Rosa Parks und Martin Luther King 1955.
Rosa Parks und Martin Luther King 1955.

05.12.2018 - 09:20

Amerika ohne Rassenschranken Rosa Parks und der Busboykott

Obwohl in Amerika die Sklaverei offiziell abgeschafft ist, werden noch in den 1950er Jahren die Farbigen als Bürger zweiter Klasse behandelt. Als sich die Näherin Rosa Parks weigert, ihren Sitzplatz für einen weißen Fahrgast zu räumen und dafür verurteilt wird, kommt es am 5. Dezember 1955 in Montgomery im US-Bundestaat Alabama zum Boykott der städtischen Buslinie. Es wird der erste Triumph der US-Bürgerrechtsbewegung, seinen Anfang nimmt er ausgerechnet im Weihnachtsmonat Dezember.

Der erste Dezember 1955 ist ein Donnerstag. Es ist kalt, in den Straßen der Kleinstadt Montgomery im US-Bundesstaat Alabama flackern abends die Lichter der Weihnachtsreklame. Rosa Parks wartet an der Haltestelle. Sie arbeitet als Näherin in einem Kaufhaus. Nach einem langen Arbeitstag will die 42jährige nur nach Hause zu ihrem Mann. Rosa Parks besteigt den Bus Nr. 2857, löst einen Fahrschein und nimmt Platz. Ein paar Stationen weiter steigen weitere Fahrgäste dazu. Einer, ein Mann, muss stehen bleiben.

Die Hautfarbe entscheidet über einen Sitzplatz

"Der Fahrer bemerkte, dass der vordere Teil des Busses voll war mit weißen Passagieren. Wir sollten unsere Sitze freigeben. Die anderen Passagiere standen zögernd auf. Aber ich weigerte mich. Der Fahrer sagte, wenn ich nicht aufstehen wollte, müsste er die Polizei rufen. Und ich sagte: 'Dann rufen Sie die Polizei'", sagt Rosa Parks später. Denn der Mann ist weiß und Rosa Parks – ist schwarz.

In den 1950er Jahren ist die Rassentrennung in den USA allgegenwärtig: Schwarze und Weiße besuchen unterschiedliche Schulen, Restaurants und Schwimmbäder. Sie haben getrennte Sitze in den Bussen. Am 1. Dezember 1955 hatte Rosa Parks genug davon: "Ich war nicht nur von der Arbeit müde, ich war vor allem müde, so würdelos herumgestoßen zu werden. Ich wollte nicht ständig für etwas beleidigt werden, auf das ich keinen Einfluss hatte: die Farbe meiner Haut."

A Star is born: Martin Luther King

Vier Tage später, am 5. Dezember, wird Rosa Parks wegen 'ungebührlichen Verhaltens' und 'Verstoßes gegen örtliche Verordnungen' zu zehn Dollar Strafe verurteilt. Der Prozess dauert keine fünf Minuten. Am gleichen Tag gründet sich ein Bürgerausschuss, die Montgomery Improvement Association, kurz MIA. Zum Vorsitzenden wird ein junger Geistlicher gewählt, der erst ein Jahr zuvor in die Gemeinde gezogen ist: Reverend Martin Luther King. Abends spricht King in der völlig überfüllten Holt Street Baptist Church: "Wir sind nicht hier, um der Gewalt das Wort zu reden. Das haben wir überwunden. Ich möchte, dass überall bekannt wird, dass wir Christen sind. Wir glauben an die Lehre Jesu. Die einzige Waffe, die wir heute Abend in unseren Händen halten, ist die Waffe des Protests."

Gewaltloser Widerstand: Der Busboykott

Die MIA ruft zum Boykott der städtischen Buslinie auf. Die Forderungen: Gleiche Rechte für alle Fahrgäste, respektvolle Behandlung und die Einstellung von farbigen Busfahrern. "Wir sind nicht im Unrecht. Sind wir im Unrecht, ist auch Gott der Allmächtige im Unrecht. Sind wir im Unrecht, war Jesus von Nazareth nur ein Träumer und ist nie zur Erde gekommen. Sind wir im Unrecht, ist Gerechtigkeit eine Farce", betont Martin Luther King:

381 Tage währt der gewaltlose Streik. Farbige gründen Taxiunternehmen, die die Teilnehmer des Boykotts für zehn Cent transportieren. Die Polizei verbietet das und legt einen Fahrpreis von 45 Cent fest. Daraufhin gründen sich private Fahrgemeinschaften, die eigene Haltestellen einrichten. Der Boykott setzt die Stadt Montgomery so unter Druck, dass sie den Fahrpreis drastisch erhöhen muss. Das wiederum führt zu Protesten der weißen Bevölkerung. Von der internationalen Presse wird der Boykott genau verfolgt. Weltweit finden Solidaritätsbekundungen für die Streikenden statt. Die Kirchen halten sich dagegen bedeckt.

Die Rassentrennung ist verfassungswidrig

Am 13. November 1956 bestätigt der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten ein Urteil des Bundesbezirksgerichts für Alabama: Die Rassentrennung in den Bussen ist verfassungswidrig. Am 20. Dezember 1956 steigt Martin Luther King in den ersten integrierten Bus ein: Damit ist der Boykott beendet. Der Bus, in dem Rosa Parks festgenommen wurde, steht heute im Museum.

Rosa Parks als nationale Ikone

Und Rosa Parks selbst? Die Urheberin des Protests bekommt in Montgomery keinen Fuß mehr auf den Boden. Sie und ihr Mann ziehen 1957 nach Detroit. Dort nimmt sie wieder einen Job als Näherin an und arbeitet später als Sekretärin eines schwarzen Abgeordneten. Sie meint bescheiden: "Ich glaube an die Kirche und bin fest in meinem Glauben verankert. Das hat mir den Mut und die Kraft gegeben, so zu handeln, wie ich es getan habe." Am 24. Oktober 2005 stirbt sie im Alter von 92 Jahren. Als erste Frau wird sie im Kapitol in Washington aufgebahrt. Eine Ehre, die nur Präsidenten und Nationalhelden zuteilwird. Bis heute gilt sie als Ikone der Bürgerrechtsbewegung. Der Schriftsteller Eldrige Cleaver hat über sie und den Montgomery Bus Boycott geschrieben: "Ein kleines Nein in einem Bus – und es änderte sich eine Schaltung im Weltgetriebe."

Moderation: Edgar Schnicke