Täglich neue Verwundete in Syrien
Täglich neue Verwundete in Syrien

31.05.2013

Gesundheitsversorgung in Syrien Kaiserschnitt zwischen Trümmern

Nach über zwei Jahren Bürgerkrieg ist das einst florierende Gesundheitssystem Syriens am Boden: Kinder sterben an vermeidbaren Krankheiten wie Masern, für Geburten hat kaum ein Arzt Zeit. Für die Hilfsorganisationen wird die Lage immer schwieriger.

Kranke und verletzte Kinder schlafen auf dem Fußboden oder teilen sich zu dritt ein Krankenbett. Manchen steckt eine Infusionskanüle im Arm. Einen Quarantänebereich gibt es nicht, deshalb liegen Jungen und Mädchen mit Masern auf der normalen Station, so dass sich die anderen Patienten anstecken könnten. Karline Kleijer von "Ärzte ohne Grenzen" wird die Bilder der Kinderklinik nicht mehr los, die sie vor wenigen Wochen in der ostsyrischen Stadt Al-Rakka besucht hat.

"Viele Kinder sterben an vermeidbaren Krankheiten wie Masern - und das in einem Land, in dem die medizinische Versorgung noch vor kurzem gut funktioniert hat", sagt die Nothilfekoordinatorin. "Wir sehen immer wieder Bilder von den Kämpfen im Fernsehen, aber die anderen Folgen des Kriegs sind nicht so sichtbar." Nach mehr als zwei Jahren Bürgerkrieg ist das Gesundheitssystem in Syrien völlig zusammengebrochen, und für die internationalen Organisationen wird es immer schwieriger, medizinische Hilfe zu leisten.

Mehr als ein Drittel aller Kliniken außer Betrieb

Schon kurz nach Kriegsbeginn wurden laut Kleijer die zuvor üblichen Impfdienste ausgesetzt, so dass nun Krankheiten wie Masern plötzlich wieder aufflammen. 400 Masern-Patienten hat "Ärzte ohne Grenzen" bislang in Al-Rakka behandelt. "Das ist extrem gefährlich und wäre so leicht vermeidbar", sagte die Expertin. Dabei ist die Infektionskrankheit nur ein Beispiel von vielen: "Der allgemeine Gesundheitszustand ist sehr schlecht."

Oft sei es einfacher, mit einer Kriegsverletzung behandelt zu werden als mit anderen medizinischen Anliegen. In einem Bericht von "Ärzte ohne Grenzen"» wurde kürzlich ein Vater von Zwillingen mit den Worten zitiert, er habe zwei Wochen nach einer Klinik suchen müssen, in der seine Frau per Kaiserschnitt entbinden konnte.

Viele Krankenhäuser wurden seit Beginn der Kämpfe zwischen der Opposition und den Truppen von Präsident Baschar al-Assad gezielt angegriffen und zerstört. Nach Angaben der Behörden sind mehr als ein Drittel aller Kliniken außer Betrieb. Die verbliebenen beschränken sich inzwischen oft auf die Trauma-Chirurgie, der Nachschub an medizinischen Gütern und die Produktion von Medikamenten sind praktisch versiegt. Ärzte und Pfleger flüchteten aus Angst vor Repressalien der Regierung. Die übrigen werden meist nicht mehr bezahlt und müssen immer wieder Behandlungen vornehmen, für die sie nicht ausgebildet sind.

Die Aussichten bleiben düster

"Ich habe eine Notaufnahme gesehen, in der sie keine Sterilisationsgeräte hatten", sagte die Ärztin Natalie Roberts dem Bericht zufolge. "Sie mussten Wunden mit Material nähen, das schon einmal benutzt worden war." "Ärzte ohne Grenzen" hat nach eigenen Angaben fünf kleine Kliniken im Norden Syriens aufgebaut, in deren Umgebung zusätzlich mobile medizinische Teams arbeiten. Bis Ende April haben die rund 300 Mitarbeiter in den von der Opposition kontrollierten Gebieten 2.100 Menschen operiert und bei 750 Geburten geholfen.

Um die Genehmigung, auch in den Regierungsgebieten zu arbeiten, hat sich die Organisation bislang vergeblich bemüht. Dort ist die humanitäre Lage indes nicht weniger kritisch, wie Alfredo Melgarejo vom Deutschen Roten Kreuz berichtet. "Der Ansturm auf die Kliniken ist sprunghaft gestiegen, diese müssen weit über ihrer normalen Kapazität arbeiten", erklärte der Delegierte, der Anfang Mai von einem sechsmonatigen Aufenthalt in Damaskus zurückkehrte.

"In den Kliniken muss unglaublich viel improvisiert werden", sagt Melgarejo. "Medikamente, Ausrüstung und Nachschub sind knapp und die Sicherheitsbedingungen verschärft." Das Rote Kreuz ist in dem gesamten Bürgerkriegsland über seine Schwesterorganisation aktiv, den Syrisch-Arabischen Roten Halbmond mit mehr als 10.000 freiwilligen Helfern.

Und die Aussichten bleiben düster, ein Ende des Blutvergießens ist ebenso wenig in Sicht wie Erleichterungen bei der humanitären Hilfe. "Wenn jetzt der Sommer kommt, werden sich die Probleme weiter verschärfen, etwa bei der Trinkwasserversorgung", befürchtet Melgarejo. "Dabei gibt es jetzt schon eine absolute Mangelsituation."

Michaela Hütig
(epd)