Beleuchtung statt Erleuchtung?
Beleuchtung statt Erleuchtung?
Geschmückter Christbaum
Geschmückter Christbaum
Adventszeit im Kaufhaus
Adventszeit im Kaufhaus
Mädchen mit Adventskalender
Mädchen mit Adventskalender
Manfred Becker-Huberti
Manfred Becker-Huberti

18.11.2018

Verlernen wir das Warten auf Weihnachten? Beleuchtung schlägt Erleuchtung

Die Adventszeit ist nicht mehr das, was sie einmal war: Wartezeit, Vorbereitungszeit, Besinnungszeit auf Weihnachten hin. Und doch gibt es Bräuche, die eine neue Sinnhaftigkeit des Advents eröffnen können.

Er hat es schon bis in die Nachrichten gebracht: Der early tree ist zu einem running gag geworden. Der erste Christbaum, der oft schon kurz vor dem 1. Advent oder noch früher aufgestellt wird, hat Nachrichtenwert. „Was soll der Unsinn“, darf man fragen. Der Christbaum gehört zum Weihnachtsfest. Gilt hier: Wenn schon nicht Elite, dann wenigstens Erster?

Der early tree ist nicht mehr das Erkennungszeichen der Weihnacht am 25. Dezember, sondern steht für jene „Vorweihnacht“, die die Grenze des 1. Advent schon weit in den November hinein überschritten hat. War früher der Totensonntag, der letzte Sonntag im November, eine Schamgrenze, gilt auch das nicht mehr. Die sogenannten Weihnachtsmärkte ufern aus, sie beginnen immer früher im November und sie enden auch nicht mehr mit Weihnachten, sondern laufen zum Teil bis zum Fest Drei Könige.

Profanierungen

Mit Weihnachten geschieht das Gleiche wie mit dem Martins- und dem Nikolausfest. Sie werden ihrer christlichen Inhalte entkernt und in profanierter Form gefeiert: Der 6. Dezember als kleiner Beschenktag mit einem pädagogischen Zeigefinger namens Nikolaus, Sankt Martin wird ein abendliches Lichterfest ohne Martin und Mantelteilung. Weihnachten wird von seinem Termin gelöst und zerschreddert über den Advent verteilt. Dabei darf der Advent aber nicht mehr Advent heißen, weil das zu sehr an etwas Religiöses (und Lateinisches) erinnert. Aus Advent wird Vorweihnacht. Für Weihnacht selbst bleibt noch ein Familienfest mit Geschenken und üppigem Essen übrig, zu dem man auch nicht mehr verpflichtet ist. Eine Party mit Namen X-Mas und lauter Musik kann stattdessen auch gefeiert werden.

Was geht da ab?

Neben der fast unmerklichen Profanierung der christlichen Feste bekommt das, was noch übrigbleibt, einen anderen Sinn: Advent als Ankunft des Herrn? Nein, Advent ist jetzt Vorweihnacht, zumindest formal: Festgenuss – oder was dafür gehalten wird, mindestens für vier Wochen oder mehr. Weihnacht? Ein Familienfest mit Geschenkverpflichtung oder eine Party an arbeitsfreien Tagen. Die Kluft zwischen den kirchlich-liturgischen Zeitvorgaben und dem gesellschaftlichen Lebensgefühl scheint unüberbrückbar geworden zu sein.

Bei uns sind inzwischen alle Tage gleich und wir entdecken nicht mehr den Preis des Glücks. Wir sind den Traditionen entwichen und den natürlichen Kreisläufen entfremdet. Wir leben jetzt nach den Regeln der Wirtschaft: Ich will alles, jetzt, hier und sofort! Das Abwarten ist abgeschafft und damit auch das, was die Psychologen Belohnungsaufschub oder Verzögerungsgenuss nennen. So etwas ist uns Hamstern in unseren Rädern fremd geworden; wir jagen wie die Verrückten immer schneller voran und werden unser Ziel vergessen und es nie erreichen.

