Eva Mozes Kor
Eva Mozes Kor

27.04.2015

Versöhnungsgeste im Auschwitz-Prozess sorgt für Protest Vergeben, aber nicht vergessen

Die Auschwitz-Überlebende Eva Mozes Kor ist Nebenklägerin im Lüneburger NS-Prozess. Sie hat es satt, sich als Opfer zu fühlen. Seit sie ihren Peinigern vergeben hat, fühlt sie sich frei. Manch einem geht das zu weit.

Eine kleine alte Dame im blauen Blazer hat am Sonntagabend viele deutsche Fernsehzuschauer irritiert: "Ich vergebe den Nazis!", sagte Eva Mozes Kor in der Talkrunde von Günter Jauch.

Vergangene Woche reichte die 81-Jährige dem frühen SS-Mann Oskar Gröning, der als "Buchhalter von Auschwitz" in Lüneburg vor Gericht steht, die Hand. Und viele fragen sich: Wer ist diese Frau, die den Tätern so bereitwillig vergibt?

Gerade 1,50 Meter groß ist die aus Rumänien stammende Jüdin. Doch wenn es um das Thema Vergebung geht, wächst Mozes Kor zu kaum nachvollziehender Größe. "Ich bin eine Überlebende. Ich will nie wieder Opfer sein!" So begründet sie ihr ungewöhnliches Vorgehen, das vor 20 Jahren begann. Damals erreichte sie, dass ein KZ-Arzt, der in Auschwitz zum Team von Joseph Mengele gehörte, die Existenz der Gaskammern schriftlich bestätigte. Im Gegenzug übergab sie Hans Münch einen Brief, in dem sie ihm vergab.

Von Mengele als "Meerschweinchen" missbraucht

"Nur indem ich vergebe, kann ich mich von der Last des Erlebten lösen", erzählte sie vor kurzem beim Gedenken zur Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. Vergeben heißt für die heute in Terre Haute (US-Bundesstaat Indiana) lebende Zeitzeugin aber keineswegs vergessen. Wie könnte sie auch den Verlust von Vater, Mutter und zwei Schwestern je vergessen, wo ihre Lager-Nummer A-7063 sie täglich erinnert?

Im Mai 1944 wurde Eva Mozes mit ihrer Zwillingsschwester Miriam vom Tod im Gas verschont, "weil Mengele uns als seine Meerschweinchen missbraucht hat." Unzähligen Schülern und Studenten hat sie vom unbeschreiblichen Grauen des Holocaust erzählt. Jedes Jahr führt sie Besuchergruppen nach Auschwitz. Die kleine alte Dame stellt sich jeder Diskussion. Wird ihr die Stimmung in diesen Foren zu trist, legt sie sekundenschnell den Schalter um, besticht durch ihren herrlichen Mutterwitz, ihre Fröhlichkeit und führt noch jede Gruppe aus der tiefen Betroffenheit heraus.

Nach der Befreiung im Januar 1945 kehrte sie zunächst in das nunmehr kommunistische Rumänien zurück. Später emigrierte Eva Mozes nach Israel, wo sie im Rang eines Stabs-Obergefreiten als technische Zeichnerin in der Armee diente. Als sie ihren Mann Michael Kor, einen Buchenwald-Überlebenden, kennenlernte, zog sie zu ihm nach Indiana.

Als Nebenklägerin gegen Oskar Gröning sitzt sie nun im vielleicht letzten Auschwitz-Prozess und irritiert zahlreiche andere Kläger mit ihrem Wunsch, Gröning möge nicht ins Gefängnis kommen - trotz des ungeheuerlichen Vorwurfs zur Beihilfe am Mord an 300.000 Menschen.

Unverständnis von anderen Überlebenden

"Ich möchte, dass Gröning vor Gericht Stellung bezieht", sagt Mozes Kor. "Ich möchte, dass er gerade jungen Neo-Nazis erklärt, dass Auschwitz existiert hat und was dort geschehen ist. Er soll sagen, dass das faschistische Regime nur Verlierer produziert hat. Ich möchte dass er sagt: 'Hört den Alt-Nazi an. Ich weiß, dass alles so passiert ist und wahr ist. Und dass das Nazi-Regime verantwortlich ist für unzählige Tragödien.'"

Für ihren Ansatz des Vergebens wird Eva Mozes Kor von anderen Überlebenden immer wieder angefeindet, auch jetzt wieder, nachdem sie Gröning zum Auftakt des Lüneburger Prozesses die Hand gereicht hat.

Es stimmt, nicht für jeden Überlebenden mag das die richtige Strategie der Bewältigung darstellen. Aber Mozes Kor hat sich dafür entschieden und es scheint so, als sei sie mit sich im Reinen.

Nur eine Frage quält sie, seit sie 1945 das KZ Auschwitz verlassen durfte. "Was haben Mengele und seine Ärzte mir und Miriam injiziert?

Gibt es noch irgendwo Dokumente zu den Versuchen, die man in Birkenau mit uns Zwillingen angestellt hat?" Eva Mozes Kor, so viel dürfte allen klar sein, die sie jemals persönlich getroffen haben, wird nicht aufhören, nach den Antworten zu suchen. So lange sie lebt.

Sascha Langenbach
(epd)