Papst Franziskus in Santiago de Chile
Papst Franziskus in Santiago de Chile
Franziskus mit Chiles Präsidentin Michelle Bachelet
Franziskus mit Chiles Präsidentin Michelle Bachelet

16.01.2018

Papst startet Besuchsprogramm in Chile Auf heikler Mission

Papst Franziskus beginnt sein Besuchsprogramm in Chile. Unter anderem sind eine Rede vor Vertretern von Politik und Gesellschaft und eine private Unterredung mit der scheidenden Staatspräsidentin Michelle Bachelet geplant.

Anschließend feiert Franziskus seine erste große Messe in einem Park im Stadtzentrum von Santiago. Dazu werden bis zu 400.000 Menschen erwartet. Auch ein Besuch in einem Frauengefängnis und ein Treffen mit Priestern und Ordensleuten, Bischöfen und Mitbrüdern aus dem Jesuitenorden sind vorgesehen.

Dabei trifft Franziskus voraussichtlich auch mit dem ältesten Bischof der katholischen Kirche zusammen. Bernardino Pinera Carvallo, emeritierter Erzbischof von La Serena, ist 102 Jahre alt und ein Onkel des gewählten Staatspräsidenten Sebastian Pinera.

Treffen mit Pinera

Pinera wurde 1915 in Paris geboren und wuchs in Frankreich auf. An der Päpstlichen Katholischen Universität von Chile studierte er Medizin und Theologie. 1947 empfing er die Priesterweihe für das Erzbistum Santiago de Chile. Papst Pius XII. ernannte Pinera im Februar 1958 zum Weihbischof in Talca. 1960 ernannte Papst Johannes XXIII. Pinera zum Bischof von Temuco. Pinera nahm an allen vier Sitzungsperioden des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) teil.

Um sich ganz auf das Amt des Generalsekretärs der Chilenischen Bischofskonferenz konzentrieren zu können, trat Pinera 1977 als Bischof von Temuco zurück. 1983 wurde er zum Erzbischof von La Serena ernannt und hatte von da an bis 1988 den Vorsitz der Chilenischen Bischofskonferenz inne. Papst Johannes Paul II. nahm im September 1990 seinen altersbedingten Amtsverzicht an.

Weltweit ältester katholischer Bischof

Pinera ist seit dem Tod des US-Amerikaners Peter Leo Gerety im September 2016 ältester katholischer Bischof der Welt. Bei der Feier zu seinem 100. Geburtstag sagte er nach Angaben der Chilenischen Bischofskonferenz: "Alle Zeiten in der Kirche sind gute Zeiten. Denn ein Bischof, ein Priester, ein guter Christ hat immer die Möglichkeit zu lieben und mit der Liebe zu wachsen."

Als Bischöfe noch dienstälter als Pinera sind der älteste Kardinal der Weltkirche, der Kolumbianer Jose Pimiento Rodriguez (98), sowie der polnische Jesuit Dominik Kalata (92). Letzterer lebt seit 1976 in Staufen bei Freiburg im Breisgau.

Begegnungen mit Unterdrückten

Mit Spannung wird vor allem eine Begegnung des Papstes mit Angehörigen der unterdrückten Minderheit der Mapuche am Mittwoch erwartet. Zudem wird Franziskus Angehörige der Vereinigung von vermissten Opfern aus der Militärdiktatur (1973 bis 1990) in Chile treffen. Sie baten den Papst um Mithilfe. "Wir werden den Papst bitten, dass er den Militärs mitteilt, dass es ein Ende haben muss mit den geheimen Absprachen und dem Verschweigen. Wir wollen wissen wo unsere Angehörigen sind - ohne Ausnahme", sagte einer der Opfervertreter chilenischen Medien am Dienstag (Ortszeit).

In Chile wurden während der Diktatur unter General Pinochet (1973-1990) nach offiziellen Angaben rund 33.000 Menschen aus politischen Gründen eingesperrt und gefoltert. Rund 3.200 Menschen starben an Folgen staatlicher Gewalt; 1.192 Menschen verschwanden spurlos.

Empfang auf dem Rollfeld

Franziskus war am Abend in Santiago eingetroffen. Es ist der Auftakt zu einem einwöchigen Besuch in Chile und Peru. Die 22. Auslandsreise des Papstes ist sein vierter Besuch in Südamerika.

