21.03.2019 - 09:20

Der Erzbischof von Canterbury stirbt auf dem Scheiterhaufen Ein Opfer der 'Bloody Mary': Thomas Cranmer

Im England des 16. Jahrhunderts lodern Scheiterhaufen. Maria I. Tudor lässt 300 Menschen als Ketzer verbrennen. Der Prominenteste unter ihnen ist das Oberhaupt der anglikanischen Kirche, er stirbt am 21. März 1556 auf dem Scheiterhaufen.

Auf dem Hof vor St. Mary’s im englischen Oxford ist ein Scheiterhaufen errichtet.

Der Mann, der kurz darauf sterben wird, ruft den Folterknechten zu: "Macht schnell! Macht schnell!" Als die Flammen des Scheiterhaufens auflodern, richtet sich der Mann an die Menge und ruft: "Oh! ... Herr Jesus, empfange meinen Geist … Ich sehe die Himmel offen und Jesus an der rechten Seite Gottes stehen …"

Dieser Mann ist Thomas Cranmer. Wegen Häresie ist er zum Tode verurteilt. Königin Maria I. Tudor hat sich persönlich für seine Hinrichtung stark gemacht. Denn Cranmer ist nicht irgendwer: Er ist der Erzbischof von Canterbury.

Ein Mann aus einfachen Verhältnissen

Am 2. Juli 1489 wird Thomas Cranmer in Aslockton in der Grafschaft Nottinghamshire geboren. Die Eltern sind arm: Der älteste Sohn bekommt alleinig das Erbe, seine jüngeren Brüder Thomas und Edmund treten eine geistliche Laufbahn an. Thomas Cranmer kommt schnell voran: Er studiert in Cambridge und promoviert zum Doktor der Theologie. 1523  erhält eine Professur, 1533 wird er Erzbischof von Canterbury. Den entscheidenden Schub nimmt seine Karriere als er sich auf die Seite des englischen Königs Heinrich des VIII schlägt.

Schulterschluß mit Heinrich VIII

Der will unbedingt einen Sohn als Thronfolger und die Scheidung von seiner ersten Frau, die katholische Katharina von Aragon, die anscheinend nur Töchter gebären kann. Heinrich geht es um Machtpolitik. Cranmer erklärt die Scheidung für gültig und segnet auch die neue Eheschließung seines Monarchen mit Anne Boleyn ab.

Darüber kommt es zum Konflikt mit dem Vatikan: 1534 spricht Papst Clemens VII den Bann über den englischen König aus. Heinrich VIII erklärt daraufhin die Loslösung der englischen Kirche vom Vatikan und ernennt sich selbst zum Oberhaupt der Church of England: 
 "Der König, unser oberster Herr, seine Erben und Nachfolger, sollen als die alleinigen irdischen Häupter der englischen Kirche, genannt anglikanische Kirche, betrachtet werden und die volle Gewalt besitzen, alle Irrtümer, Ketzereien, Missbräuche und Ärgernisse zu unterdrücken und auszurotten." 

Das ist der Bruch mit Rom. Thomas Cranmer unterstützt seinen König: Er stellt das ‚Book of Common Prayer‘ zusammen, die bis heute bestehende Gottesdienstordnung der anglikanischen Kirche.

Maria I. wird zur mächtigen Feindin

Cranmer ahnt nicht, dass er sich eine mächtige Feindin gemacht hat: Die katholische Maria Tudor, die älteste Tochter von Heinrich und seiner ersten Frau Katharina von Aragon. Nach dem Tod von Heinrich und dessen Sohn Eduard wird sie am 1. Oktober 1553 in der Westminster Abbey zur Königin gekrönt. Sie will den Protestantismus in England beseitigen. Aus emotionalen Gründen.

Sie hat die Demütigung, die ihr ihr Vater und vor allem Thomas Cranmer als anglikanischer Geistlicher bereitet haben, niemals vergessen. Der Grund: Auf Druck der beiden musste Maria die Ungültigkeit der Ehe ihrer Eltern und damit ihren eigenen Status als Bastard, als illegitime Tochter einer illegitimen Beziehung, anerkennen. Mary I, auch ‚Bloody Mary‘, die Blutige genannt, will England rekatholisieren. In ihrem Furor lässt sie 300 Menschen als Ketzer verurteilen und verbrennen. Der prominenteste ist eben jener Erzbischof von Canterbury, Thomas Cranmer. Mary besteht ausdrücklich auf seinem Tod: "Seine Frevel und seine Verbohrtheit gegen Gott und Gottes Gnade sind so groß, dass hier Barmherzigkeit und Erbarmen fehl am Platze sind …"

 

Moderation: Edgar Schnicke