Kreuzgang eines Klosters (Symbolbild)
Kreuzgang eines Klosters (Symbolbild)
Pater Noach Heckel OSB
Pater Noach Heckel OSB

01.03.2021

Was passiert, wenn der Klostergründer nicht gehen will? Von Ungehorsam, Strafe und Einsicht

Der Gründer der Gemeinschaft von Bose, Enzo Bianchi, will sein Kloster nicht verlassen, obwohl der Vatikan es angeordnet hat. Welche Möglichkeiten hat der Papst? Wie gehen andere Gemeinschaften, etwa die Benediktiner, mit einem Leitungswechsel um? 

DOMRADIO.DE: In Bose zeigt sich gerade ein Beispiel für einen schwierigen Umbruch in einer klösterlichen Gemeinschaft: Kommt das häufiger vor? 

Pater Noach Heckel OSB (Benediktiner und Kirchenrechtler): Ich war selbst noch nicht in Bose, aber was dort auftritt, ist vielleicht auch menschlich verständlich: Wenn der Gründervater geht, das ist noch mal etwas anderes, als wenn nur ein normaler Abtswechsel stattfindet. Und selbst das ist eine besondere Situation für eine Gemeinschaft, wenn ein Abt 20 Jahre im Amt war und dann jemand Neues gewählt werden soll.

Jetzt haben wir hier jemanden, der 50 Jahre im Amt war. Alle Mitbrüder, die dort eingetreten sind oder auch Schwestern, es ist eine gemischte Gemeinschaft, soweit ich weiß, wurden von ihm aufgenommen. Er ist eine charismatische Gestalt. Dadurch hat er eine besondere Stellung, die vielleicht andere Äbte nicht so haben. Insofern ist es sicherlich eine besondere Situation.

DOMRADIO.DE: Bei den Benediktinern gibt es auch Äbte, die jahrzehntelang im Amt bleiben. Was macht man im Kloster, um den Übergang zu einem neuen Abt leichter zu gestalten?

Pater Noach: Wir wählen unseren Abt. Aber man darf diese Wahl im Kloster nicht mit der Bundestagswahl oder der Gemeinderatswahl vergleichen. Das hat eine andere Qualität. Der Abt hat die Rolle Christi im Kloster und dessen Wahl ist vor allem auch ein geistlicher Prozess. Der Heilige Geist bestimmt durch die Mitbrüder den Richtigen, und es ist Aufgabe der Mönche, sich dem Wirken des Geistes zu öffnen. Deshalb darf auch kein Wahlkampf im Kloster betrieben werden. Ich kann mich erinnern, als bei 2006 der Abt zurückgetreten ist, hatten wir vor allem besondere Gebetszeiten. Wir haben uns in der Krypta versammelt zur stillen Anbetung.

Mitbrüder haben mir auch erzählt, dass für sie die Zeit vor der Wahl keine einfache Situation war. Sie müssen sich das vorstellen: Wir laufen dann manchmal so im Kreuzgang entlang. Dann sieht man den einen oder anderen und denkt: Mein Gott, wenn der das wird... Es ist menschlich, dass man sich solche Gedanken macht, wie es weitergehen könnte. Was bedeutet es dann für mich? Da hilft eine geistliche Einstimmung, dem anderen eine Chance zu geben, wer immer es dann wird, und auch wirklich frei zu wählen. Es dürfen dabei keine unlauteren Motive eine Rolle spielen: Ich wähle nicht, um etwas Bestimmtes zu erreichen, sondern es geht darum, dass der Beste für dieses Amt gewählt wird, der die Gemeinschaft weiterführen soll.

In der Regel kommt der Abtpräses ins Kloster, der die Wahl begleitet. Der setzt dann den Gewählten in sein Amt ein. Das ist auch ein wichtiger Unterschied zum Staat: Der Abt wird sozusagen von oben eingesetzt. Wir haben ein Amtsverständnis, das an die Sendung Jesu anknüpft, der sagt: "Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch." Von dort bekommt der Abt seine Autorität. Das ist eine besondere Verpflichtung für ihn, dieser auch gerecht zu werden.

DOMRADIO.DE: In Bose hat der Vatikan angeordnet, dass der Gründer ausziehen muss. Welche Möglichkeiten hat der Papst, im Kloster einzugreifen?

Pater Noach: Der Vatikan, der Apostolische Stuhl oder der Papst kann in der Kirche im Grunde fast alles. Er kann einen Abt absetzen. Er kann einen anderen einsetzen. Wenn er klug ist, dann wird er das nicht nach Belieben tun. Meine Erfahrung mit dem Heiligen Stuhl ist es, dass zunächst immer versucht wird, auf die Selbstheilungskräfte einer Gemeinschaft zu setzen. Wir als Benediktiner sind in Kongregationen organisiert.

Wir haben selbstständige Abteien, die autonom sind, aber die wiederum in Dachverbänden zusammengeschlossen sind, in sogenannten Kongregationen. Da bestehen eine gegenseitige Hilfe und Unterstützung. Man muss nicht gleich zum Heiligen Stuhl laufen, sondern es ist gut, die Dinge erst einmal auf der unteren Ebene zu lösen. Ein wichtiges Mittel gegenseitiger Hilfe ist die Visitation.

Der Abtpräses, der Leiter der Kongregation, besucht die Klöster und hat gleichzeitig Leitungsgewalt. Er kann als Visitator zum Beispiel auch Brüder versetzen, wenn es Ärger gibt. Aber das ist immer die ultima ratio. Zunächst einmal kommt er in ein Kloster, um der Gemeinschaft zu helfen, sich selbst in den Blick zu nehmen. Im Rahmen einer solchen Visitation wird auch immer eine sogenannte Vertrauensfrage gestellt: Vertrauen die Brüder dem Abt noch? Das Ganze wird geheim gemacht und der Abtpräses sagt dem Abt: "90 Prozent stehen hinter dir. Du kannst sicherlich weitermachen."

