Sr. Rita Schiffer (Missionsärztin in Äthiopien)
Sr. Rita Schiffer (Missionsärztin in Äthiopien)
Sr. Rita Schiffer (Missionsärztin in Äthiopien)
Sr. Rita Schiffer (Missionsärztin in Äthiopien)
Podcast: Himmelklar - Fürchtet Euch nicht
Podcast: Himmelklar - Fürchtet Euch nicht

22.05.2020

Eine Missionsschwester berichtet aus Äthopien Mit Gott durch die Corona-Bedrohung

Wie rüstet sich Äthiopien für Corona? Wie schützen sich die Menschen im Alltag? Schwester Rita Schiffer lebt seit Jahrzehnten im Land und sagt: Unsere einzige Chance ist die Prävention - und der Glaube. 

Himmelklar: Seit mehr als 20 Jahren leiten Sie als Ordensfrau und Ärztin in Äthiopien das Attat-Landkrankenhaus, knapp 200 Kilometer südwestlich von Addis Abeba. Wie geht es Ihnen, wie ist die Lage bei Ihnen? 

Sr. Rita Schiffer (Missionsärztin in Äthiopien): Uns geht es gut. Bei uns gibt es noch keinen Corona-Fall. Aber wir sind ja auch auf dem Land.

Himmelklar: Afrika ist zum Glück noch nicht so betroffen von der Virusausbreitung wie Europa oder Amerika. Wie ist die Lage bei Ihnen in Äthiopien gerade insgesamt?

Schwester Rita: Der letzte Stand sind 273 Betroffene bei fünf Todesfällen. Das ist eigentlich ein sehr guter Prozentsatz an Letalität. Die meisten Fälle sind logischerweise in der Hauptstadt Addis Abeba, wo viele Leute rein- und rausgehen. Unser nächster Fall ist 60 Kilometer entfernt. Wir selber hatten noch keinen Patienten, der positiv hier angekommen ist im Krankenhaus.

Himmelklar: Grundsätzlich gesprochen Wie sieht denn Ihre Arbeitssituation aus?

Schwester Rita: Als Krankenhaus haben wir alle nötigen Präventionsmaßnahmen eingeleitet. Wir haben nur 95 Betten, haben aber in der Regel sehr viele Patienten. Und im Rahmen der Auflagen gibt es einen separaten Eingang und Ausgang. Da muss man sich die Hände waschen. Die meisten tragen Masken. Unsere Angestellten sowieso. Dann haben wir unsere Treffen vom Krankenhauspersonal, Besprechungen und so weiter. Da müssen wir Abstand halten. Es gibt eine Taskforce im Krankenhaus, die sich wöchentlich trifft, um die Lage zu besprechen, vor allen Dingen auch die Lage in den Dörfern, die uns ja dann wiederum direkt betrifft.

Himmelklar: Bei uns ist ja der ganze Alltag vom Virus geprägt. Wie ist das bei Ihnen?

Schwester Rita: Wenn ich eine Telefonnummer wähle, bekomme erst mal einige Minuten lang eine Lektion über Händewaschen, Abstand halten, Tuch vor dem Mund halten, wenn man niest und wenn man spricht, dass man Ansammlungen meiden soll, dass man Abstand halten soll. Das kriegt man bei jedem Telefonat als Erinnerung gesagt. Ansonsten wurde auf allen Märkten der Abstand zwischen den Marktfrauen vergrößert und der Platz wurde erweitert. Aber natürlich müssen die Leute da immer noch durch, und das ist doch ein relatives Getummel, was natürlich nicht zu vermeiden ist, denn die Leute müssen ja essen, und sie müssen auch verkaufen, damit sie Geld haben.

Himmelklar: Gibt es ausreichend Masken?

Schwester Rita: Es gibt inzwischen schon eine ganze Bandbreite von selbst genähten Masken. Wir selber als Krankenhaus nähen auch unsere Masken selber. Es gibt sie jetzt in allen Farben mit Gummibändchen und mit Schleife. Das ist richtig ein Handel geworden. Wir selber verkaufen sie von einem Mädchenprojekt in der Pfarrei für 15 Cent. Auf dem Markt muss man schon etwas mehr bezahlen, aber dafür sind sie schön bunt.

