Caritas-Präsident Neher: Pflegebonus reicht nicht!
Caritas-Präsident Neher: Pflegebonus reicht nicht!
Prälat Peter Neher
Prälat Peter Neher

12.05.2020

Caritas-Präsident findet deutliche Worte am "Tag der Pflege" "Pflegebonus reicht nicht"

Helden des Alltags werden sie genannt oder Corona-Engel: die Pflegekräfte, die sich um Alte und Kranke kümmern. Am "Tag der Pflege" sagt Caritas-Präsident Neher: Eine Würdigung genügt nicht, genauso wenig wie etwas Applaus.

DOMRADIO.DE: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat den Corona-Bonus ins Spiel gebracht. Bis zu 1000 Euro soll es für Pflegekräfte geben, den Länder und Arbeitgeber auf bis zu 1.500 Euro aufstocken können. Ist das nicht ein Anfang?

Prälat Dr. Peter Neher (Präsident des Deutschen Caritasverbandes): Ich denke, zunächst mal führt uns die Corona-Pandemie vor Augen, dass anspruchsvolle, gute Pflege auch wirklich notwendig ist und welch enormen Einsatz das bedeutet. Aber für wirklich nachhaltige Verbesserungen hilft eben kein Applaus von den Balkonen und auch kein einmaliger Pflegebonus.

DOMRADIO.DE: Wie müssten denn die finanziellen Rahmenbedingungen langfristig geändert werden? Wie kann man da vorgehen?

Neher: Ich glaube, es geht nicht nur um finanzielle Rahmenbedingungen, sondern wir brauchen überhaupt eine ausreichende Personalausstattung. Wir brauchen vernünftige Schichtmodelle und dann in dem Zusammenhang natürlich auch eine leistungsgerechte Bezahlung, die aber wiederum nicht zulasten der Pflegebedürftigen und ihrer Angehörigen gehen darf.

DOMRADIO.DE: Für wie realistisch halten Sie es denn, dass sich in naher Zukunft solche Bedingungen für Pflegekräfte dann tatsächlich verbessern?

Neher: Das ist natürlich ein Marathonlauf, denn natürlich wurden einige Schritte schon vor Corona unternommen. Aber man bekommt nicht von heute auf morgen genügend Pflegekräfte. Wir müssen beachten, dass es ja nicht nur um die Altenhilfe geht, sondern auch um die Krankenpflege, die ambulanten Dienste. Es gibt Menschen mit Behinderung, die entsprechend betreut und versorgt werden müssen. Die konzertierte "Aktion Pflege" hat einiges auf den Weg gebracht. Das Pflegeberufegesetz hat die Ausbildung neu geordnet. Zusätzliche Pflegekräfte wurden ja auch vom Gesundheitsminister in Aussicht gestellt. Aber das muss natürlich intensiviert werden und braucht den entsprechenden langen Atem, um tatsächlich nachhaltig die Situation zu verbessern.

DOMRADIO.DE: Ist die Corona-Situation für Menschen, die die Berufswahl noch vor sich haben, eher abschreckend oder durchaus auch positiv, wenn man jetzt deutlich sieht, was diese Menschen für andere Menschen tun?

Neher: Ich glaube schon, dass dies einen positiven Effekt haben kann, weil dieser Beruf zumindest jetzt einmal öffentlich die Wertschätzung erfährt - im Moment jedenfalls - was wir eigentlich schon lange sagen. Ich könnte mir schon denken, dass auch Menschen, die auf der Suche nach einer Ausbildung, nach der Arbeit, sind, sagen: "Das ist ein attraktiver Beruf, ich bin gern mit Menschen zusammen, ich helfe gerne. Das sind Bedingungen, die es mir tatsächlich auch erlauben, mich so einzubringen im Dienst an den Menschen, wie ich es gerne täte."

Ich würde es sehr begrüßen, dass gerade der Tag der Pflege, der ja auch nochmal der Würdigung dieser wichtigen Arbeit dient und ins Bewusstsein bringen will, auch den ein oder anderen motiviert, diesen Beruf zu ergreifen.

DOMRADIO.DE: Was sind denn die größten Hürden, die noch zu überwinden sind?

Neher: Es sind schon die ganz konkreten finanziellen Bedingungen, die ja mit den Pflegekassen ausgehandelt werden müssen. Das hat wiederum mit den Lohn-Nebenkosten zu tun. Dann ist es eine Frage der Qualifizierung von Frauen und Männern im Beruf, die natürlich jahrelang dauert. Und es ist die Veränderung in den Köpfen, dass Pflege eben nicht einfach etwas ist, was schön ist, wenn man es tut, sondern dass das eine hochqualifizierte Arbeit und ein hochqualifizierter Beruf ist. Und Bewusstseinsveränderung dauert einfach und braucht ihre Zeit.

Wenn die entsprechenden Rahmenbedingungen begleitet werden, mit gesetzlichen Unterstützungen, dann glaube ich, dass das tatsächlich aus der Situation heraus auch zu einem relativ schnellen und guten Bewusstseinswechsel beitragen kann.

DOMRADIO.DE: Selbst wenn sich Rahmenbedingungen schnell verändern sollten - die Corona-Pandemie wird noch lange den Alltag in der Pflege bestimmen. Glauben Sie, dass aufgrund dessen noch ein größerer Fachkräftemangel in der Pflegebranche entstehen könnte?

Neher: Wir haben ja jetzt schon einen enormen Fachkräftemangel, es fehlen ja jetzt schon Tausende. Und ich denke, dass dies durch die Corona-Pandemie und möglicherweise zusätzliche Belastungen und Krankheitsherde, die entstehen, sicherlich nochmal erschwert wird. Die Corona-Pandemie hat ja das Thema nicht erst neu auf den Tisch gebracht hat, sondern praktisch wie in einem Brennglas verschärft.

Und das ist schon etwas, was mich mit Sorge erfüllt und viele andere auch: Dass dieser Bedarf und das, was man jahrelang in der Pflege versäumt hat, natürlich nicht von heute auf morgen nachholen kann. Es wird tatsächlich ein intensiver Prozess sein, der so schnell nicht am Ende sein wird.

DOMRADIO.DE: Wenn Sie schon über Zeitpunkte sprechen, was glauben Sie, wie lange es dauern wird, bis sich die Bedingungen ändern? Muss man da einen langen Atem haben?

Neher: Ich denke, die gesetzlichen Bedingungen können sehr schnell geändert werden. Aber die Menschen fallen nicht vom Himmel. Und wenn auch aufgrund des demografischen Wandels viele junge Menschen fehlen, die in den Beruf eintreten, ist es müßig, über Zeiten zu spekulieren. Aber man weiß, dass jede qualifizierte Arbeitskraft nicht von heute auf morgen da ist.

Wichtig ist vielleicht auch die Frage: Wie können wir auch Pflegekräfte, die mal im Beruf waren und aus Enttäuschung oder aus anderen Gründen ausgestiegen sind,  motivieren, wieder in den Beruf einzutreten oder auch aus alternativen Berufen die Pflege für sich zu entdecken? Das wäre für mich noch mal eine neue Form. Ich glaube, es ist ein breites Spektrum von Initiativen notwendig, um den Fachkräftemangel im Bereich der Pflege möglichst zügig zu bearbeiten. Aber von heute auf morgen wird es nicht zu leisten sein.

Das Interview führte Dagmar Peters.

(DR)

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