Schüler lernen in einer Ganztagesschule
Zuwanderer-Kinder erleben kaum Willkommenskultur in Schulen

24.03.2015

Studie zu Migranten an deutschen Schulen Wenig Willkommenskultur

Eltern wollen das Beste für ihr Kind. Ganz oben auf der Wunschliste steht der Bildungserfolg. Das gilt auch für Zuwanderer, wie eine neue Studie belegt. Doch der Alltag von Migrantenkindern in deutschen Schulen sieht oft anders aus.

Viele Zuwanderer erhoffen sich in der Schule mehr Förderung für ihre Kinder, werden im Alltag aber oft enttäuscht. Zugleich sind diese Eltern fast immer stark am Bildungserfolg ihrer Töchter und Söhne interessiert. Das ist das Ergebnis einer am Dienstag in Berlin vorgestellten Studie der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität. Danach erhalten deutsche Schulen für konkrete Willkommenskultur und die Wertschätzung von Kindern mit Migrationshintergrund eher mäßige bis schlechte Noten.

Die Untersuchung weist nach, dass sich 86 Prozent der rund 1700 repräsentativ befragten Zuwanderer-Eltern einen speziellen Deutschunterricht für Migranten wünschen, aber nur 27 Prozent diesen Service an der Schule ihrer Kinder auch vorfinden. Gezielte Förderung von Migrantenkindern durch ihre Lehrer erhoffen sich 83 Prozent der Eltern - doch nur für 29 Prozent geht der Wunsch in Erfüllung.

Bildungsambitionen von Zuwanderern stoßen auf triste Realität

Die Untersuchung der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität mit dem Titel "Große Vielfalt, weniger Chancen" wurde von den Stiftungen Mercator und Vodafone gefördert. Sie nimmt die Bildungsambitionen von Zuwanderer-Eltern und die teilweise eher triste Realität im deutschen Bildungssystem "erstmals differenziert milieuspezifisch" unter die Lupe. Hohen Bildungserwartungen von Migranten stehen "zahlreiche Barrieren entgegen, mit denen Schülerinnen und Schüler und ihre Eltern tagtäglich zu kämpfen haben", wie es in der Studie heißt. Für die Studie waren an der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität 1.700 Mütter und Väter auf Deutsch, Türkisch und Russisch befragt wurden.

Deutlich werde dies "insbesondere an der immer noch mangelnden interkulturellen Öffnung von Schulen in Deutschland". So wünschen sich 92 Prozent der befragten Zuwanderer-Eltern ganz konkret von den Lehrern "interkulturelle Kompetenz", aber nur 60 Prozent sind in dieser Hinsicht mit der Leistung ihrer Schule einverstanden. Besser sieht es bei der grundsätzlichen Wertschätzung für kulturelle Vielfalt aus - 88 Prozent erhoffen sich das, immerhin 66 Prozent sind mit der Schule ihres Sohnes oder ihrer Tochter auch zufrieden.

Unterschiedliche Bildungsmotive

Die Studie zeigt außerdem, dass Eltern mit Migrationshintergrund nicht nur hohe Bildungsziele für ihre Kinder haben, sondern auch persönlich Zeit investieren. Für Hilfen bei der Bewältigung des Schulalltags wenden gut zwei Drittel dieser Mütter und Väter nach eigener Auskunft mehr als eine halbe Stunde pro Tag auf. 72 Prozent sagen, dass sie ihre Kinder bei den Hausaufgaben immer oder häufig unterstützen. 84 beziehungsweise 87 Prozent sagen, dass sie immer oder zumindest oft Elternsprechtage besuchen und auch regelmäßig an Elternabenden teilnehmen.

Nach den Worten von Heiner Barz, dem Düsseldorfer Leiter der Studie, ergeben sich aus der Analyse "anhand der acht Migranten-Milieus (...) deutliche Unterschiede in den Bildungsmotiven". Sie reichten vom Wunsch nach Zugehörigkeit zur Mitte Deutschlands über die Wahrung traditioneller Werte bei religiös verwurzelten Menschen bis zum Streben nach Selbstverwirklichung im "intellektuell-kosmopolitischen Milieu". Ein Wunsch sei allen Zuwanderer-Eltern gemeinsam: dass ihre Kinder "es einmal besser haben sollen", womit in der Regel der Wunsch nach erfolgreicher Bildung verbunden sei.

Knapp zwei Drittel der Mütter und Väter mit Migrationshintergrund begrüßen laut Studie Angebote zur Elternbildung. Beratung zu speziellen Förder- und Stipendienprogrammen für junge Migranten wünschen sich 86 Prozent der Eltern - aber nur 20 Prozent geben an, so etwas an der Schule ihrer Kinder auch zu finden. Barz sagte, die Studie zeige, dass die Eltern Bildung sehr hoch schätzten. Das müsse man nutzen, um die Chancen der Kinder zu verbessern. Er empfahl den Schulen, sich zu öffnen und Kontakte zu Migrantenverbänden oder Moscheevereinen herzustellen.

Reaktionen aus der Bundestagsopposition

Der innenpolitische Sprecher der Grünen im Bundestag, Volker Beck, erklärte, damit Migranten an den vielfältigen Bildungsanboten in Deutschland teilhaben können, bräuchten sie verstärkt Unterstützung. Eltern sollten in ihren Sprachen über Bildungsangebote informiert werden. Asylbewerber, Geduldete und EU-Bürger sollten Zugang zu Deutsch- und Integrationskursen erhalten, forderte Beck.

Die Linksfraktion erklärte, die Bildungspolitik habe versagt. Migranten müssten nicht davon überzeugt werden, sich zu bilden und Deutsch zu lernen, erklärte die migrationspolitische Sprecherin, Sevim Dagdelen. Es fehlten aber die Rahmenbedingungen, dass ihnen das auch gelingen könne.

(dpa, epd)