Für unser Krankenhaus ist das Public Health Programm sehr wichtig, also das Programm der öffentlichen Gesundheit. Unser Team geht von Haus zu Haus in den Dörfern, für die wir verantwortlich sind, und betreibt Aufklärung. Wenn Leute aus Addis Abeba zurückkommen, ohne Geld, weil dort viele Fabriken geschlossen sind, sind sie ja potenziell infiziert. Da wird vorgeschlagen, dass sie sich so ein bisschen separat in einer Hütte aufhalten und 14 Tage lang etwas Abstand halten. Sozusagen eine ländliche Quarantäne. Es ist total wichtig, darüber zu sprechen. Denn wenn die Leute nur versteckt werden, dann wird das Ganze sehr unübersichtlich. Es ist wichtig, dass das transparent ist, dass man eine Anweisung gibt, dass man Ängste nimmt. Die meisten Leute sind nicht infiziert, die kommen. Aber wir wollen, dass nichts passiert und uns nichts passiert. Wir haben eine sehr große Glaubwürdigkeit bei der Arbeit hier in unseren Dörfern, sodass die Leute auch ganz gut auf uns hören.

Himmelklar: Gibt es auch Hygienmaßnahmen in den Privathäusern?

Schwester Rita: Eine Bedingung von der Regierung ist, dass jedes Haus eine Möglichkeit zum Händewaschen vor der Haustür haben muss. Das sieht man auf dem Land so aus, dass leere Speiseölcontainer mit einem Loch an einem Baum oder einen Zaun gehängt werden, dann wird Wasser eingefüllt und das Loch mit einem Stöckchen verschlossen. Jeder, der das Haus betritt, auch die Familie, wäscht sich dann die Hände mit einem Stück Seife als Präventionsmaßnahme. Es gibt viele Mittel, die die Immunität stärken, unter anderem Zitronen, Knoblauch, Ingwer. Hier wird sowieso viel von diesen Sachen gegessen, auch unter normalen Umständen. Aber jetzt, wo es darum geht, eine gute Immunität zu haben, sind Knoblauch und Ingwer und Zitronen ganz hoch in der Nachfrage. Da gingen auf einmal die Preise hoch. Knoblauch war auf einmal viel zu teuer. Und dann hat die Regierung ein Gesetz erlassen: Jeder, der überhöhte Preise nimmt, kommt ins Gefängnis. Und jetzt sind die Preise zwar doppelt so hoch wie normalerweise, aber nicht mehr zehnfach. Von daher hat sich das etwas reguliert, und jeder kann jetzt seine Immunität stärken.

Und es ist schon großer Respekt da vor der Großstadt und dem Virus. Busse dürfen nur die halbe Anzahl der Passagiere nehmen. Das heißt, die Passagiere, die da sind, müssen doppelt bezahlen. Alles ist sehr teuer und das ist auch ein Grund, unnötige Fahrten zu vermeiden. Für uns sieht das so aus, dass wir im Moment nur die Hälfte unserer Patienten in der Ambulanz haben. Das heißt, am Nachmittag, wo wir normalerweise noch richtig arbeiten müssen, ist es total ruhig, weil die Leute sich sehr gut überlegen: Wann verlasse ich mein Haus?

Himmelklar: Welche Rolle spielt der Glaube?

Schwester Rita: Ein große Rolle! Eine wirkliche Herausforderung sind Beerdigungen. Beerdigungen sind sehr wichtig hier auf dem Land. Das Haus nicht besuchen zu dürfen, in dem jemand verstorben ist, ist eine total schwere Angelegenheit. Es gibt dann doch wieder heimliche Besuche, aber in reduzierter Form. Aber das ist wohl die schwerste Auflage, dass es keine offiziellen großen Beerdigungen geben darf. Äthiopien ist ein Land, wo Gott in der Luft liegt. Es ist also völlig unvorstellbar, dass es keinen Gott gibt oder dass Gott nichts mit meinem Alltag zu tun hat. Das ist einfach eine Tatsache. Es gab auch ein öffentliches Gebet von allen Religionen zusammen, einen ganzen Monat lang übers Fernsehen und übers Radio, um Gott um Erbarmen zu bitten. Sehr beeindruckt hat mich eine Versöhnungsfeier von Christen und Muslimen. Das war ein starkes Zeichen.

Himmelklar: Wie ist die Situation bei Ihnen im Krankenhaus? Sind Sie darauf vorbereitet, dass ein Fall kommt? 

