14.04.2013

Zeitzeuge erinnert sich an Albert Schweitzer Sechs Monate mit dem Urwalddoktor

"Seit ich denken kann, gab es für mich nur ein Idol: Albert Schweitzer." Ary van Wijnen ist der wohl letzte lebende Zeitzeuge, der mit Schweitzer zusammengearbeitet hat. Der Niederländer erinnert sich an die Zeit mit dem berühmten Theologen.

Schon van Wijnens Vater, ein evangelischer Pastor im holländischen Groningen, war begeistert von Schweitzers liberaler Theologie. Inspiriert von seinem Vater hatte der junge Ary bereits mit zwölf Jahren sämtliche Bücher über und von Schweitzer gelesen. Folglich kam für den Jungen nur ein Beruf in Frage: "Helfen wollte ich, doch nicht hier, wo es genügend Ärzte gibt, sondern in den Entwicklungsländern."

Dieser Wunsch begleitete ihn das ganze Studium hindurch. Doch am Ende kamen van Wijnen Zweifel. "Ich wusste nicht mehr, ob ich tatsächlich geeignet war." Anfang der 1960er Jahre bewarb er sich um ein Praktikum bei Schweitzer in Gabun. Wenige Jahre zuvor, 1952, hatte dieser den Friedensnobelpreis erhalten. "Seine Popularität hatte dadurch immens zugenommen, und auch die Zahl der Besuchergruppen, die zu seinem Tropenkrankenhaus in Lambarene pilgerten, um ihn persönlich kennenzulernen."

Der heute 76-Jährige erhielt zunächst eine Absage. Doch im Mai 1963 erreichte ihn ein Telegramm aus Lambarene: ein Praktikumsplatz - "mein größter Wunsch". Nach einem Gespräch mit den Eltern wurde binnen weniger Tage der Flug ins westafrikanische Gabun gebucht. "Mit mir war eine Delegation wichtiger Leute im Flieger", erinnert sich van Wijnen: "So konnte ich Albert Schweitzer gleich bei meiner Ankunft die Hand schütteln."

Zum Abschied zwei Bücher

Sechs Monate blieb der Student in Gabun. Er arbeitete längst nicht nur im Krankenhaus mit. "Schweitzer verlangte viel mehr. Ich half beim Anstreichen der Wellblechdächer und bei der Gartenarbeit." Immer wieder sah er Schweitzer die vielen Besucher begleiten. "Das koloniale Aussehen, das ihm sein Tropenhelm gab, hat ihn nicht gestört." Im Gegenteil, der Arzt riet allen Besuchern, eine Kopfbedeckung zu tragen.

Als "The Greatest Man in the World", als modernen Heiligen, hatte kurz vorher das "TIME Magazine" Schweitzer betitelt. Zu diesem Zeitpunkt traf van Wijnen sein Vorbild täglich zum Abendessen. "Die anschließende Abendandacht, die er mit Stücken auf dem Klavier begleitete, gehört zu meinen schönsten Erinnerungen" - auch wenn das Instrument von Termiten zerfressen gewesen sei.

Zum Abschied schenkte Schweitzer van Wijnen zwei Bücher. Dass er den Nobelpreisträger am Tag seiner Abreise zum letzten Mal sehen würde, konnte der Student nicht wissen. Kurz vor Beendigung seines Studiums erhielt er noch einen Brief. "Darin fragte er mich, ob ich als Arzt in seinem Hospital arbeiten möchte." Van Wijnen nahm sofort an. Nach dem Staatsexamen flog er am 7. September 1965 erneut nach Gabun. Doch sein Vorbild traf er nicht mehr an. Schweitzer war drei Tage zuvor gestorben.

Seinem Vorbild treu geblieben

"Ich war sehr traurig, doch gleichzeitig auch sehr dankbar, ihn kennengelernt zu haben", erinnert sich van Wijnen. Als er Lambarene erreichte, waren die Begräbnisfeierlichkeiten in vollem Gange. "Ich sah, wie beliebt er bei der Bevölkerung war. Über drei Monate wurden Totentänze an seinem Grab aufgeführt. Die Leute kamen aus dem ganzen Land, um ihm die letzte Ehre zu erweisen."

Bis 1967 blieb van Wijnen als Arzt in Lambarene. Die Fertigstellung des Lepradorfes erlebte er mit. "Schweitzer hat dafür das Preisgeld des Nobelpreiskomitees verwendet." Noch zweimal, von 1969 bis 1974 und von 1981 bis 1985, kehrte van Wijnen zurück, zuletzt als ärztlicher Leiter des Krankenhauses. Weitere Stationen folgten am tropenmedizinischen Institut in Amsterdam sowie als Lepra-Arzt in Nigeria und Haiti. Bis zu seiner Pensionierung arbeitete er schließlich als medizinischer Berater bei der DAHW Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe in Würzburg. Seinem Vorbild ist er treu geblieben: "Die Zeit bei und mit dem Urwalddoktor zählt zu den wichtigsten Ereignissen in meinem Leben."

Sabine Ludwig
(KNA)