Papst nimmt sich Zeit für Europa
Papst nimmt sich Zeit für Europa

20.11.2014

Brüssel hat große Erwartungen an Straßburger Reden des Papstes "Europäisches Projekt erfrischen"

Politische Themen gibt es genug, die Papst Franziskus am Dienstag in Straßburg bei seinen Reden im EU-Parlament und im 47 Staaten umfassenden Europarat ansprechen könnte. Ein Überblick über die Erwartungen aus Brüssel.

Der Papst muss nach Ansicht von Caritas Europa die Entscheidungsträger in Europa vor allem auf die Benachteiligten der Gesellschaft aufmerksam machen. Seine Rede könne einen Anstoß bieten, "das europäische Projekt zu erfrischen; wieder dran zu denken, wofür es gemacht wurde und auf welchen Werten es basiert", sagte der Generalsekretär von Caritas Europa, Nuno Mayer, der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Brüssel.

Der Jesuiten-Flüchtlingsdienst (JRS) wünscht sich klare Aussagen des Papstes zu Solidarität, die ein Fundament Europas und des christlichen Glaubens seien. Vor allem eine stärkere Solidarität mit Flüchtlingen im Mittelmeerraum sei notwendig, denn "die Kooperation zwischen der Frontex-Operation und Triton ist gut, aber nicht ausreichend", so der JRS.

Der Präsident der EU-Bischofskommission COMECE, Kardinal Reinhard Marx, erhofft sich von den bevorstehenden Reden einen Anstoß für Frieden und Aussöhnung. "Er muss auch über den Krieg sprechen, der auf unserem Kontinent ist", sagte Marx, der auch Erzbischof von München und Freising und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz ist. Daher habe der Besuch des Papstes im Europarat in Straßburg, dem auch Russland und die Ukraine angehören, eine besondere Bedeutung.

Die Leiterin des Brüsseler Büros der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Katrin Hatzinger, wünscht sich vom Auftritte des Papstes ein deutliches Zeichen dafür, "dass die Kirchen als gesellschaftliche Akteure der Politik etwas zu bieten haben". Sie könnten ethische Orientierung und Diskurskraft in den politischen Prozess einbringen. "Es wäre schön, wenn es nicht nur bei vereinzelten Besuchen des Papstes bliebe, sondern auch Vertreter anderer Konfessionen und Religionen regelmäßig zu Gast sein würden", so Hatzinger.

Der EU-Sozialverband Eurodiaconia hofft auf starke Worte des Papstes zu den Themen Armut und Ausgrenzung. "Das sind die zentralen Themen in der EU, über die gesprochen werden muss", sagte Generalsekretärin Heather Roy. Der katholische Entwicklungsdachverband CIDSE wünscht sich einen starken Impuls zu den Themen Umwelt und Klima.

Da Franziskus "ein Mann der Kirche, kein Politiker" sei, erwartet der frühere EU-Parlamentspräsident Hans-Gert Pöttering eine Rede, in der es um den Einsatz der Christen für Frieden, Gerechtigkeit und Menschenrechte geht. Der Besuch des Papstes zeige eine hohe Wertschätzung, die er den europäischen Institutionen entgegenbringe.

Ein Vergleich zur Rede von Johannes Paul II. im Herbst 1988, die Pöttering als Parlamentarier miterlebte, sei nicht direkt möglich. Die EU habe sich damals "in einer völlig anderen weltpolitischen Konstellation" befunden.

Nach Ansicht der Grünen-Fraktion im EU-Parlament ist die Rede von Franziskus eine Chance für das Kirchenoberhaupt, sich stark zu machen für den Klimaschutz und den Einsatz gegen Armut. Die Fraktion will dem Papst einen Brief mit Forderungen übergeben; am genauen Inhalt werde noch gefeilt. Die Grünen haben zur Papstrede eine Gruppe von Migranten, Homosexuellen und Transgender ins Parlament eingeladen.

Nach Ansicht des Vorsitzenden der EVP-Fraktion im Europäischen Parlament, Manfred Weber, ist der Besuch des Papstes ein "Signal für die Friedensmacht EU und für Demokratie". Der Papst habe die Chance, Europa wachzurütteln, "etwa zu den Themen christliche Wurzeln Europas, unsere Verantwortung daraus für die Welt".

Der SPD-Abgeordnete Bernd Lange erhofft sich einen besonderen Fokus des Papstes auf jene Werte Europas, die eine starke Beziehung zu christlichen Werten haben. "Die Europäer sollten sich dessen stärker bewusstwerden - gerade angesichts der globalen Entwicklungen", so Lange. Ein Bezug zu Menschenrechten, sozialer Gerechtigkeit und friedlichen Problemlösungen in der Rede könne Motor für eine aktive Außen- und Handelspolitik sein.

Kerstin Bücker
(KNA)