Soldatenfriedhöfe mit neuer Aufgabe

Geschichte als Gedächtnis

Zehntausende Tote des Zweiten Weltkriegs sind in Nordrhein-Westfalen begraben. Doch die Soldatenfriedhöfe werden immer seltener besucht, ihre Pflege kostet viel Geld. Dennoch haben die Friedhöfe eine wichtige Aufgabe.

Ehrenfriedhof Eversberg in Meschede (dpa)
Ehrenfriedhof Eversberg in Meschede / ( dpa )

Hüfthoch stehen die steinernen Kreuze, in Dutzenden Reihen hintereinander, wie in einer Gefechtsformation. Zwei Namen pro Kreuz, stets zwei Tote des Zweiten Weltkriegs. Zwei von 928, die seit 1961 auf dem Soldatenfriedhof Eversberg im Sauerland ihre letzte Ruhe gefunden haben. Gefallen, erschlagen oder verbrannt gegen Ende des Krieges in Meschede und Arnsberg, bei Gefechten in Brilon, Kämpfen in Altena und in Lippstadt. Eversberg ist nur einer von zahlreichen Friedhöfen mit Kriegsgräbern von Deutschen, Polen und Sowjets, von Belgiern, Briten und Italienern in Nordrhein-Westfalen.

Wie viele Friedhöfe für die Kriegstoten gibt es in NRW?

Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge zählt im Land rund 2130 Friedhöfe mit jeweils mindestens einer sogenannten Kriegsgräberstätte. Ehrenfriedhöfe wie der Düsseldorfer Nordfriedhof mit seinen 3857 Toten aus dem Zweiten Weltkrieg sind ebenso dabei wie Hürtgen mit 3000 Toten oder der Dortmunder Hauptfriedhof mit rund 9000 Toten. Aber auch Friedhöfe wie Altenberge-Hansell bei Münster, auf dem nur ein Toter der Kriegswirren von 1939 bis 1945 liegt.

Sind dort nur Soldaten begraben?

Nein, es ruhen dort auch Unbekannte und Zwangsarbeiter, Soldaten, Gefangene und Zivilisten. Auch Frauen und etliche Kinder sind darunter. Insgesamt sind in NRW die Gräber von rund 332 000 Toten erfasst, mehr als jeder zweite stammte aus dem Ausland.

Wieso gibt es so viele Gräberstätten und keine zentrale Anlage?

Nach dem Weltkrieg war zunächst über die Zusammenlegung aller Kriegstoten auf ausgewählte große Kriegsgräberstätten in NRW beraten worden. Als Vorbild gilt der US-Soldatenfriedhof in Arlington mit seinen bislang mehr als 260 000 Beisetzungen. Doch die Gemeinden bestanden auf dem Verbleib "ihrer" Kriegstoten am Ort.

Wer pflegt die Gräber?

Das kommt darauf an, wo das Grab liegt. Der Volksbund gestaltet und pflegt die deutschen Kriegsgräberstätten im Ausland, die Gräber der Kriegstoten in Deutschland betreuen dagegen die Städte, Kreise und Gemeinden. Der Volksbund wird aber von den Rathäusern als Friedhofsträgern immer wieder um Rat gefragt.

Werden immer noch Tote aus den Weltkriegen gefunden?

Ja, auch Jahrzehnte nach Kriegsende werden zum Beispiel bei Straßenbauarbeiten oder vom Kampfmittelräumdienst in den damals schwer umkämpften Regionen (Eifel und Niederrhein) Gebeine von Kriegsopfern entdeckt. "Handelt es sich um deutsche Tote, werden sie von unserem Umbetter geborgen und die Überreste dann auf einer nahe gelegenen Kriegsgräberstätte beigesetzt, meistens in Vossenack in der Eifel oder in Weeze am Niederrhein", sagt Peter Bülter, der Landesgeschäftsführer des Volksbundes.

Welche Toten werden in Deutschland bestattet und welche im Ausland?

