08.04.2013

Friedensnobelpreisträger Kofi Annan wird 75 Der schwarze Papst vom East River

Zehn Jahre lang hatte er den "unmöglichsten Job der Welt": Als UNO-Generalsekretär musste sich Kofi Annan in dieser Zeit eine hohe Frustrationstoleranz zulegen. Denn Scheitern gehörte dazu.

Irgendwie ist man immer ein bisschen bei ihm, wenn man ihn in der so bekannten Pose in den Nachrichten sieht: leise, geduldig, geschafft und etwas traurig wie ein altgedienter Lehrer, der eine Sache zum hunderttausendsten Mal erklärt - weil die Schüler es doch endlich begreifen müssten. Das höfliche, gequälte Lächeln, das am Ende doch Hoffen wider alle Hoffnung ausdrückt. Kofi Annan ist ein Stück Weltgewissen, eine Art säkularer Papst; ein Held, aber auch ein Verlierer - weil die anderen es am Ende wieder nicht begriffen haben. Im August 2012 gab Annan seine Mission für den Konflikt in Syrien auf. Es war seine größte Aufgabe als diplomatischer Vermittler, seit er im Dezember 2006 seinen heißen Stuhl am East River räumte. 1997 bis 2006: Zehn lange Amtsjahre als Mann mit dem "unmöglichsten Job der Welt". Ein seltener Hoffnungsträger zum Umsteuern des Tankers "Weltgemeinschaft". 11. September 2001, Invasion in Afghanistan, Irak-Krieg: Zwischen den Klippen von Terrorismus, "Clash of Civilizations" und Völkermord hatte er als UNO-Generalsekretär viele Schiffbrüche zu erleiden.

Unzählige Meilen hat Annan im Dienst für die Völkergemeinschaft zurückgelegt. Meilen, die er nie wird einlösen können. Und mancher Spagat ist sicher auch über seine bemerkenswert hohe Schmerzgrenze hinausgegangen. Kofi Annan, der Geschmeidige, war sich nie zu schade für den täglichen Spagat über den Äquator, zwischen Reich und Arm.

Nicht nur bei der UN-Reform, auch und vor allem im Sudan-Konflikt geriet der ehrliche Makler Annan zuweilen in die Rolle des Ritters von der traurigen Gestalt. Gebetsmühlenartig drohte er der Regierung in Khartum mit Konsequenzen - die jedoch wie erwartet ausblieben. "Nie wieder Ruanda", so beschwor Annan die internationale Nichtgemeinschaft. Er selbst hat 1994 als UN-Diplomat während des Völkermordes in Ostafrika seine bitterste Stunde erlebt. Das Versagen der Vereinten Nationen in Ruanda nahm er auch persönlich auf seine Kappe - was seine moralische Autorität im Rückblick noch stärkt.

Auch nach seinem Ausscheiden aus dem höchsten Amt verkörperte der Volks- und Betriebswirt aus Ghana die UNO: Rund ein halbes Jahrhundert stand Kofi Annan in ihrem Dienst. Seit 1962 führten ihn seine vielseitigen Tätigkeiten unter anderem nach Addis Abeba, Kairo und Genf. Die irakische Besetzung Kuwaits 1990 und die Massaker an Zivilisten im Bosnien-Konflikt waren diplomatische Feuertaufen für das Amt als oberster Friedenswahrer der Weltgemeinschaft.

Das Scheitern war oft vorhersehbar

In der Sprache seines Fante-Stamms im Westen Ghanas bedeutet Kofi "Freitag". An einem Freitag im Dezember 1996 wurde der vornehme Häuptlingssohn zum siebten Generalsekretär der Vereinten Nationen gewählt. An einem Freitag des Jahres 2001, einen Monat nach den Terroranschlägen des 11. September, erhielt Kofi Annan den ersten Friedensnobelpreis des neuen Jahrtausends zugesprochen: für seinen Einsatz um den Frieden in der Welt - aber wohl auch für seine bemerkenswerte Frustrationstoleranz. Fast logisch, dass auch seine Amtszeit am East River an einem Freitag zu Ende ging.

Nicht mit breitem Kreuz und Herrscherposen, sondern mit feinen Nerven, geistreich und beharrlich hat Annan immer versucht, der internationalen Gemeinschaft und ihrem theoretischen Friedenswillen eine neue Autorität zu geben. Immer wieder bekam er schmerzlich seine Grenzen aufgezeigt: durch islamistische Terroristen, die den Frieden nicht wollen; durch die USA, die als größter Schuldner der Vereinten Nationen in der Vergangenheit immer gerne die Erpressungskarte spielten, wenn es darum ging, genehme politische Entscheidungen herbeizuführen.

Oder, wie zuletzt in Syrien, durch Politiker im Nahen Osten wie in Europa, die ihre eigenen Interessen über die Bedürfnisse derer stellen, die unter Gewalt und Konflikten leiden. Das Scheitern war oft vorhersehbar. Es ehrt den traurigen Ritter aus Ghana, dass er es trotzdem immer wieder versucht: leise und beharrlich, wie man ihn kennt.

Alexander Brüggemann
(KNA)