20.12.2013

Scientology gerät aus dem Visier Geschwächt, aber gefährlich

Jahrelange Aufklärung hat Scientology in Deutschland geschwächt. Die Psycho-Organisation bleibe aber gefährlich, sagen Experten. Nun gibt es Anzeichen, der Bundesverfassungsschutz wolle die Beobachtung reduzieren. Die Länder behalten Scientology voll im Visier.

Annette wirft alles hin, verabschiedet sich nicht einmal von ihren Kindern, hinterlässt auch dem Arbeitgeber keine Nachricht - und folgt dem Lockruf von Scientology. Sie lässt sich ködern mit Sprüchen über eine bessere Welt, hofft auf eine Karriere und ein Ende ihres privaten Tiefs nach einer Scheidung. Die 46-Jährige wird hofiert als "Auserwählte", soll nach Schulungen später Scientologen in aller Welt überprüfen. 60 Wochenstunden arbeitet sie für die Organisation in Kopenhagen, abgeschottet, wird krank, bekommt keine Medikamente. Sie flüchtet, völlig mittellos.

Solche Aussteiger-Beispiele zeigen nach Experten-Einschätzung: Trotz sinkender Mitgliederzahlen und schlechtem Image bleibt die weltweite Organisation auch hierzulande gefährlich. "Scientology macht ihre Mitglieder psychisch abhängig und treibt viele durch enorme Geldforderungen für immer neue dubiose Kurse in den finanziellen Ruin", sagt Burkhard Freier, Nordrhein-Westfalens Verfassungsschutzchef, der dpa. Es handele sich um eine "totalitäre Organisation, die gezielt Grund- und Menschenrechte missachtet". In NRW behalte man Scientology fest im Visier.

Hamburg ist ein Schwerpunkt

Auch Hamburgs oberster Verfassungsschützer Manfred Murck betont auf Anfrage: "Wichtig ist, dass Scientology dort beobachtet wird, wo die Organisation ihre Schwerpunkte in Deutschland hat. (...) Hamburg ist ein Schwerpunkt scientologischer Aktivitäten und daher hält der Hamburger Verfassungsschutz an der Beobachtung fest." Anlass der Äußerungen: Der Bundesverfassungsschutz (BfV) prüft, ob er die Scientology-Überwachung reduziert. Der Inlandsgeheimdienst will sich auf gewaltbereiten Extremismus fokussieren, auch nach den Fehlern im Fall der Neonazi-Terrorzelle NSU. In einem "Priorisierungsprozess" komme auch das Arbeitsfeld Scientology auf den Prüfstand, hatte das BfV jüngst erklärt.

Scientology außer Acht zu lassen, wäre falsch, der Zeitpunkt ganz ungünstig, meinen Fachleute. "Die werden dann hier wieder mobil machen", befürchtet die Geschäftsführerin von Sekten-Info NRW, Sabine Riede. "Scientology würde das zu Propagandazwecken nutzen und behaupten, der Bundesverfassungsschutz habe nichts Anstößiges gefunden." Gerade sei die Organisation unter Druck: "Wir wissen von Aussteigern, dass die Aufregung groß ist, weil es schwieriger wird, Leute zu gewinnen. Sie schaffen das zwar noch, aber die Menschen steigen schneller wieder aus."

Psychoterror gegen Aussteiger

Riede: "In der letzten Zeit gab es Psychoterror gegen Aussteiger, aber keine Bedrohung oder Nötigung mehr, weil das Straftaten sind - und Scientology weiß, dass man sie beobachtet." Aktuell rege sich zudem in den USA Widerstand. Die Nichte von David Miscavige - er führt Scientology als Nachfolger von Gründer L. Ron Hubbard - sei ausgestiegen und übe nun scharfe Kritik. Das rüttele auf in Amerika, wo man sonst erfolgreich mit Prominenten wie Tom Cruise werbe.

"Scientology ist geschwächt, kann nicht mehr so rekrutieren, wird sich aber erholen", prognostiziert die bundesweite Expertin Ursula Caberta. "Unsere langjährigen Warnungen vor der Gehirnwäsche von Scientology zeigen Erfolge. Wer die Ideologie aber inhaliert hat, der hört nie auf." Die Hamburgerin betont: "Es geht darum, einen Menschen vollständig zu manipulieren. Im verräterischen Jargon dieser menschenverachtenden Organisation heißt das: "rohes Fleisch wird bearbeitet"."

Caberta: "Scientologen geben sich erst mal sehr nett. Sie kommen als Unternehmensberater daher oder gerne als Kommunikationstrainer." Auch als Nachhilfelehrer und zunehmend im Internet würden verlockende Angebote gemacht. Das Opfer werde eingeladen, dann mit Kursen oder Jobs an Scientology gebunden, finanziell ausgenommen. Wer aussteige, gelte als Feind.

"An den Expansionsgelüsten der Organisation hat sich nichts geändert", warnt Murck. NRW-Kollege Freier sorgt sich: "Scientology ist gefährlich." Über Youtube oder Facebook wollte Scientologen vor allem Jugendliche an sich binden. Mit Videos und unter Tarnnamen schaffe es die Sekte mit ihren Botschaften via Internet ins Kinderzimmer - oft unbemerkt von den Eltern.

Nicht als Religionsgemeinschaft anerkannt

Eine Sprecherin von Scientology in NRW, Claudia Uhl, hatte diesen Vorwurf bereits vor einigen Monaten in den Zeitungen der "WAZ"-Mediengruppe zurückgewiesen. Uhl sagte zudem, die Beobachtung durch den Verfassungsschutz sei überflüssig.

Scientology bezeichnet sich als Kirche, ist hierzulande aber nicht als Religionsgemeinschaft anerkannt. Als die Beobachtung 1997 begann, war von bis zu 30 000 Mitgliedern bundesweit die Rede, heute gehen Schätzungen von 4000 bis 6000 Scientologen aus. Caberta mahnt: "Jeder kann in die Fänge von Scientology geraten. Die Beobachtung durch den Verfassungsschutz muss bleiben und ordentlich gemacht werden."
 

Yuriko Wahl-Immel

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