19.04.2013

Kommentar: Boston-Anschlag und die Medien Nach-Richten – Wonach sollen wir uns richten?

In dieser Woche ist es der Anschlag beim Marathon in Boston, der weltweit für Schlagzeilen sorgt. Aber was ist mit den ganz alltäglichen schrecklichen Nachrichten auf unserem Erdball?, fragt domradio.de-Chefredakteur Ingo Brüggenjürgen.

Noch immer steht das Thema ganz oben in der medialen Berichterstattung. Tote, Verletzte, Hinterbliebene, Trauernde und die Bilder der Zerstörung bestimmten unsere Wahrnehmung. Eilmeldungen über mögliche Täter und entsprechende Spekulationen nehmen kein Ende. Auch wir haben natürlich über diesen unmenschlichen und feigen Bombenanschlag berichtet.

Vom Präsidenten über den Außenminister bis hin zu Stellungnahmen aller im Bundestag vertretenden Parteien haben alle ihre Betroffenheit bekundet und schnelle Aufklärung angemahnt. Es müssen wirklich völlig verrückte, kranke Menschen sein, die solche Taten lange planen und durchführen. Aber, bei allem Respekt für die Opfer, auch unsere mediale Berichterstattung und Verarbeitung nimmt bisweilen sehr seltsame Züge an: Ja, es ist eine Top-Nachricht. Ja, es ist ein grausames Verbrechen. Ja, wir sind alle schockiert.

Aber was ist mit den ganz alltäglichen schrecklichen Nachrichten auf unserem Erdball, an die wir uns längst so gewöhnt haben, dass sie in den Medien bestenfalls mal am Rande vorkommen? Nur ein einziges Beispiel aus der langen Kette der Horrornachrichten, die unfassbar schrecklich sind, aber höchst selten und meist nur ganz kurz in unseren Nachrichten auftauchen: Jedes Jahr sterben nach Angaben der Vereinten Nationen auf der Welt 8,8 Millionen Menschen an Hunger. Das entspricht einem Todesfall alle drei Sekunden. Am häufigsten sind Kinder in Entwicklungsländern betroffen. Können wir uns dieses unfassbare Leid und die Millionen von Einzelschicksalen überhaupt vorstellen? Nein, wir können es nicht. Und wenn wir ehrlich sind: Wir wollen es auch nicht! Deshalb fangen die Nachrichten, die wir aufnehmen, auch nicht jeden Tag mit diesen Horrormeldungen an.

Aber jeder einzelne dieser Hungertoten ist ein Toter zu viel. Wir dürfen jeden Einzelnen nicht vergessen, denn Hunger ist das größte lösbare Problem der Welt. Laut Welternährungsprogramm kostet es nur 20 Cent pro Tag, um ein Kind mit allen wichtigen Vitaminen und Nährstoffen zu versorgen, die für ein gesundes Wachstum notwendig sind. Das sind Nachrichten, die wir schon täglich beachten sollten: "Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan!" (Mt 25,45). Dieses Jesuswort ist schon 2000 Jahre alt – aber danach können – nein, danach müssen wir uns richten!

(dr)