Der Leichnam von Carlo Acutis aufgebahrt in Assisi
Der Leichnam von Carlo Acutis aufgebahrt in Assisi
Wolfgang Beck
Wolfgang Beck

12.10.2020

Pastoraltheologe Beck fordert Überdenken des Heiligsprechungsprozesses Skurril und aus der Zeit gefallen?

Ein toter 15-Jähriger in Jeans und Pullover liegt aufgebahrt hinter Glas. Das Bild des "Cyber-Apostels" Carlo Acutis, der am Wochenende seliggesprochen wurde, sorgt bei einigen für Irritation. Der Pastoraltheologe Wolfgang Beck befürchtet eine "Instrumentalisierung".

DOMRADIO.DE: Das mutet doch schon so ein wenig seltsam an, wenn ein Junge 14 Jahre nach seinem Tod ausgegraben und dann für die Öffentlichkeit hergerichtet wird. Ist das üblich bei solchen Seligsprechungen? Also muss man das so machen?

Prof. Dr. Wolfgang Beck (Pastoraltheologe, St. Georgen Frankfurt): Solche Vorgehensweisen sind nicht zwingend gegeben. Sie haben aber in der katholischen Kirche eine gewisse Tradition, weil die Heiligenverehrung häufig - nicht immer, aber häufig - verbunden ist, mit der Annahme, dass ein Leichnam nicht verwest ist. Das entspricht allerdings einer Frömmigkeitsform, die nicht mehr unbedingt die des 21. Jahrhunderts ist, zumindest nicht für uns in Westeuropa wahrscheinlich, sodass es dann nicht verwunderlich ist, dass das ein bisschen skurril wirkt oder aus der Zeit gefallen.

Das hat natürlich auch positive Seiten. Das Thema Internet und Digitalität erlangt mit so einer Seligsprechung dann auch im Raum der Kirche ja eine gewisse Sichtbarkeit. Das würde ich schon positiv würdigen. Aber der konkrete Umgang mit einem Leichnam, der muss, glaube ich, in der katholischen Kirche, in dieser Heiligenverehrung schon überdacht werden.

DOMRADIO.DE: Natürlich bekommt dieses Thema Aufmerksamkeit, aber es ist doch schon paradox, dass dieser Junge, für neue Kommunikationstechniken bekannt, da jetzt ausgestellt wird, wie vor Hunderten von Jahren.

Beck: Sie formulieren das noch sehr freundlich und verhalten. Man kann es auch durchaus abstoßend finden und eben fragwürdig. Das ist ganz klar. Da spielt vielleicht ein bisschen mit rein, dass dieser junge Mann, der seliggesprochene Carlo Acutis, ja auch sozusagen für eine Form jugendlicher Christinnen und Christen steht, die sehr gerne vereinnahmt wird, gerade in sehr konservativen Teilen der katholischen Kirche. Das ist nochmal besonders leicht, weil er sich auch mit Dingen beschäftigt hat, mit denen sich sicherlich die wenigsten Jugendlichen beschäftigen. Er hat ja so ein Internet-Verzeichnis von eucharistischen Wundern erstellt. Das ist ganz ausgesprochen kompatibel für solche sehr konservativen traditionalistischen Kirchenkreise, sodass er da sicherlich auch schnell ein wenig instrumentalisiert werden kann, was es nicht weniger problematisch macht.

DOMRADIO.DE: Braucht man dann diese realen Eindrücke, trotz dieser ganzen virtuellen Welt, um die es ja eigentlich geht?

Beck: Natürlich braucht es auch in der Religionspraxis Fragen der Leiblichkeit und auch greifbare Formen der Heiligenverehrung. Denken Sie nur, wie wichtig Wallfahrten und Pilgerfahrten sind, gerade auch am Ende des 20. Jahrhunderts und im 21. Jahrhundert. Es braucht schon so eine Leiblichkeit, aber nicht jede Form der Leiblichkeit braucht es, glaube ich. Nicht jede Form ist dann auch noch zeitgemäß.

Einen Leichnam noch aufzuarbeiten, um ihn dann in einem Glassarg ausstellen zu können? Ja, es ist sicherlich eine Frage von kultureller Prägung, auch von Mentalität. Die ist in Italien sicherlich auch noch mal anders als bei uns in Deutschland. Aber ich glaube, auch dort wird es viele Stimmen geben, die sagen, eigentlich wirkt das eher abstoßend. Man könnte diesen jungen Mann eher ehren und ihm ein Andenken gestalten, indem man auf solche Formen verzichten würde. Das würde ihm sicherlich eher entsprechen.

DOMRADIO.DE: Auf der anderen Seite kann man sagen, es gab einige hundert, überwiegend junge Pilger, die dann nach Assisi zur Seligsprechung angereist sind, gepilgert sind. Wie glauben Sie denn generell, dass in Zukunft katholische Inhalte, ja auch Emotionen wie dort in Assisi, an junge Menschen vermittelt werden können?

Beck: Ja, ich glaube schon, dass das auch über persönliche Gestalten möglich wird, da so einen jungen Menschen einmal vorzustellen, der ja auch in gewisser Weise einen tragischen Lebensweg hatte, er ist ja sehr früh verstorben, und deutlich zu machen, dass es da einem jungen Mann irgendwie gelungen ist, das Digitale - und seine Hobbys in dem Bereich - zusammenzubringen mit einem aktiven Glauben. Da scheint er mir schon ein positives Beispiel zu sein. Und vielleicht hat er auch eine Vorbildfunktion, gerade für Jugendliche. Das ist so der Wert in diesem Vorgehen, und ich glaube, dass über solche Personen vorzustellen solche Lebenswege, das kann im 21. Jahrhundert schon sinnvoll sein. Ich würde davon nicht gänzlich Abschied nehmen.

Aber natürlich sind einige Facetten in solchen Prozessen, oder in der Heiligenverehrung, davon ausgenommen und sind eher fragwürdig. Das gilt auch für die Annahme es brauche unbedingt ein Wunder, sei es noch so seltsam, um die "Heiligmäßigkeit" eines heiliggesprochenen oder seliggesprochenen nachzuweisen. Das ist ja mittlerweile sehr umstritten. Auch das scheint mir nicht unbedingt nötig und auch nicht unbedingt hilfreich zu sein für die Heiligenverehrung.

(DR)

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