Einfache Regel des Volksbundes: "Wir bestatten die Toten in den Ländern, in denen wir sie finden", sagt Bülter. Ausnahme: Angehörige wünschen sich, dass die Überreste überführt werden wie zuletzt bei einem KZ-Häftling aus Holland, der von Porta Westfalica in die Heimat gebracht wurde. "Dann wird das eine Privatangelegenheit", sagt Bülter.

Was kostet die Pflege eines Grabes?

Für die Kriegsgräber im Inland erhalten die Länder vom Bund jährlich rund 30 Millionen Euro, davon gehen rund 4,7 Millionen Euro an NRW. Die Kosten in den Kommunen sind abhängig davon, ob es sich um ein einzelnes Grab oder um ein Flächengrab handelt. "Habe ich eine Fläche, dann ist das wirtschaftlicher zu machen als wenn eine Heimatgemeinde sechs Gräber an verschiedenen Stellen zu pflegen hat", sagt Bülter. Eine Kommune bekommt demnach etwa 21 Euro für die Pflege eines Grabes, bei einer Fläche sind es 6,50 Euro pro Quadratmeter.

Reicht das Geld aus?

"Damit kommen viele Gemeinden nicht hin", sagt Wolfgang Held, der für den Volksbund die Kommunen in NRW bei der Gestaltung, Pflege, Instandsetzung und Finanzierung berät. Es gebe aber Wege, Bundesmittel zu nutzen wie zuletzt in Weeze. Dort mussten rund 2000 Grabplatten ausgetauscht werden.

Haben Gefallene der Bundeswehr dieselben Rechte wie Tote der Weltkriege?

Nein. Unter anderem haben sie mit Ausnahme des Freistaates Sachsen kein dauerhaftes Ruherecht, wie es den Gefallenen der Weltkriege auf Staatskosten zusteht. "Die Toten der Bundeswehr gehören nicht zum Anwendungsbereich des Gräbergesetzes", sagt Held. Einige Gemeinden bestatteten sie nahe den Kriegsgräbern, und gewähren quasi ein lokales dauerndes Ruherecht. Der Volksbund gedenkt der insgesamt acht in Afghanistan gefallenen und in NRW bestatteten Soldaten vereinzelt auch am Grab. "So versuchen wir, ein gewisses Augenmerk dafür zu behalten."

Sind Soldatenfriedhöfe noch im Bewusstsein verankert?

Kriegsgräberstätte werden unterschiedlich wahrgenommen: Viele werden nur noch selten besucht, auf anderen finden sich nach wie vor Hinterbliebene ein, wieder andere gelten als Sehenswürdigkeiten. "Das Gedenken nimmt ab, zumindest hat man überwiegend den Eindruck", sagt Bülter. Auch die Spenden und Mitgliedsbeiträge gingen zurück von rund 6 Millionen Euro vor zehn Jahren auf den heutigen Stand von 4,7 Millionen Euro im Jahr.

Hat eine Kriegsgräberstätte heute dieselbe Funktion wie vor 20 Jahren?

Nein, die Aufgabe hat sich geändert: "Eine Kriegsgräberstätte war in den 1950er und -60er Jahren vor allem ein Ort der individuellen Trauer, es sind Hinterbliebene im Gedenken auf die Friedhöfe gekommen", sagt NRW-Justizminister Thomas Kutschaty (SPD). "Aber zunehmend werden Friedhöfe Orte eines kollektiven Gedenkens, wenn Schulklassen oder Vereine kommen." Nach Ansicht des Ministers, der dem Volksbund in NRW vorsteht, übernimmt eine Kriegsgräberstätte die Rolle eines historischen Gedächtnisses und einer Bildungshilfe. "An den Gräbern lernen wir, dass auch russische Zwangsarbeiter und Gefangene gestorben sind, ohne hier gekämpft zu haben. Wir können mit einfachen Mitteln bilden."

Welche Aufgabe wird der Volksbund dann künftig noch haben?

Nach Ansicht von Peter Bülter müssen die historischen Stätten und die Erfahrung des Volksbundes mit der Bildungsarbeit verbunden werden. "Dazu sind Kommunen nicht in der Lage, denn bei ihnen kümmern sich Gärtner um die Gräber und keine Bildungs-Experten."


Quelle:
dpa