Jürgen Linden, Vorsitzender des Karlspreisdirektoriums
Jürgen Linden, Vorsitzender des Karlspreisdirektoriums
Franziskus besuchte zuerst das Europaparlament und danach den Europarat
Franziskus im Europäischen Parlament

23.12.2015

Direktorium zur Karlspreis-Vergabe an Papst Franziskus Mahnung zu Solidarität und Mitmenschlichkeit

Papst Franziskus wird mit dem Karlspreis 2016 ausgezeichnet. Weil er in schwierigen Zeiten Mut gemacht habe, am Projekt Europa festzuhalten, sagt der Vorsitzende des Karlspreisdirektoriums, Jürgen Linden im Interview mit domradio.de.

domradio.de: Wir begründen Sie den Preis für Franziskus?

Jürgen Linden (ehemaliger Oberbürgermeister von Aachen und Vorsitzender des Karlspreisdirektoriums, das den Preis vergibt): Wir sind im Augenblick in Europa in einer sehr, sehr schwierigen Lage. Manche befürchten sogar, dass die Europäische Gemeinschaft auseinanderbricht, weil vieles renationalisiert, viele Egoismen dominieren und der Zusammenhalt verlorengangen ist, insbesondere die Solidarität und die Mitmenschlichkeit. In dieser Situation hat der Papst vor allem durch seine Reden vor dem Europäischen Parlament aber auch vor dem Europarat zunächst einmal die Europäer ermutigt, an diesem Projekt festzuhalten. Und er hat auch ein Stück Hoffnung gesetzt, weil die großen Ideale, die die Gründerväter Europas in den 50er Jahren für die Zukunft Europas zusammengefasst haben, heute immer noch gültig sind und man genau daran arbeiten muss. Er hat Europa als eine Wertegemeinschaft bezeichnet und es gilt, diese Werte auch aufrecht zu erhalten. Erst einmal, ins Bewusstsein der Menschen zu tragen und dann auch in der politischen Arbeit, im Zusammenhalt zwischen denen, die da Verantwortung tragen, zu manifestieren. Bei den vielen Krisen, die wir haben, ist das sehr, sehr schwierig.

domradio.de: Etwa in der Flüchtlingskrise?

Linden: Richtig, wir sehen das insbesondere heute bei der Flüchtlingspolitik, wo manche die Türen zu machen und in dem Augenblick nicht Europäer sein wollen, wo es gilt, dieses gemeinsame Schicksal zu teilen. Der Papst hat immer wieder zu Dialog zwischen den Völkern, zwischen den Kulturen und zwischen den Religionsgemeinschaften aufgerufen. Auch das scheint uns wichtiger denn je, zu einem Zeitpunkt, wo auch hier rechte Gruppierungen in verschiedenen Ländern nur noch ihren eigenen kleinen Sprengel sehen wollen. Und letztlich gibt es auch die berühmte Enzyklika "Laudato si", wo der Papst zur Bewahrung der Schöpfung und damit der natürlichen Ressourcen aufgerufen hat. Damit hat er das Thema zu einem Kernpunkt nicht nur der politischen Arbeit sondern auch der Arbeit der Religionsgemeinschaften erklärt.

domradio.de: Sie hatten ja eigentlich angekündigt, ihre Entscheidung erst im Januar zu verkünden. Jetzt ging es schneller, denn - so heißt es - es gab ein Signal aus Rom, dass der Papst den Preis annehmen wolle. Hat der Papst sich schon in irgendeiner Weise geäußert?

Linden: Wir haben in den letzten Wochen immer wieder mit dem Vatikan engen Kontakt gehalten. Unser Botschafter war in diesem Falle Kardinal Kasper, der auch einen persönlichen Zugang zu Papst Franziskus hat. Über Kardinal Kasper haben wir mehrere Gesprächsinhalte evaluiert und haben dann letztlich gestern auch die endgültige Zusage bekommen, das Ganze öffentlich machen zu dürfen. Und weshalb sollten wir dann noch weitere drei Wochen warten, bis zum 15. Januar, den wir uns eigentlich als Zielpunkt für eine Verlautbarung gesetzt hatten. Wir sind sehr dankbar dafür, dass der Papst diesen Preis annimmt; dankbar natürlich auch, weil wir wissen, dass in der Regel Päpste persönliche Auszeichnungen nicht entgegennehmen. Aber der Papst hat uns wissen lassen, dass in dieser besonderen Situation Europas, wo die Betonung der Wertegemeinschaft wichtig ist, er es aus diesem Grunde annimmt. Das hat uns natürlich gefreut, weil das Teil unserer Begründung für die Verleihung ist.

domradio.de: Und die Verleihung wird dann diesmal nicht in Aachen stattfinden...

Linden: Ja, es ist das zweite Mal, dass die Verleihung nicht in Aachen stattfindet. Sie wird in Rom sein. Den genauen Zeitpunkt wissen wir nicht. Avisiert ist der Himmelfahrtstag, weil das auch eine gewisse Tradition im Karlspreis ist. Aber die Einzelheiten werden wir Anfang Januar in Rom miteinander besprechen.

domradio.de: Und weiß man schon, wer der Laudator wird?

Linden: Ich kann im Augenblick nicht sagen, ob es überhaupt eine Laudatio geben wird, denn im Mittelpunkt werden die Fragen europäische Wertegesellschaft, Flüchtlinge, Solidarität, Kultur der Völker, der Religionsgemeinschaften und Ökologie stehen. Und ich glaube, das wichtigste wird in diesem Zusammenhang das Wort des Papstes sein. Denn das ist mit der Preiszuwendung beabsichtigt.