John F. Kennedy in Berlin
John F. Kennedy in Berlin
Dompropst Norbert Feldhoff
Dompropst Norbert Feldhoff

26.06.2013

Dompropst Feldhoff erinnert sich an Kennedys Deutschlandbesuch "Ish bin ein Bearleener“

Genau vor 50 Jahren machte John F. Kennedy Station in Deutschland. Im domradio.de-Interview erinnert sich Dompropst Norbert Feldhoff. Als junger Priesteramtskandidat durfte er Kennedys Besuch im Kölner Dom miterleben.

"Der Dom war hermetisch abgeriegelt“, erzählt Dompropst Feldhoff. In einer Zeit, wo die Mauer beide Teile Deutschlands teilte und der Kalte Krieg zwischen der Sowjetunion und dem Westen tobte, mussten auch Priesteramtskandidaten politisch sein und mutig. Umso wichtiger war der Besuch des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy in Westdeutschland und sein Bekenntnis "Ich bin ein Berliner“.

"Das war absolut einmalig, wie klug der Kennedy mit so wenigen Worten die Herzen der Menschen gewonnen hat, das ist schon eine einmalige Sache gewesen“, erinnert sich Feldhoff.

Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges

Vor 50 Jahren - am 26. Juni 1963 - eroberte John F. Kennedy auf dem Höhepunkt des Kalten Kriegs mit dem auf Deutsch gesprochenen Satz "Ich bin ein Berliner" die Herzen der Berliner. Rund 400.000 Menschen jubelten ihm vor dem Rathaus Schöneberg zu. Bis heute ist dieses Bekenntnis - für Kennedy von seinem Dolmetscher in Lautschrift notiert ("Ish bin ein Bearleener") - unvergessen. Es zu toppen ein Ding der Unmöglichkeit - auch für US-Präsident Barack Obama, der in der vergangenen Woche zu Gast in Berlin war.

Obama, mit 51 Jahren nur wenig älter als Kennedy (46) damals, versuchte gar nicht erst, sich mit einem prägnanten Satz auf Deutsch im kollektiven Gedächtnis zu verewigen. Doch auch die eine zündende Botschaft fehlte nach Einschätzung vieler Beobachter, der emotionale Funken sprang nicht über. Gemessen an diesem Vorgänger, hatte es Obama auch schwerer. Die politische Situation hat sich gründlich geändert. Der Kalte Krieg mit der existenziellen Bedrohung Berlins an der Nahtstelle zwischen Ost und West ist längst Vergangenheit.

Mauerbau: Viele Berliner gaben Kennedy die Schuld

Blick zurück: Noch zwei Jahre vor dem bejubelten Besuch hatte selbst Kennedy die meisten Berliner mit seiner Realpolitik maßlos enttäuscht. Sie kreideten dem jungen US-Präsidenten an, dass er den Bau der Mauer quer durch Berlin nicht verhindert habe. Anklagende Schilder waren im August 1961 vor dem Rathaus Schöneberg zu sehen: "Kennedy nach Berlin“ oder "Wir sind schutzbedürftig! Wo sind die Schutzmächte?“. Kennedy hatte nach der überstandenen Konfrontation mit den Sowjets in der Kuba-Krise sinngemäß erklärt, eine Mauer sei besser als ein Krieg.

Alan Posener, Verfasser einer neuen Kennedy-Biografie, urteilte in einem Interview: "Kennedy hatte 1961 die Sowjets eingeladen, die Mauer zu bauen. Er hatte gesagt: "Wir verteidigen unsere Rechte in West-Berlin und ihr macht, was ihr wollt, in Ost-Berlin.“ Das musste er kaschieren durch seinen Auftritt hier in Berlin, zwei Jahre später.“

Die Dramaturgie des gut siebenstündigen Berlin-Aufenthalts am Ende eines viertägigen Deutschland-Besuchs war sorgfältig auf die Inszenierung Kennedys als Schutzpatron der Stadt ausgerichtet. Mehr als 50 Kilometer legte Kennedy im offenen Wagen neben Berlins Regierendem Bürgermeister Willy Brandt (SPD) und Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) quer durch den Westteil zurück. Rund zwei Millionen begeisterter Menschen säumten die Protokollstrecke.

Aufgewühlter US-Präsident

Kurz vor der berühmten Rede vom Balkon des Rathauses Schöneberg sah Kennedy erstmals die Mauer. Vom Podest blickte er über das steinerne Bollwerk auf das mit einer DDR-Fahne verhängte Brandenburger Tor. Der US-Präsident war so aufgewühlt, dass er nach Einschätzung mehrerer Augenzeugen spontan sein Redemanuskript veränderte. "Kennedy hat eine konfrontative Rede gehalten. Er bot dem Kommunismus die Stirn, statt nach dem Rat seiner Berater mehr auf Entspannungspolitik zu setzen", erläutert ein Mitarbeiter des Kennedy-Museums in Berlin.

Mit seiner abgewandelten Rede traf der mächtigste Mann der Welt den Nerv der Berliner. Zweimal fiel die legendäre Aussage. "Vor 2.000 Jahren war der stolzeste Satz, den ein Mensch sagen konnte, der: Ich bin ein Bürger Roms. Heute ist der stolzeste Satz, den jemand in der freien Welt sagen kann: Ich bin ein Berliner.“ Kennedy würdigte den unerschrockenen Freiheitskampf der Berliner als leuchtendes Vorbild: "Alle freien Menschen, wo immer sie leben mögen, sind Bürger dieser Stadt West-Berlin, und deshalb bin ich als freier Mann stolz darauf sagen zu können: Ich bin ein Berliner.“

Nur knapp fünf Monate nach seiner historischen Rede in Berlin wurde Kennedy im offenen Wagen in Dallas ermordet. Die Berliner haben ihm die symbolische Verbrüderung im Sommer 1963 höher angerechnet als die Tatenlosigkeit beim Bau der Mauer, urteilt Biograf Posener. "Er hat übrigens viel mit Obama gemeinsam - auch den Widerspruch zwischen Erscheinungsform und Leistung. Zwischen reden können und liefern können“, sagte der Deutsch-Brite in der ARD.

(dpa, dr)