. Januar 532 wurde mit dem Neubau begonnen", hält der kaiserliche Beamte Zonaras fest.

Aufträge für die berühmtesten Baumeister der Zeit

Kaiser Justinian lässt an ihrem Platz eine neue Kirche entstehen – die Hagia Sophia. Als Erbauer verpflichtet er Anthemios von Tralles und Isidoros von Milet. Es sind die berühmtesten Baumeister ihrer Zeit. In nur fünf Jahren lässt Justinian einen riesigen Neubau aus dem Boden stampfen. "So bietet die Kirche den herrlichsten Anblick…; steigt doch das Gotteshaus fast zu himmlischer Höhe empor und indem es sich von den übrigen Bauwerken fortschwebend löst, grüßt es von oben die übrige Stadt", schreibt Prokop, der aus Caesarea stammende, große Geschichtsschreiber der Antike. Er ist von Justinian als Chronist verpflichtet.

Fast 1000 Jahre ist sie die größte Kirche

Die Ausmaße sind gigantisch. Mit einer Höhe von 55,6 Metern und einem Durchmesser von 33 Metern übertrifft die Kuppel alles, was römische Ingenieure bisher mit Hilfe des Opus caementitium, des Betons der Antike, geschaffen haben. Fast 1000 Jahre lang, bis zur Einweihung des Petersdoms im Jahr 1626, ist sie die größte Kirche der Christenheit. Auch innen ist die Kirche prächtig: Alleine für die Gestaltung des Allerheiligsten sollen 40.000 Pfund Silber aufgewendet worden sein. "Alle die Bauglieder … leihen dem Werk eine einzigartige, ganz ausgezeichnete Harmonie, lassen aber das Auge des Betrachters nicht lange an einer Stelle, sondern jedes Einzelteil zieht den Blick an, um ihn schnellstens auf sich zu lenken. Unausgesetzt wandert das Auge hin und her, da sich der Betrachter nicht im Stande fühlt auszuwählen, was er mehr von all dem anderen bewundern soll", schwärmt Prokop.

Salomons Tempel stand Pate

Eine ganz entscheidende Bedeutung beim Bau der Hagia Sophia hat der Bezug auf den Salomonischen Tempel von Jerusalem wie er im Alten Testament bekannt war. "Ruhm und Ehre dem Allerhöchsten, der mich für würdig hielt; ein solches Werk zu vollenden. Salomo, ich habe Dich übertroffen!", soll Kaiser Justinian bei der Einweihung am 27. Dezember 537 ausgerufen haben. Er lässt sich dabei mit einem Wagen durch die Kirche fahren.

Eine Kirche als politisches Statement

Pflichtschuldig hält der Chronist fest: "Wenn einer das Heiligtum zum Beten betritt, so wird ihm alsbald bewusst, dass nicht menschliche Kraft oder Kunst, sondern Gottes Hilfe dieses Werk gestaltet hat. Sein Sinn aber erhebt sich zu Gott und wandelt in der Höhe und glaubt daran, dass der Herr nicht ferne ist, sondern am liebsten in den Räumen weilt, die er sich selbst ausgewählt hat." Damit ist klar: Die Hagia Sophia ist steingewordene Reichsideologie. Justinian sieht sich als Herrscher von Gottes Gnaden. Nach byzantinischer Lesart ist nicht der Bischof von Rom, sondern der oströmische Kaiser Stellvertreter Gottes auf Erden – und damit der einzige, der universale Macht im Glanz der göttlichen Weisheit repräsentiert.

Die Hagia Sophia im Wandel der Zeitgeschichte

Von Beginn an ist die Hagia Sophia nicht nur Kirche, sondern auch ein Symbol der Zeit- und Kirchengeschichte. Im Jahr 1054 schmettert der römische Kardinal Humbert von Silva Candida die Bulle mit der Exkommunikation des Patriarchen auf den Altar der Kirche, weil dieser das Primat des Papstes nicht anerkennt. Dieser Bruch ist endgültig. Die Ritter des vierten Kreuzzuges erobern 1204 Konstantinopel zurück. Die Hagia Sophia wird wieder katholisch. 1453 wird Konstantinopel von den Osmanen besetzt. Der siegreiche Sultan widmet die Kirche zur Moschee um. Und der türkische Staatsgründer Kemal Atatürk macht die Hagia Sophia 1935 zu einem Museum. Auch heute steht die Kirche, die seit 1985 auf der Welterbeliste der UNESCO steht, im Zentrum der Politik: Seit 2016 gibt es bei der aktuellen türkischen Regierung Überlegungen, die muslimischen Freitagsgebete  wieder in der Hagia Sophia stattfinden zu lassen.

Moderation: Edgar Schnicke