Schwester Rita: Wir haben ein Zimmer separat vorbereitet für diese Personen. Wir informieren dann die höhere Instanz und dann kommt ein Krankenwagen und macht einen Abstrich. Und der wird dann 60 Kilometer oder 180 Kilometer, je nachdem, wo es gerade hingeht, zum Labor gebrach. Wir hoffen dann, in 24 Stunden oder spätestens 48 Stunden ein Ergebnis zu haben. Solange soll die Person isoliert bleiben, bis klar ist, ob die Person nun infiziert ist oder nicht. Das Gleiche gilt für alle Patienten, die an Lungenentzündung erkrankt sind. 

Himmelklar: Ist das Land für den Ernstfall gewappnet?

Schwester Rita: Ja. Insgesamt ist das Gesundheitssystem natürlich nicht mit europäischem Standards zu vergleichen. Es ist ein System im Aufbau. Das kann man ja auch nicht über Nacht ändern. Wenn wir das nicht geregelt bekommen, mit der Prävention, dann werden wir richtig in Schwierigkeiten kommen.

Wir müssen einfach vernünftig sein, Prävention betreiben, gute Entscheidungen fällen und uns so gut es geht gegenseitig schützen. Das ist eigentlich das, was möglich ist und was realistisch ist, was nichts kostet und wo jeder mitmachen kann.

Das Worst-Case-Szenario wäre wirklich, dass viele Leute infiziert würden. Bei einer Todesrate von zwei Prozent wären das zwei Millionen Menschen! Daher sind alle Anstrengungen und selbst das Händewaschen mit dem Kanister vor dem Haus sinnvoll und wichtig. Und dass wirklich alle mitmachen. 

Himmelklar: Was bringt Ihnen Hoffnung in der Situation?

Schwester Rita: Gott hat mit unserem Leben zu tun. Die Solidarität und das gegenseitige Helfen, das Teil dieser Kultur ist, das macht mir Hoffnung. Wenn es uns schlimm erwischt, hoffe ich, dass die Menschen in dieser Gegend zusammenhalten werden und sich Mut machen. So wie sie es auch jetzt tun. Was mir auch Hoffnung macht, ist ein medizinischer Aspekt. Ich vermute, dass Äthiopier, die alle Kinderkrankheiten unter recht rauen Bedingungen überlebt haben, ein sehr gutes Immunsystem haben. Da baue ich persönlich ganz fest darauf, dass trotz oder gerade wegen der schlechten medizinischen Infrastruktur die beste Trumpfkarte das eigene Immunsystem ist. Und da hoffe ich einfach, dass die Leute stark sind und sich wehren können gegen das Virus, wenn es denn sein muss. Und dass Gott ihnen dann Gesundheit und Leben schenkt.

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch.

Das Interview ist Teil des Podcasts Himmelklar – ein überdiözesanes Podcast-Projekt koordiniert von der MD GmbH in Zusammenarbeit mit katholisch.de und DOMRADIO.DE. Unterstützt vom Katholischen Medienhaus in Bonn und der APG mbH. Moderiert von Renardo Schlegelmilch.

Hintergrund: Die katholische Ordensgemeinschaft der Medical Mission Sisters (Missionsärztliche Schwestern) mit Mitgliedern aus Afrika, Asien, Europa, Latein Amerika und den USA wurde 1925 in Washington/USA von der österreichischen Ärztin Dr. Anna Dengel ins Leben gerufen und ist seit 1958 in Deutschland auch in verschiedenen Städten präsent.

Das Attat Hospital ist eine Serviceeinrichtung der katholischen Kirche Äthiopiens. Es befindet sich zirka 175 Kilometer südwestlich von der Hauptstadt Addis Abeba, im Gurageland, eine der ärmsten Regionen Äthiopiens. Es ist seit 48 Jahren in Betrieb und gehört der katholischen Kirche Äthiopiens. Die Missionsärztlichen Schwestern haben das Krankenhaus 1969 gegründet und sind weiterhin in leitender Funktion.

Die wichtigsten Glaubensgemeinschaften in Äthiopien sind die äthiopisch-orthodoxen Christen, die sunnitischen Muslime und verschiedene äthiopisch-evangelische Kirchen. Kleine Minderheiten bilden die Anhänger von traditionellen Religionen, Katholiken und Juden.

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