Hermann der Lahme
Hermann der Lahme

18.07.2017 - 09:20

Anno Domini: Jahrhundert-Wunder Hermann der Lahme

Am 18. Juli 1013 wurde in Oberschwaben das Kind einer Grafenfamilie geboren, das schon bald schwer erkrankte. Dennoch erlangte das Kind durch seine Taten Berühmtheit unter dem Namen Herrmann der Lahme.

Das Inselkloster auf der Reichenau erlebt unter Abt Berno noch einmal eine große Blütezeit. Als Hermann der Lahme als Schüler aufgenommen wird, ist das Kloster fast 300 Jahre alt. Die Klosterschule und die Bibliothek sind schon zu Zeiten Karls des Großen berühmt, der Klosterplan von St. Gallen, der Idealplan eines Klosters, wird hier gezeichnet, Walahfrid Strabo dichtet hier den "Hortulus", das erste Buch vom Gartenbau in Deutschland. Die benediktinische Neugierde auf die Welt draußen außerhalb der Klostermauern, das Interesse an den wissenschaftlichen Künsten, motiviert von Abt Berno, prägt auch Hermann.

Körperliches Gebrechen

Welche Krankheit ihn lähmt, ist nicht eindeutig, aus den Überlieferungen lässt sich ein Nervenleiden und Muskelschwund diagnostizieren. Die fatalen körperlichen Folgen beschreibt drastisch Berthold, ein Schüler Hermanns:

"Er war derart durch die Grausamkeit der Natur an den Gliedmaßen verrenkt, dass er sich von der Stelle, auf die man ihn niedersetzte, nicht ohne Hilfe wieder wegbewegen, noch sich auf die eine oder die andere Seite wenden konnte."

Hermann ist auf die ständige Hilfe anderer angewiesen, auch auf deren Schreibkraft. Doch all das hindert ihn nicht, zu einem Universalgelehrten seiner Zeit zu werden. Durch seine Lähmung kann er kaum am normalen Klosterleben teilnehmen, umso mehr Zeit hat er für seine Forschungen. Mit zwanzig Jahren soll er, so erzählt man heut noch auf der Reichenau, acht Sprachen beherrschen. Als 15jähriger legt Hermann seine Gelübde ab, mit 30 Jahren wird er trotz seiner Krankheit zum Priester geweiht. Es ist die Zeit seiner größten Schaffenskraft.

Hauptwerk “Chronicon”

"Anno XLII Augusti Caesaris; ex quo autem Aegyptus in provinciam redacta est, et Cleopatra cum Antonio victa XXVIII anno; ab urbe vero condita DCCLII, olympiadis CXCIII anno tertio, Dominus noster Jesus Christus in Bethlehem Judae nascitur, transactis ab initio mundi secundum …"

Hermanns berühmtestes Werk: „Chronicon“, seine Chronik der Weltgeschichte, begonnen fünf Jahre vor seinem Tod. Er ordnet die überlieferten Fakten, stellt das Ereignis von Christi Geburt konsequent an den Anfang – das Jahr Null. Er listet Jahr für Jahr Ereignisse und Persönlichkeiten auf, nennt Herrscher und Päpste. Seine Annalen der eher dunklen Jahrhunderte des frühen Mittelalters sind bis heute eine Quelle der Geschichtsforscher.

Abacus und Astrolabium

Hermann der Lahme ist auch ein begeisterter Mathematiker und Astronom. Überliefertes Wissen stellt er seiner Welt neu zur Verfügung. Er verfasst eine Anleitung zum Gebrauch des "Abacus", einem römischen Rechenbrett. Vor allem aber – und das machte ihn über die Reichenau hinaus berühmt: er entdeckt das "Astrolabium" neu, einen Zeitmesser der Antike. Richtet man die Scheiben des Astrolabiums genau auf Sterne und Sonne aus, lässt sich präzise die Zeit bestimmen. Hermann nutzt arabische Überlieferungen und beschreibt ganz praktisch, wie solch ein Astrolabium gefertigt werden kann. Selber berechnet er die Länge der Mondumläufe und sogar den Umfang der Erde.

Wohlklang und Eleganz

Schließlich beschäftige sich Hermann als Wissenschaftler auch intensiv mit der Musik, entwickelt eine Notation, um Gastmönchen das Mitsingen zu erleichtern. Diese gerät bald in Vergessenheit, denn zeitgleich entsteht in Italien die Notenschrift mit Linien. Aber Hermann komponiert auch selbst, dem gregorianischen Gesang gibt er "wunderbaren Wohlklang und Eleganz", wie sein Schüler Berthold schreibt. Hermann ist als einer der wenigen Komponisten seiner Zeit namentlich bekannt. Und zwei noch heute fest im Stundengebet verankerte Gesänge werden – wenn auch umstritten und bislang nicht belegt – ihm zugeschrieben: die marianischen Antiphonen "Salve Regina" und "Alma Redemptoris Mater".

Verehrt

Am 24. September 1054 stirbt Hermann der Lahme, 41 Jahre alt. "Wunder des Jahrhunderts" wird er bald genannt. Heutige Geschichtsforscher sehen ihn nicht unbedingt als das einzelne Genie, aber als herausragenden Vertreter einer blühenden Wissenschaft hinter Klostermauern, der mit großer Begabung und tiefer Frömmigkeit das Wissen seiner Zeit voranbrachte – mit großer Ehrfurcht von den Menschen verehrt, weil ihm dies trotz seiner starken körperlichen Gebrechen gelang.