Joe Biden, ehemaliger US-Vizepräsident und Bewerber um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten, spricht während eines Gottesdienstes.
Joe Biden, ehemaliger US-Vizepräsident und Bewerber um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten, spricht während eines Gottesdienstes.
Kamala Harris
Kamala Harris

14.08.2020

Im US-Wahlkampf vermischen sich Politik und Glauben Wie der Katholik Biden um Evangelikale wirbt

Gewinnt der demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden im November die Wahlen, bekommen die USA den zweiten römisch-katholischen Präsidenten. Politik und Glauben sind wieder einmal eng vermischt im Wahlkampf.

Der demokratische US-Präsidentschaftskandidat Joe Biden hat es nicht leicht beim Werben um christliche Wählerstimmen. Donald Trumps Republikaner verlassen sich auf die «christliche Rechte». Der Präsident gilt unter vielen weißen Protestanten als Verteidiger christlicher Werte beim Thema Abtreibung und Religionsfreiheit. 

Manche Abtreibungsgegner machen Biden die katholische Identität streitig wegen seiner Befürwortung des Rechts auf Schwangerschaftsabbruch. Der amtierende US-Präsident Trump behauptete Anfang August bei einer Wahlansprache in Ohio, Biden verfolge eine "radikale linke Politik". Er sei "gegen Gott" und die Bibel und gegen Schusswaffen.

In der Demokratischen Partei sind Glaubensfragen komplex. Ihre Kernwähler sind säkular orientierte junge Menschen und zugleich kirchlich engagierte Afroamerikaner. Der 77-jährige Biden ist ein katholischer Politiker alten Schlages. Mehr als andere Demokraten spricht er häufig über seinen Glauben und seine Kindheit in einem katholischen Elternhaus.

Biden hat bei Ordensschwesterm gelernt

Ordensschwestern hätten ihm Lesen und Schreiben beigebracht, und dass man sich um andere Menschen kümmern müsse, erzählt Biden in seiner Autobiografie "Promises to Keep" (deutsch: Versprechen, die man halten muss). Sein Selbstverständnis, sein Konzept von Familie und Gemeinschaft und seine Weltanschauung basierten auf seiner Religion. Der Politiker Biden steht für eine Einwanderungsreform und eine robuste Sozialpolitik.

Katholiken machen nur rund ein Fünftel der US-Bevölkerung aus. Mehr als ein Drittel davon sind heute Latinos. In Bidens Kindheit und Jugend waren die meisten Katholiken weiß. 2016 haben laut Nachwahlbefragungen weiße katholische Wähler mehrheitlich für Trump gestimmt, aber zwei Drittel der Latino-Katholiken für die Demokratin Hillary Clinton.

Biden betonte zu Beginn seines Wahlkampfes, es gehe um "Amerikas Seele". Im Herzen der katholische Lehre stehe, dass wir "uns um unseren Nachbarn sorgen", erklärte der stellvertretende politische Direktor der Kampagne, John McCarthy, im Jesuitenmagazin "America". Wenn sich Wähler daran orientierten, würden sie für Biden stimmen.

Biden und seine Kirche: Uneins in Abtreibungsfrage

Kirchen dürfen in den USA nicht parteipolitisch aktiv sein. Die römisch-katholischen Bischöfe sind zufrieden mit Trumps Haltung gegen Abtreibung, kritisieren jedoch dessen Einwanderungsrestriktionen und Sozialpolitik. Im Vorwahlkampf hatte ein Priester in South Carolina Biden die Kommunion verweigert. Politiker, die Abtreibung befürworteten, stellten sich "außerhalb der Lehre der Kirche", begründete der Geistliche in einer Ortszeitung.

Biden sagte in einem Fernsehinterview, er werde das nicht erörtern. Er haben schon einmal die Kommunion empfangen von Papst Franziskus. Ein Wahlkampfvideo zeigt Biden mit dem Papst und Ordensschwestern im Vatikan.

Koordinator der Biden-Kampagne bei Glaubensfragen ist der evangelikale Berater und frühere Republikaner Josh Dickson. Bei der Abtreibungsfrage bemühte er sich im evangelikalen Magazin "Christian Post" um eine passable Erklärung. Es sei ihm klar, dass nicht jeder mit Biden in allen Punkten einer Meinung sei.

Kennedy: "Spreche ich nicht für meine Kirche, und meine Kirche nicht für mich"

John F. Kennedy wurde 1960 als erster Katholik zum US-Präsidenten gewählt. Damals gab Vorurteile im protestantischen Amerika gegen ihn. Führende Geistliche erklärten, Protestanten müssten es sich genau überlegen, ob ein Katholik ins Weiße Haus einziehen sollte. Protestantischer Liebling war damals der Republikaner Richard Nixon, ein Freund von Baptistenprediger Billy Graham.

Kennedy versicherte, bei politischen Fragen "spreche ich nicht für meine Kirche, und meine Kirche spricht nicht für mich". Bei der Parteiversammlung 1960 räumte Kennedy ein, die Demokraten seien nach Ansicht vieler ein Risiko eingegangen mit einem katholischen Kandidaten. Er gewann knapp. Biden muss seine Distanz zum Vatikan gar nicht mehr thematisieren. Höchstens wird von konservativer Seite kritisiert, dass er die Lehre seiner Kirche nicht befolge.

Konrad Ege
(epd)

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