Wieder warten lernen

Wie lernen wir wieder, dass alles seine Zeit hat? Ein Kölner Pfarrer mit einer sehr schwierigen Gemeinde hat seinen Kindern das Warten wieder schmackhaft gemacht. Am ersten Advent schenkt er jedem Kind eine Tafel Schokolade mit der Auflage: Der Genuss ist bis Weihnacht tabu! Wer seine Schokotafel Weihnachten noch vorweisen kann, erhält eine zweite dazu. Da wird der Erfolg greifbar, der Verzögerungsgenuss ist schmackhaft.

In der Vergangenheit war der Advent mit den verschiedensten Bräuchen und Riten verbunden, die die Zeit gliederten, mit Sinn füllten und den Zeitablauf greifbar machten. Vielleicht ist es sinnvoll, einen Teil dieses Arsenals wieder einmal aufzuzeigen und in der Praxis zu testen.

Zeitmesser für den Advent gibt es einige. Im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts haben die Katholiken von den Protestanten den Adventskranz übernommen, der in der damals üblichen Form die vier Adventsonntage immer mit einer Kerze anzeigt. Vorläufer waren Kerzen, die immer bis zu bestimmten Markierungen abgebrannt wurden oder Flaschen, deren Wasserspiegel von Sonntag zu Sonntag immer höher stieg.

Seit 1920

Adventskalender in gedruckter Form gibt es seit etwa 1920. Am schönsten sind jedoch die selbst gebastelten. Eltern können sie für ihre Kinder mit Hilfe von kleinen Kästchen gestalten, was auch die Geschenke klein hält. Schön ist es aber auch, wenn den einzelnen Familienmitgliedern ein Kästchen für ein anderes Familienmitglied zugeteilt wird, so dass jeder ein kleines Geschenk erhält, das selbst gebastelt sein kann oder aber nicht mehr als 2 Euro kosten darf. Entweder man gestaltet für jedes Kind einen eigenen Adventkalender oder die Kinder erhalten ihre Geschenke in einem ausgelosten Rhythmus.

In manchen Familien war es Brauch, die große Krippe, die dreidimensionale Gesamtdarstellung der Weihnachtsereignisse, schon zum 1. Advent aufzubauen und dann ständig um die Ereignisse zu ergänzen, die dazu gehörten. Zum Schluss kamen am 6. Januar die Heiligen Drei Könige zur Krippe. Solche eine lebendige, wachsende Krippe könnte auch in so mancher Schulaula einen Platz haben, vielleicht sogar als Kooperationsprojekt von Religions- und Kunstkursen gestaltet.

Schuhe putzen, Staub saugen, Tisch decken

In anderen Familien stellte man nur die leere Futterkrippe auf und legte neben sie ein Häufchen Strohhalme. Der Sinn bestand darin, im Advent die Krippe so mit Strohhalmen zu füllen, dass das Christkind weich zu liegen kommt. Einlegen durfte, wer außer der Reihe und ohne Pflicht dazu eine gute Tat vollbrachte: Schuhe putzen, Abtrocknen, Staub saugen, Tisch decken usw. Diese schöne Tradition ließe sich zutiefst sinnvoll mit einem Hilfsprojekt verbinden, für das die Strohhalme gegen einen Spendenbetrag erworben werden können.

Sehr beliebt sind in den vergangenen Jahren Mitsing- und Mitspielkonzerte geworden. Kinder und Erwachsene, mit Instrumenten und ohne, werden in eine Kirche oder Schule eingeladen und spielen und singen dort Lieder zum Advent. Das gelingt am besten, wenn eine Band und ihr Leader oder die Musiklehrerin die Sache in die Hand nehmen. Ein Beispiel hierfür bietet jedes Jahr das Mitmachkonzert im Kölner Dom.

