Winfried Kretschmann
Winfried Kretschmann
Gute Laune: Kretschmann und der Papst
Gute Laune: Kretschmann und der Papst

17.05.2018

​Ministerpräsident Winfried Kretschmann wird 70 Grüne Galionsfigur

Winfried Kretschmann hat geschafft, was selbst grüne Utopisten nicht zu träumen wagten: Die Partei stellt einen Ministerpräsidenten. Zeitweilig galt der bekennende Katholik als beliebtester Politiker im Land.

Für die SPD war es eine Schmach, für die CDU eine Katastrophe: 2011 holten die Grünen bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg mehr Stimmen als die Sozialdemokraten; fünf Jahre später lag die Ökopartei mit 32 Prozent sogar vor der erfolgsverwöhnten Südwest-CDU. Am 17. Mai wird mit Winfried Kretschmann der Mann, der wesentlich für den grünen Aufstieg in die Regierungsverantwortung verantwortlich ist, 70 Jahre alt.

Noch nie war die Partei so stark von einer Person abhängig und geprägt wie jetzt in Baden-Württemberg. Bei der Wahl 2016 stand auf allen Plakaten: "Grün wählen für Kretschmann". Garniert war der Satz mit fünf Varianten, etwa "Regieren ist eine Stilfrage", "Verantwortung und Augenmaß" oder "Dem Land verpflichtet". Immer allein im Bild: Kretschmann.

Kein Mann großer Gesten

Der bekennende Katholik mit gedanklicher Nähe zur jüdischen Philosophin Hannah Arendt gilt als ausgesprochen besonnen und nachdenklich. Er ist kein Mann großer Gesten und Reden. Vielmehr versucht der Mitbegründer der baden-württembergischen Grünen, nüchtern, sachlich und argumentativ zu überzeugen. Glaubwürdigkeit und Integrität bescheinigen ihm sogar politische Gegner. Und zum Bürgerschreck hat er noch nie getaugt.

Keine Latzhose, keine Jesuslatschen. Kretschmann entspricht nicht dem Klischee des alternativen Ökos. Fast immer tritt der Lehrer für Biologie, Chemie und Ethik im Anzug mit Lederschuhen auf, trägt weißes Hemd und grüne Krawatte. Auch in vielen anderen Dingen ist der Mann mit dem markanten Bürstenhaarschnitt strukturkonservativ - und hatte es deshalb in der eigenen Partei nicht immer leicht.

Katholisches Elternhaus

Doch sein Erfolg macht ihn fast unangreifbar. Zum Entsetzen vieler Grüner stimmte er im Bundesrat mit Union und SPD dafür, immer mehr Länder zu sicheren Herkunftsstaaten für Asylbewerber zu erklären. Wenn Kretschmann erklärt, er bete für Angela Merkel, weil nur sie die EU zusammenhalten könne, ist das eine dieser Aussagen, die Gegner und Parteifreunde öffentlich kaum zu kritisieren wagen. Kretschmann glaubt man das.

Er wuchs in Spaichingen im Landkreis Tuttlingen auf, "in einem liberalen, katholischen Elternhaus, in dem frei gedacht und gestritten und zugleich der ganze Reichtum des Kirchenjahres gelebt wurde", wie er sagt. Aber er berichtet auch von einem katholischen Internat in Riedlingen "als Hort sinnloser Disziplinierung und Verhöhnung des christlichen Liebesgebots".

"Integrieren und zusammenführen"

In den Jahren um 1968 engagierte sich der Student in linksradikalen kommunistischen Gruppen. Eine Phase, die er schnell als "politischen Irrtum" ansah und die ihn nach eigener Einschätzung bis heute "gegen Fundamentalismen aller Art immun macht". 1980 zog Kretschmann mit fünf anderen Abgeordneten erstmals für die Grünen in den Landtag eines Flächenstaates ein. Er gehört zu jenen, für die Glaube kein Gegensatz, sondern Wurzel grünen Handelns ist.

1986 holte ihn der spätere Außenminister Joschka Fischer ins erste grüne Umweltministerium nach Hessen. Nach dem Bruch der dortigen Koalition arbeitete Kretschmann wieder als Lehrer, bevor er in den Stuttgarter Landtag zurückkehrte und 2002 Fraktionschef wurde. Seitdem will der Mann, der die Oper schätzt und Boulevardjournalismus nicht mag, die eigene Querköpfigkeit begrenzen und "integrieren, zusammenführen und zu allem was Kluges sagen".

Gute Umfragewerte

Das scheint zu funktionieren. Knapp drei Viertel der Menschen zwischen Bodensee und Odenwald zeigten sich in einer Umfrage mit seinem Regierungsstil zufrieden, 2016 war er laut einer Befragung der beliebteste deutsche Politiker, und im Januar avancierte er bei einer anderen Studie zum beliebtesten Ministerpräsidenten der Bundesrepublik. An solche Superlative hat er sich längst gewöhnt.

All das wird wenig helfen, wenn Kretschmann die wohl schwierigste vor ihm liegende Aufgabe zu lösen versucht: sein politisches Erbe regeln. Der- oder diejenige mit vergleichbarer Popularität ist weit und breit nicht zu erkennen. Ein Einbruch in der Wählergunst scheint möglich, obwohl auch die anderen Parteien im Südwesten kaum überzeugende Nachwuchskräfte vorweisen können. Oder aber Kretschmann tritt vielleicht doch noch ein drittes Mal an.

Michael Jacquemain
(KNA)