Bassem Jussif (r.) und John Stewart
Bassem Jussif (r.) und John Stewart

16.07.2013

Spätberufener TV-Satiriker reizt Islamisten Bassem Superstar

Politische Witze wurden in arabischen Ländern früher nur im privaten Rahmen erzählt. Seit dem Arabischen Frühling ist das anders. Der ungekrönte König der neuen arabischen Polit-Satire ist Bassem Jussif.

Als der ägyptische Herzchirurg Bassem Jussif (39) im März 2011 seine erste Satireshow im Internet veröffentlicht, denkt er an Jon Stewart, Gastgeber der in den USA seit vielen Jahren erfolgreichen "The Daily Show". Seither ist viel passiert. Jussif hat heute eine eigene Fernsehshow, in der er das politische Tagesgeschehen zerpflückt. Die Show heißt "Al-Barnameg" ("Die Sendung") und läuft zur arabischen Prime-Time am Freitagabend.

Am Nil regierten zwischenzeitlich islamistische Parteien, deren Anhänger Jussif hinter Gitter bringen wollten. Jedoch fruchtete keiner ihrer Versuche, ein Sendeverbot zu bewirken. Auch ihre Klagen wegen "Beleidigung des Präsidenten und der Religion" blieben ohne Erfolg. Das "Time"-Magazin hat Jussif dieses Jahr zu einem der "100 einflussreichsten Menschen weltweit" gewählt.

Dass der Satiriker mehr für das politische Bewusstsein seiner Landsleute getan hat als viele der Oppositionspolitiker, liegt daran, dass es ihm gelingt, komplexe Themen wie das Wahlgesetz oder die Fallstricke der neuen Verfassung für jeden verständlich zu erklären. Außerdem sind die Ägypter durchschnittlich mit mehr Humor ausgestattet als viele andere Völker. Wer gute Gags bringt, dem fliegen sofort die Herzen zu.

Lieblingsopfer Mursi

Jon Stewart und Bassem Jussif sind heute Freunde. Im vergangenen April lud Stewart den ägyptischen Satiriker in seine Show ein. Im Juni folgte dann Stewarts Gegenbesuch bei "Al-Barnameg", wo Jussif den TV-Veteranen aus den USA erst als "Spion" mit einem Sack über dem Kopf hereinführen ließ und ihn dann augenzwinkernd als "den amerikanischen Bassem Jussif" vorstellte.

Zwar bekommen bei "Al-Barnameg" auch reißerische Talkshow-Gastgeber und Politiker wie der gescheiterte Präsidentschaftskandidat Amre Mussa ihr Fett weg. Doch Jussifs Lieblingsopfer waren in den vergangenen Monaten die regierenden Islamisten - allen voran Präsident Mohammed Mursi, der mit seiner etwas ländlich-rustikalen Art ein gefundenes Fressen für jeden Kabarettisten war.

Unvergessen ist Jussifs Satire über Mursis Besuch in Berlin, wo der Präsident seinen erstaunten deutschen Zuhörern erklärte, dass es in ihrem Land ja schließlich auch verboten sei, "driving zu machen, wenn man drunk ist". Zum Brüllen bringt Jussif das Publikum, wenn er das erste Zusammentreffen Mursis mit dem iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad wie den Beginn einer zarten Liebesgeschichte kommentiert.

Feldzug gegen Engstirnigkeit

Die arabischen Sender haben schon viele Formate aus den USA und Europa adaptiert: Musik-Castingshows, Big Brother und die Show "Wer gewinnt die Million?". Eine Nachrichtensatire, die ohne Rücksicht auf vermeintliche Tabus das politische Führungspersonal durch den Kakao zieht, war vor den Massenprotesten des Arabischen Frühlings nicht denkbar. Zwar kursierten unter den Arabern auch früher schon politische Witze. Sie wurden jedoch, aus Angst vor Strafverfolgung, meist nur im privaten Kreis erzählt. Dass der Freiheit auch heute noch Grenzen gesetzt sind, zeigen die Prozesse, die gegen Jussif angestrengt wurden.

Der smarte Chirurg versucht gar nicht, den politisch neutralen Beobachter zu mimen. In seinen Kommentaren für die ägyptische Zeitung "Al-Shorouk" warf er der Muslimbruderschaft vor, sie habe "indem sie die Religion für ihren eigenen Vorteil missbraucht", den gesellschaftlichen Frieden gestört.

In seinem medialen Feldzug gegen Engstirnigkeit, Heuchelei, Frömmler und Intoleranz beschreitet Bassem Jussif, der mit seiner Show inzwischen bei dem Unterhaltungssender CBC gelandet ist, mitunter auch ungewöhnliche Wege. Kürzlich folgte er einer Einladung in eine Sendung des von radikal-islamischen Salafisten betriebenen ägyptischen Kanals Al-Hafes. Sein Auftritt bei den Verfechtern der islamischen "Scharia" verlief allerdings nicht ganz so wie von den Gastgebern geplant. Jussif parierte jeden Angriff gekonnt und redete den zipfelbärtigen Moderator an die Wand.

Anne-Beatrice Clasmann
(dpa)