19.04.2013

Am 19. April hat ein eiliger Heiliger seinen Namenstag Expeditus geht um die Welt

Mit der Papstwahl eines Lateinamerikaners rücken nun auch Frömmigkeitsformen in den Blick der alten Europäer, die diese bislang als zumindest exotisch abzutun geneigt waren – so wie den Kult um den "heiligen Expeditus".

Die Perspektive, was das Zentrum und was die Peripherie der katholischen Welt ist, könnte sich künftig deutlich verschieben. "Ach, manchmal kommt mir Europa vor wie das Ende der Welt", meinte neulich etwa der brasilianische Bischof Erwin Kräutler zur Aussage von Papst Franziskus, die Kardinäle seien offenbar bis "ans Ende der Welt" gegangen, um ihn zu finden. Hier kommt einer, den man in Rom schon vergessen wollte: der heilige Expeditus.

Sie stehen in gefährlichen Kurven, am Ortsausgang oder am Eingang von Felsschluchten. Wer hier betet, ist nicht selten unmittelbar in Gefahr. Dabei sollen die feuerroten Altärchen die Beter eigentlich gerade aus Not und Gefahr erretten. Hunderte dieser Gebetsstätten gibt es auf La Reunion, der zu Frankreich gehörenden Insel im Indischen Ozean. Meist bestehen sie aus einem roten Häuschen mit Kerzen und Blumen davor. Im Inneren eine oder mehrere Figuren aus Holz oder Plastik: der legendäre Legionär.

Kult auf verschlungenen Pfaden

Der Kult um den "heiligen Expeditus", einen römischen Soldaten aus dem 4. Jahrhundert, folgt verschlungenen Pfaden. In dem französischen Übersee-Departement gilt der merkwürdige Heilige als treuer Erfüller eiliger Bitten: bei Krankheit, Prüfungen oder plötzlicher Not. Doch auch in anderen Weltgegenden ist er ein beliebter Begleiter. In Argentinien, Chile oder Bolivien ist der "rapido intercesor nuestro" (unser schneller Nothelfer), binnen weniger Jahre eine feste Größe geworden.

Historisch Verbürgtes ist über Expeditus nicht überliefert. Angeblich soll er zu einem unbekannten Zeitpunkt mit fünf Gefährten im armenischen Melitene den Foltertod als Märtyrer erlitten haben. Dargestellt wird er meist in Uniform mitsamt einem krächzenden Raben. Der Vogel schreit «cras, cras» (morgen, morgen), während Expeditus auf eine Sonnenuhr zeigt oder ein Kreuz mit der Aufschrift "hodie" (heute) in der Hand hält.

In Rom inzwischen Unperson

In Rom ist Expeditus seit 107 Jahren Unperson. Unter Pius X. wurde er 1906 aus dem Heiligenkalender gestrichen; zuvor war sein Festtag der 19. April. Dem Streit um seine Heiligkeit nachzuspüren, hat etwas Detektivisches. Selbst die einschlägigen Fachlexika des 19. und 20. Jahrhunderts schweigen unter dem Stichwort "Expeditus" beredt. Nur das "Kirchliche Handlexikon" von 1907 berichtet ausführlicher - weil die Causa Expediti damals im Süden Europas ganz "heiß" war.

Dort heißt es: "In neuester Zeit sah sich Rom genötigt, gegen ungesunde Auswüchse dieses Kultus, der sich besonders seit Mitte des 19. Jahrhunderts (...) entwickelt hat, einzuschreiten." Dem ging zum Jahreswechsel 1905/06 eine wissenschaftliche Diskussion in der römischen Jesuiten-Zeitschrift "Civilta Cattolica" voran. Es ging um den Versuch, aus dem spätantiken Martyrologium Hieronymianum das hohe Alter eines Expeditus-Kultes nachzuweisen. Dem wurde entschieden widersprochen - und der Heiligenkalender bereinigt.

In Frankreich und Süditalien verbreitet

Tatsächlich geht die Verehrung des Expeditus als Patron von Schifffahrern und Kaufleuten und als zuverlässiger "Expedient" dringender und verzweifelter Anliegen - vormals insbesondere in Frankreich und Süditalien verbreitet - höchstens bis ins 18. Jahrhundert zurück. Seit 1781 ist er Schutzpatron der sizilianischen Stadt Acireale.

Eine charmante Variante der Expeditus-Legende will wissen, dass fromme Pariser Ordensfrauen um die Zusendung von Reliquien aus Rom baten. Die Rücksendung habe die italienische Aufschrift "spedito" (eilig) getragen - was die Nonnen als den Namen des enthaltenen Heiligen deuteten. Nach Reunion schließlich kam der Römer wohl in den 1920er Jahren über Frankreich, dessen Kolonie die Insel seit dem 17. Jahrhundert war.

Aber warum Amerika?

Für die Ausbreitung des Kultes in Amerika gibt es bislang keine plausiblen Erklärungen. Gut möglich, dass er ursprünglich über europäische Einwanderer auf dem Kontinent Fuß fasste, etwa in Argentinien, Chile und Brasilien, wo eine Stadt nach ihm benannt ist. Von dort gelangte er wohl auch ins bolivianische Tiefland. In der Stadt Santa Cruz fördern finanzkräftige Expeditus-Gesellschaften unter anderem den Bau von Kirchen und Kapellen.

Auch im virtuellen Zeitalter ist der eilige Heilige längst angekommen. Im ältesten Gotteshaus der US-Südstaatenmetropole New Orleans wird er auf zeitgemäße Weise verehrt: als Schutzpatron der Computerbastler.

Alexander Brüggemann und Joachim Heinz
(KNA)