01.04.2013

Star-Architekt Mario Botta wird 70 Gebäude von zeitloser Ruhe

Ein Zylinder, schräg abgeschnitten, darin ein Dreieck wie ein Segel als Dach: Mario Botta, der Schweizer Star-Architekt, wiederholt bestimmte Grundmuster immer wieder. Kein zeitgenössischer Architekt hat so viele Kirchen gebaut wie er.

Seine Gebäude, wie klein oder groß sie auch sein mögen, strahlen mit den auf das Wesentliche reduzierten Formen eine fast klösterliche Nüchternheit aus. Es heißt, Bottas liebster Baustil sei die Romanik. Das würde passen. Bottas Bauten vermitteln eine Ruhe, die zeitlos ist. Am Montag (01.04.2013) wird der Baukünstler 70 Jahre alt.

Kein zeitgenössischer Architekt hat so viele Kirchen gebaut wie Botta. Mehr als ein Dutzend Gotteshäuser sind es inzwischen. Kirchen und Kapellen im Schweizer Tessin, in Italien, aber auch in Frankreich. Dort steht im Großraum Paris in der Trabantenstadt Evry die 1995 fertiggestellte Kathedrale, die jene Zylinderform aufgreift, die Botta so schätzt. Sandsteinrot außen, von oben lichtdurchflutet, gekrönt mit einem Kranz von Bäumen auf dem doppelwandigen Zylinderrund. Es ist die einzige in Frankreich im 20. Jahrhundert gebaute Kathedrale. In ihrer archaischen Einfachheit kann sie Moden überdauern.

Erhabenheit und Symbolik, nicht Macht und Mystik

Bottas Kirchen wirken. Der Architekt spielt nicht mit den modernen Baumaterialien wie etwa dem zum Klingen und Schwingen gebrachten Beton seines brasilianischen Kollegen Oscar Niemeyer. Er reduziert seine Werke nicht auf ihre Funktion, wie so oft sein Lehrmeister Le Corbusier. Wer eine Botta-Kirche betritt, weiß sich sofort in einem sakralen Gebäude. Dabei geht es ihm weniger um Macht und Mystik, sondern um Erhabenheit und Symbolik.

Neben der Kathedrale von Evry zeigen auch die zwei von Botta errichteten Kapellen im Tessin diese Besonderheiten, in Mogno tief im wild-idyllischen Lavizzara-Tal und auf dem Monte Tamaro hoch über dem Südufer des Lago Maggiore. Wie eine Fortsetzung des Bergs wächst die Monte-Tamaro-Kapelle aus dem Fels heraus und bietet einen atemraubenden Blick auf See, Tal und Bergwelt.

In der Kapelle von Mogno ist es das subtile Spiel massiver Mauern und des schwebenden Glasdachs, das festungsartige Stärke mit der Leichtigkeit glaubensgestärkter Hoffnung paart. Alles in der Natur forme sich aus Kugel, Kegel und Zylinder, schrieb einmal Paul Cezanne. Botta überträgt diese Botschaft in die Architektur. Kreis und Rechteck, Quader und Zylinder, gerade Linien und ebenmäßige Bögen - mehr braucht er nicht.

Nicht immer unumstritten

Backstein, Porphyr, Marmor in unterschiedlichen Farben: Die Ruhe, die Bottas Gebäude in ihrem Inneren verbreiten, schafft der Architekt mit unterschiedlichsten Materialien - nicht nur in Kirchen, sondern auch im Museum of Modern Art in San Francisco, in einer Synagoge in Tel Aviv, der Stadt- und Landesbibliothek in Dortmund oder in Verwaltungsbauten, wie er sie für Banken und Versicherungen errichtet hat. Auch bei den Wohnhäusern greift der Architekt oft auf den runden oder halbrunden Grundriss zurück, der bei seinen Kirchenbauten dominiert.

Bottas Gebäude sind nicht immer unumstritten. In seiner Heimat, dem Tessin, kam es zunächst zu einer Unterschriftensammlung gegen sein mittlerweile längst angenommenes Kirchbauprojekt in Mogno; auch in Turin regte sich Widerstand gegen seine als zu teuer kritisierte Kirche Santo Volto. Viele seiner Bauten haben das Zeug zum Wahrzeichen. Sie fügen sich in ihre Umgebung ein und bleiben doch Fremdkörper.

Von Botta gibt es auch Möbel, Utensilien und Gebrauchsgegenstände. Auch sie nehmen die Formensprache auf, die der Architekt in seinen Gebäuden entwickelt. Und ein echter Botta-Entwurf muss nicht unerschwinglich sein: Auch ein Schweizer Mineralwasser wird in einer Plastikflasche vertrieben, deren Design von ihm stammt.

 

Christoph Lennert
(KNA)