Blick auf das Gerhart-Hauptmann-Haus auf Hiddensee.
Blick auf das Gerhart-Hauptmann-Haus auf Hiddensee.

06.06.2021

Vor 75 Jahren starb Literaturnobelpreisträger Gerhart Hauptmann Weltdichter mit braunen Flecken

Die Schicksale der kleinen Leute verdichtete er zu Weltdramen: Gerhart Hauptmann gilt als einer der wichtigsten Vertreter des Naturalismus. Sein literarischer Wert ist unbestritten, seine Anbiederung an die Nazis auch.

Ob "Der Biberpelz", "Die Ratten" oder "Die Weber" - an Gerhart Hauptmanns Stücken kommt kaum ein Theaterbesucher vorbei. Der Autor erntete mit seinen dem Naturalismus verpflichteten Sozialdramen großen Erfolg. Seine politische Haltung war wechselhaft - was sein Ansehen bis heute schmälert: Er bejubelte den Ersten Weltkrieg, begrüßte die Weimarer Republik und arrangierte sich mit den Nazis. Vor 75 Jahren starb der Literaturnobelpreisträger von 1912 am 6. Juni 1946 in Agnetendorf, dem heute polnischen Jagniatkow.

Abgebrochene Lehre und Studiengänge

Im damaligen Ober-Salzbrunn (Szczawno-Zdroj) wurde Hauptmann 1862 geboren. Sein Start war zäh: Nach der Realschule in Breslau (Wroclaw) brach er eine Landwirtschaftslehre ab, auch der Besuch einer dortigen Bildhauerklasse blieb erfolglos.

Dann freundete er sich mit der Radebeuler Kaufmannstochter Marie Thienemann an. Sie unterstützte ein Philosophie- und Literaturstudium in Jena, das Hauptmann schnell sein ließ, und den Versuch einer Bildhauerkarriere in Italien. Auch ein Zeichenstudium in Dresden und eines der Geschichte in Berlin vollendete er nicht.

Familiengründung und erste literarische Schritte

1885 heirateten er und Thienemann, sie bekamen zügig die Söhne Ivo, Eckart und Klaus. In Berlin, wo sie wohnten, lernte er andere Literaten kennen. 1887 erschien die Erzählung "Bahnwärter Thiel", 1889 zeigte das Berliner Lessingtheater "Vor Sonnenaufgang". Die Milieustudie mit Alkohol, Sex und Suizid entsetzte das bildungsbürgerliche Publikum - und steigerte Hauptmanns Bekanntheit.

Er schrieb Theaterstücke wie "Der Biberpelz" (1893) und zuvor, 1891/92, sein bedeutendstes Werk "Die Weber" über den Aufstand der schlesischen Weber von 1844. Zur Uraufführung am 25. September 1894 des zunächst mit einem Aufführungsverbot belegten Dramas ließ Kaiser Wilhelm II. aus Protest seine Loge im Deutschen Theater Berlin kündigen.

Wechselhafte Haltung zur Politik

Beruflich schwamm Hauptmann auf der Welle des Erfolgs, arbeitete nach dem Motto "Nulla dies sine linea" (kein Tag ohne eine Zeile), und erhielt viele Ehrungen - dreimal den Grillparzer-Preis und 1912 den Literatur-Nobelpreis. Privat stand nach seiner Scheidung 1904 die Hochzeit mit seiner Geliebten an: Margarete Marschalk, der Mutter seines Sohnes Benvenuto.

Dichterisch wandte er sich - von Ausnahmen wie "Die Ratten" (1911) abgesehen - mythischen Stoffen zu, wie bei "Hanneles Himmelfahrt" (1893). Auch seine Haltung zur Politik wechselte: Zu Beginn des Ersten Weltkriegs unterschrieb er das "Manifest der 93". Darin bekannten sich Intellektuelle und Künstler zu Kaiser und Militarismus und stritten zugleich eine deutsche Kriegsschuld ab.

Hauptmann und die NS-Zeit

Dennoch begrüßte Hauptmann 1918 die Weimarer Republik. Ein weiterer Schwenk folgte im März 1933: Er unterschrieb eine Loyalitätsbekundung der Sektion Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste für Adolf Hitler. Im selben Jahr beantragte er - wohl wegen einer Aufnahmesperre erfolglos - die NSDAP-Mitgliedschaft. Sein ehemaliger Förderer, der jüdische Theaterkritiker Alfred Kerr, urteilte hart: "Sein Andenken soll verscharrt sein unter Disteln".

Zwar wurden einige seiner Werke von NS-Propagandaminister Joseph Goebbels zensiert, aber prinzipiell kam der Autor mit den braunen Machthabern gut aus. Der NS-Vorzeigekünstler Arno Breker schuf ihm zum 80. sogar eine Porträtbüste. 1944, im Jahr der Veröffentlichung seiner "Atriden-Tetralogie", nahmen ihn Hitler und Goebbels in die sogenannte Gottbegnadeten-Liste der wichtigsten Kulturschaffenden auf. Am 6. Juni 1946 starb Hauptmann in der Villa Wiesenstein in Agnetendorf, neben Berlin und Hiddensee einer seiner Wohnorte. Zur Bestattung auf der Insel kam auch der damalige Ko-Vorsitzende der SED, Wilhelm Pieck.

In der DDR wurde Hauptmann wegen seiner Sozialkritik goutiert, in der Bundesrepublik wurde er wegen seiner Anbiederung an die Nazis zunehmend kritisiert. Vielen ist die Wendehalsigkeit des Autors, der zeitweilig utopistischen Gedanken bei den Aussteigern auf dem Monte Verita bei Ascona nachging, nur schwer erträglich. Auch bei Hauptmann gilt: Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten.

Silke Uertz
(KNA)

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