Jetzt, im Sommer drängen sich Touristen auf den Wegen zu den breiten Sandstränden durch den 3.000-Einwohner-Ort. Über die gemütlichen Einfamilienhäuser im traditionellen Rote-Klinker-Stil ragt der eigentümliche Leuchtturm. Seine Stunde schlägt im Herbst. "Walcheren gehört zu den Gebieten, wo es die stärksten Stürme in den Niederlanden gibt", erläutert der deutsche Westkapelle-Fan Horst Lisowski, der eine eigene Website zu dem Ort ins Netz gestellt hat. Die klassische Unwettersaison dauere von Ende November bis Anfang Februar. Gerade in dieser Zeit diene der Turm auf dem Turm vorbeifahrenden Schiffen als Orientierung.

Wie aber kam der Leuchtturm an seinen Platz? Antworten liefern Lisowskis Website und ein Besuch im örtlichen "Deich- und Kriegsmuseum Polderhuis", für das sich der Bonner seit Jahren engagiert. Die Geschichte Westkapelles reicht zurück bis in das frühe Mittelalter. Um das Jahr 695 kam der Legende zufolge der heilige Willibrord nach Walcheren. Dem "Apostel der Friesen" weihten die Westkapeller auch ihre dreischiffige Kirche, errichtet von 1458 bis 1470. Dazwischen lag ein rasanter Aufschwung: von der ersten urkundlichen Erwähnung 1067 bis zur regionalen Handelsdrehscheibe an der Scheldemündung im 15. Jahrhundert mit engen Kontakten in die nahe gelegene Metropole Antwerpen.

Seit 1817 Leuchtturm

Die ausgesetzte Lage an Fluss und Meer wurde jedoch schon bald vom Segen zum Fluch. Die natürlichen Dünen wichen der Kraft des Wassers. Kostspielige Deichkonstru2ktionen konnten die Lage nicht bessern. Teile der Stadt drohten in den Fluten zu versinken. Schlimmer noch: Was an Land verschwand, lagerte sich unter anderem im Hafen ab. Größere Schiffe mussten woanders ankern; der Handelsplatz verödete. Der Kirchbau macht Aufstieg und Fall Westkapelles sinnfällig. Seine Größe zeugte vom Reichtum der Bürger, sein Standort von der Angst vor dem Wasser: Er erhob sich an jenem Teil des Ortes, der am weitesten vom Meer entfernt lag.

Aber auch aus anderen Gründen stand das Projekt unter keinem guten Stern. Knapp 100 Jahre nach Fertigstellung brach der 80-Jährige Krieg aus, an dessen Ende 1648 die Unabhängigkeit der Niederlande von den Spaniern stand. Die Kirche wurde 1692 für baufällig erklärt, jedoch notdürftig wieder instand gesetzt. Als aber 1831 ein Großfeuer das noch stehende Mittelschiff in Schutt und Asche legte, schien das letzte Stündlein für den übrig gebliebenen Turm zu läuten - wenn die weithin sichtbare Ruine nicht seit 1817 bereits eine weitere Funktion erfüllt hätte: als Leuchtturm.

Diesen Dienst tut sie bis heute. Wer die 179 engen Stufen bis zur Plattform auf 40 Meter Höhe erklimmt, hat einen Panoramablick auf das Umland und kann den 17 Meter hohen Aufsatz, den eigentlichen Leuchtturm, aus nächster Nähe bewundern. Die Einheimischen sind stolz auf ihr Wahrzeichen, das als eines der wenigen Gebäude bei den Kämpfen zwischen Deutschen und Alliierten im Zweiten Weltkrieg unzerstört blieb - und es als Motiv des Malers Piet Mondrian (1872-1944) zu internationaler Bekanntheit brachte. Greta Compeer, eine waschechte Westkapellerin, hält den Turm im Sommer für Touristen offen. Sie ist Witwe eines Leuchtturmwärters und dem Turm daher eng verbunden. "Ich komme einfach nicht davon los", sagt sie.

Joachim Heinz

KNA