Kohlekraftwerk am Kapitol in Washington D.C.
Kohlekraftwerk am Kapitol in Washington D.C.

31.03.2018

Beinahe-Präsident und Klimaschützer Al Gore wird 70 Mahnende Stimme unserer Zeit

Nur knapp hat Al Gore im Jahr 2000 die US-Präsidentschaft verpasst. Kein Grund für ihn, sich nicht auch weiter für den Umweltschutz zu engagieren. Am Karsamstag wird der Demokrat und Friedensnobelpreisträger 70 Jahre alt.

Er war so nah dran, hatte das wichtigste politische Amt der Welt buchstäblich in seiner Hand. Einige Dutzend Stimmen in Florida und ein Urteil des Obersten Gerichtshofs der USA nahmen ihm den sicher geglaubten Wahlsieg - Al Gore wurde nicht der 43. US-Präsident. Dennoch wird er nicht als Verlierer in die Geschichte eingehen: Der Mann aus dem Bundesstaat Tennessee, der am Karsamstag 70 Jahre alt wird, ist eine der wichtigsten Stimmen für Klima- und Umweltschutz in unserer Zeit.

Die Politik lag ihm in den Genen: Die Taufe auf den Namen Al Gore junior war für den späteren Vizepräsidenten gleichsam Programm. Er musste wohl zwangsläufig seinem Vater Al senior folgen, der Tennessee im Kongress vertrat. Al junior, der ein Studium an der Elite-Universität Harvard absolvierte, verbrachte 1971 einige Monate in Uniform in Vietnam - obwohl er grundsätzlich ein Kritiker der US-Beteiligung an dem Konflikt war.

Bald nach Ende des Krieges wurde Gore in den Kongress gewählt, wo er zunächst im Repräsentantenhaus und ab 1985 im Senat saß.

Präsidentschaftskandidat der Demokraten

Durch seine Arbeit in verschiedenen Ausschüssen spezialisierte er sich auf Wissenschaft, Technologie und Energie. Gore, dem noch niemand ein Übermaß an persönlicher Bescheidenheit vorgeworfen hat, bezeichnete sich später als einer der Schöpfer des Internets - was bei politischen Gegnern wie auch Parteifreunden eine Quelle des Spottes wurde. Im Präsidentschaftswahlkampf 1992 machte Bill Clinton Gore zu seinem Vize.

Für die Wahl im Jahr 2000 war Gore der fast unvermeidbare Kandidat der Demokraten. Die Wirtschaft der USA florierte, das Land führte keine überseeischen Kriege, und von Clintons privaten Verfehlungen in der Lewinsky-Affäre hatte sich Gore - wenn auch vorsichtig - distanziert.

Die Wahl wurde zu einem Fiasko für das politische System der USA. Ungereimtheiten in einigen Wahlbezirken Floridas führten zu einer fünfwöchigen Hängepartie, bevor der Supreme Court mit knapper 5:4-Mehrheit eine Neuauszählung in dem Bundesstaat stoppte und George W. Bush zum Präsidenten erklärte.

Gore indes hatte die Mehrheit der Wählerstimmen erhalten - eine Diskrepanz zwischen diesem Ergebnis und dem entscheidenden Resultat im Wahlmännergremium, die sich 2016 bei einer noch größeren Mehrheit an absoluten Stimmen für Hillary Clinton gegenüber Donald Trump wiederholen sollte.

Wichtige Stimme der Umweltbewegung

Mit einer Buchveröffentlichung 1992 war Gore zu einer wichtigen Stimme einer auf wissenschaftlichen Daten basierenden Umweltbewegung geworden. Er ging diesen Schritt stetig weiter, gründete mehrere Initiativen und wurde vor allem mit seinem Film "An Inconvenient Truth" (Eine unbequeme Wahrheit) zu einer globalen Autorität in Sachen Klimaschutz.

Die Dokumentation beleuchtet die von Menschen verursachte Beeinflussung des Klimas in drastischer Weise und zeigt an Beispielen die verheerende Wirkung der steigenden CO2-Spiegel auf die Umwelt - überall auf dem Planeten.

Friedensnobelpreis

Vor allem für diesen Film und für seine anderen Aktivitäten wurde Gore zusammen mit dem Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) 2007 der Friedensnobelpreis verliehen. Gore war endgültig zu einer Art Elder Statesman des globalen Klimabewusstseins geworden.

Freilich schützt ihn das nicht vor Nachforschungen und Kritik im eigenen Land. Sein Privathaus in Nashville wurde als eine wahre Energieschleuder identifiziert. Und sein Hinweis, dass es (und seine zwei anderen Wohnsitze) ausschließlich mit erneuerbaren Energien versorgt würden, erwies sich als nicht zutreffend.

Unterschiedliche Wahrnehmung

In der politisch tief gespaltenen US-Gesellschaft wird der nunmehr 70-Jährige höchst unterschiedlich wahrgenommen. Für viele Trump-Wähler gehört er zu einer abgehobenen Elite. Für Demokraten und Umweltbewusste bleibt er ein Mahner von bemerkenswertem Engagement für die Schöpfung.

Diese wohl von den meisten Europäern geteilte Einschätzung findet jedoch vor der Mehrheit im Kongress und dem Bewohner des Weißen Hauses keine Gnade. Für das republikanische Amerika ist Klimaschutz Unsinn, und die Zukunft der US-Energieversorgung liegt bei Kohle, Erdöl und Gas. So hat Al Gore an seinem Geburtstag nur begrenzt Grund zum Feiern.

Roland Gerste
(KNA)

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