Aber es kann auch sein, dass ein großer Teil der Brüder sagt: "Wir haben kein Vertrauen mehr in den Abt."  Dann würde der Präses sich an den Heiligen Stuhl wenden und ihn bitten - wenn der Abt nicht freiwillig zurücktritt, was er in der Regel tun wird, weil es schwierig ist, ein solches Amt ohne den Rückhalt der Brüder auszuüben - den Abt abzusetzen.

DOMRADIO.DE: Aber der Papst kann ja nicht mit der Schweizergarde im Kloster einmarschieren und den Abt herausholen...

Pater Noach: Das ist grundsätzlich ein Problem in der Kirche: Wir haben keinen Exekutivarm wie die Polizei. Es gibt auch keine Verliese, wo wir irgendjemanden einsperren können. Kirchenrecht ist immer auch ein stumpfes Schwert. Aber in der Regel beugt sich die Person dieser Anordnung. Der Gehorsam spielt er im Kloster eine große Rolle. Wir haben das gelobt. Es ist eines unserer Gelübde. Wir haben es im Grunde auch Gott versprochen, gehorsam zu sein. Ich glaube, das wischt niemand so einfach beiseite.

DOMRADIO. DE: Im Kloster leben aber auch nur Menschen, und es kann immer vorkommen, dass jemand ungehorsam ist - jetzt etwa im Fall von Enzo Bianchi. Wie geht man bei den Benediktinern mit Ungehorsam um?

Pater Noach: Der Heilige Benedikt kennt viele Maßnahmen, er hat in seiner Regel ein eigenes Strafkapitel. Das Thema Strafen ist heute sehr schwierig, gerade auch in einer Gemeinschaft. Früher, um ein Beispiel zu nennen, war der Ausschluss eine Strafe. Jemand durfte nicht mehr in der Gemeinschaft essen, sondern musste allein essen. Heute, zumindest in Deutschland, haben wir eine so starke Individualisierung, dass manch einer sogar froh ist, wenn er mal in Ruhe allein essen kann. Es ist sehr schwierig, da Strafen zu finden. In den ersten Jahrhunderten gab es auch körperliche Züchtigungsmittel. Das ist nichts, was heute zur Anwendung käme.

Für Benedikt ist die Reinigung der Gemeinschaft etwas ganz Wichtiges. Wir haben beispielsweise in Münsterschwarzach Dekanien, das sind Kleingruppen, die der Heilige Benedikt vorgesehen hat. In dieser Gruppe setzen wir uns - auch jetzt in der Fastenzeit in ein oder zwei Wochen - mit acht oder neun Mönchen zusammen und kommen in der sogenannten "Culpa" über unser Fehlverhalten ins Gespräch. Das ist eine Möglichkeit, selbst zu versuchen, mit dem Thema "Schuldig aneinander werden" umzugehen.

Es gibt manchmal auch die Notwendigkeit, dass der Abt eingreifen muss. Aber auch da steht an erster Stelle das Gespräch, das er mit dem einzelnen Mitbrudern führt. Ohne die Einsicht des Einzelnen wird man langfristig nicht weiterkommen. Das ist das, was am Anfang stehen muss, bevor man darüber nachdenkt, ob man jemanden versetzt oder aus der Gemeinschaft ausschließt. Das letzte Mittel wäre, jemanden aus der Gemeinschaft zu entlassen.

Meine Erfahrung ist, dass es ohne die letzte Maßnahme gelingt. Das ist auch die Aufgabe des Abtes. Er soll ein Vater sein und ein Vertrauen zu den Einzelnen aufbauen, um seine Mönche in die richtige Richtung zu führen. Sie sollen zu reifen Menschen werden, darum geht es. Ein Kloster ist keine Zuchtanstalt, sondern wir wollen reife Menschen werden. Wir wollen miteinander in Gemeinschaft- als kleiner Ausschnitt des Volkes Gottes, wie das Zweite Vaticanum schreibt - auf Christus zugehen.

DOMRADIO.DE: Gibt es eine Methode, mit der man unschöne Situationen wie jetzt in Bose verhindern kann?

Pater Noach: Ich tu mich schwer, Bose irgendein Rezept an die Hand geben zu wollen. Enzo Bianchi hat sehr viel geleistet in 50 Jahren. Was für eine benediktinische Gemeinschaft ganz wichtig ist, miteinander im Gespräch zu bleiben. Wir begegnen uns ständig. Das ist der Vorteil eines klösterlichen Rahmens. In Bose in Italien ist das ähnlich, soweit ich weiß. Es geht darum, in Kontakt zu bleiben, einander zu erzählen, was uns bewegt.

Ich habe vorhin die Dekanien schon genannt, das sollen Orte sein, in denen wir uns untereinander austauschen - auch über das, was uns schwerfällt. Es ist nicht immer einfach, miteinander zu Lösungen zu kommen. Aber das Entscheidende ist doch, miteinander in Kontakt zu bleiben. Wenn die Mitbrüder anfangen, das Treppenhaus zu wechseln, um dem anderen nicht zu begegnen, dann wird es schwierig.

Im Gespräch zu bleiben scheint mir das Entscheidende zu sein. Nicht nur im Kloster, sondern überhaupt in Kirche. Wenn wir aufhören, miteinander zu reden, dann wird es wirklich schwierig.

Das Gespräch führte Gerald Mayer.

(DR)

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