Auf dem Rollfeld wurde Franziskus von der scheidenden Staatspräsidentin Michelle Bachelet empfangen. Ebenfalls kamen zur Begrüßung Santiagos Kardinal Ricardo Ezzati sowie der Vorsitzende der Chilenischen Bischofskonferenz, Militärbischof Santiago Silva Retamales, sowie weitere Vertreter von Staat und Kirche. Zwei Kinder in traditioneller Kleidung übergaben dem Papst Blumen. Empfangen wurde das Kirchenoberhaupt auch vom Jugend-Orchester Chiles. Das Papamobil wurde von einem sehr dichten Netz von Sicherheitsleuten geschützt.

Abweichend vom Programm besuchte der Papst nach seiner Ankunft noch kurz das Grab des Jesuiten und Weihbischofs Enrique Alvear Urrutia (1916-1982) in der Pfarrei San Luis Beltran. Der Bischof hatte sich besonders für Arme und Benachteiligte eingesetzt. Am Fahrtweg des Papstes demonstrierten Chilen gegen sexuellen Missbrauch in der Kirche.

Land der sozialen Gegensätze

In Chile wechselt derzeit die Regierung von der Sozialistin Bachelet zum Mitte-Rechts-Unternehmer und Milliardär Sebastian Pinera. Viele Menschen im Land sind besorgt, dass der nun erwartete wirtschaftsliberale Wachstumskurs auf Kosten sozialer Sicherheit und der Bildung gehen könnte.

Die sozialen Gegensätze Chiles mit seinen 18 Millionen Einwohnern sind groß. Trotz der im kontinentalen Vergleich sehr hohen Wirtschaftsleistung leben Hunderttausende in Armut. Viele früher selbstständige Kleinbauern arbeiten inzwischen in landwirtschaftlichen Großbetrieben, die vor allem für den Export produzieren.

Gut zwei Drittel der Chilenen sind Katholiken; doch das Wertebewusstsein wandelt sich. Im Herbst wurden per Gesetz Abtreibungen teilweise legalisiert; seit 2015 sind gleichgeschlechtliche Partnerschaften anerkannt - beides mit breitem Rückhalt in der Bevölkerung.

Gruß an Argentinien

Beim ersten Überflug seines Heimatlandes Argentinien seit seiner Papstwahl 2013 hatte Franziskus ein Grußtelegramm an Staatspräsident Mauricio Macri gesendet. "Während meines Flugs durch den argentinischen Luftraum sende ich Ihnen freundliche Grüße. Allen Menschen meines Heimatlandes schicke ich von Herzen gute Wünsche und versichere sie meiner Nähe und meines Segens."

Dafür, dass das Telegramm an Macri mit einer gewissen Spannung erwartet worden war, ist der Text recht nüchtern gehalten. Dass Papst Franziskus in seiner knapp fünfjährigen Amtszeit Argentinien bislang nicht besucht hat, wird im Land mit zunehmender Ungeduld registriert. Anders als bei anderen Telegrammen beendete der Papst seinen Gruß an Macri und die Argentinier mit seiner häufig bei öffentlichen Anlässen geäußerten Bitte, für ihn zu beten.

Offizielle Gründe, warum Franziskus Argentinien bislang noch nicht als Papst besucht hat, gibt es nicht. Weggefährten und Beobachter vermuten unter anderem, er fürchte, in innerargentinischen politischen Streitigkeiten instrumentalisiert zu werden.

Chile erwartet Ansturm chilenischer Pilger

Um dem Ansturm von argentinischen Pilgern gerecht zu werden, haben die chilenischen Behörden und die Kirche in Temuco rund 15.000 Eintrittskarten für die Papstmesse an die Grenzübergänge geschickt. Dort sollen sie laut örtlichen Medienberichten an argentinische Pilger verteilt werden, die am Mittwoch am Papstgottesdienst auf der Base Maquehue teilnehmen wollen.

Insgesamt erwarten die chilenischen Behörden während des noch bis Donnerstag andauernden Papstbesuches rund 800.000 Argentinier in Chile, die ihren Landsmann live sehen wollen. Seit seiner Wahl vor rund fünf Jahren hat der Papst sein Heimatland Argentinien noch nicht besucht.

(KNA)