Kurz vor Weihnachten

In einigen Teilen Deutschlands gab es am 17. Dezember um 15 Uhr den Brauch, das Christkind einzuläuten. Damit wurde vordergründig auf das eine Woche später gelegene Fest der Geburt Christi verwiesen. Vor allem aber war es der Gedenktag für Lazarus aus Bethanien, den Jesus nach seinem Tod wieder ins Leben zurückgerufen hatte. Die Menschen dachten an diesem Tag aber auch an den anderen Lazarus, der zeitlebens vergeblich vor der Tür der Reichen gebettelt hatte (Lk 16, 19 – 31). Der Tag erinnerte an die Pflicht gegenüber den Armen und Kranken in der Gemeinde, die so ausgestattet werden sollten, dass auch sie mit Freude das Weihnachtsfest begehen konnten. Vielleicht könnten in Schule und Gemeinde die adventlichen und weihnachtlichen Spendenaktionen auf dieser Basis einen neuen, tieferen Sinn bekommen.

In dieser Tradition stehen auch die „Christkind-Besuche“, die in einzelnen Gemeinden am Heilig Abend stattfinden. Kinder und Jugendliche besuchen Kranke und alte Menschen der Gemeinde, tragen das Weihnachtsevangelium vor, singen Weihnachtslieder und überreichen ein kleines Geschenk. Neben dem caritativen Element wird hier die Zusammengehörigkeit der Gemeinde gelebt, die keinen ausschließt, gerade dann nicht, wenn er alt, bettlägerig oder arm ist. Die Einbeziehung der Armen und Alten in das christliche Festjahr ist keine Neuentdeckung des 19. oder 20. Jahrhunderts, sondern nimmt ein Element auf, das bereits im Mittelalter zur Festkultur gehörte.

Christen feiern mit offenen Türen: „Denn wer bittet, der empfängt; wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird geöffnet“ (Mt 7,8; Lk 11,10), und „Seid wie Menschen, die auf die Rückkehr ihres Herrn warten, der auf einer Hochzeit ist, und die ihm öffnen, sobald er kommt und anklopft“. Dazu gab es die verschiedensten Formen, die das zum Ausdruck brachten: Auf dem Tisch stand ein zusätzliches Gedeck und am Tisch ein unbesetzter Stuhl um anzuzeigen, Christus könnte vor der Tür stehen. Und ebenso: Jeder andere, der vor der Tür steht, symbolisiert Christus.

Paradies- und Christgeburtspiel

Vor der Kindermette findet in der Gegenwart noch in den meisten Gemeinden das Krippenspiel oder besser Christgeburtspiel statt. Vorher wurde früher in der Kirche noch ein anderes Spiel aufgeführt: das Paradiesspiel. Auch diese tiefsinnige Adventstradition ließe sich wiederentdecken. Der 24. Dezember ist der alte Gedenktag für Adam und Eva, die bekanntlich nach der Bibel die Erbsünde in die Welt gebracht haben. Ihr Tag erinnert daran, warum am nächsten Tag des Messias gedacht wird, der die Erbsünde wieder aus der Welt geschafft und Gott mit den Menschen versöhnt hat.

Adam, Eva und die Schlange treffen sich am Baum der Erkenntnis, wo der biblischen Vorgabe nach die Handlung abläuft. Weil die verbotene Frucht am Baum der Erkenntnis hängt, muss ein grüner Baum her, weil Früchte nie an abgelaubten Bäumen hängen. Verwendet werden in unserem Kulturkreis Fichten, Tannen oder Ilex, an denen mit Fäden kleine rote Äpfelchen (Renetten) als verbotene Früchte hängen.

Die Schätze der Tradition

Beim nachfolgenden Christgeburtspiel bleibt der Baum der Erkenntnis stehen. Denn er ist der Baum, aus dem sich unser Christbaum entwickelt hat – als Geschenke- und als Lichterbaum. Die lebendige dreidimensionale Krippe ist nicht nur für Kinder ein mehrsinniger Festzugang – gerade die Erwachsenen erhalten über ihre Kinder einen emotionalen Zugang zu den Festinhalten.

Der ablaufende gesellschaftliche Wandlungsprozess im Zusammenhang mit der verlotternden Advents- und Weihnachtszeit erinnert an die Schätze der Tradition und des Brauchtums, die sich zu bergen lohnen, will man die Sinnhaftigkeit dieser ehemals „stillen Zeit“ neu entdecken und bewahren. Versuche in Schule und Gemeinde lohnen sich auch heute allemal.

Manfred Becker-Huberti
(DR)