22.02.2013

Katholische Arbeitnehmerbewegung kritisiert Trend zur Leiharbeit Arbeitnehmer zweiter Klasse

Nicht erst durch die Lage bei Amazon ist die Leiharbeit in Verruf geraten. "Das ist einfach keine vollwertig bezahlte Arbeit", kritisiert Erwin Helmer. Im domradio.de-Interview fordert der Augsburger KAB-Präses Änderungen.

domradio.de: Es ist genau zehn Jahre her, dass die damalige rot-grüne Regierung im Zuge der Arbeitsmarktreformen auch die Leiharbeit möglich machte. Heute boomt diese Beschäftigungsart der Leiharbeit. Wie bewerten sie diese Entwicklung?

Erwin Helmer: Es ist heute leider so, dass neue Arbeitsplätze vor allem über Leiharbeit entstanden sind. Und das ist einfach keine vollwertig bezahlte Arbeit, das ist Arbeit mit minderen Rechten, das ist Arbeit, bei der die meisten, die darauf angewiesen sind, auch oft in ihrer Würde beschädigt werden, weil sie einfach abhängig beschäftigt sind, in einer Abhängigkeit, von der man in Deutschland eigentlich dachte, es gäbe sie nicht mehr. Aber das gibt es leider wieder, es gibt unterbezahlte Arbeit, vorenthaltener Lohn und Arbeit minderen Rechts, was wir eigentlich so nicht tolerieren dürften.

domradio.de: Jetzt ist der US-Konzern Amazon wegen der Leiharbeit in Verruf geraten. In den deutschen Logistikzentren arbeiten vor allem Leiharbeiter. Was wissen sie über deren Situation?

Helmer: Vor allem vor Weihnachten werden massenweise Leiharbeiter angekarrt, aber auch – der neueste Trick – Werksverträge angeschlossen. Das sind vor allem Migranten, Ausländer aus Ungarn, aus Schweden, aus Spanien. Leiharbeiter und Werksverträgler sind natürlich in der Situation, dass sie alle eine Festanstellung wollen und alles dafür tun, also akzeptieren sie zum einen alle Arbeitsbedingungen, und die bei Amazon sind knallhart; es ist ja bekannt, dass diese Menschen oft 17 km pro Tag im Unternehmen zurücklegen müssen, vor allem dieser Picker, die die Waren einsammeln. Sie leisten unheimlich viel und bekommen dafür einen Lohn, der nicht angemessen ist. Die Leiharbeiter werden niedriger bezahlt als die doch mehr Festbeschäftigten bei Amazon, und das macht doch einiges Geld im Monat aus.

domradio.de: Sie sind Betriebsseelsorger und kennen die Sorgen und Nöte der Menschen an ihrer Arbeitsstelle, aber auch privat. Wie fühlen sich die Menschen, die als Leiharbeiter „ausgebeutet" werden? Also, was macht das menschlich mit ihnen?

Helmer: Ein Callcenter-Mitarbeiter in Leiharbeit hat mir das so erzählt: Die Festbeschäftigten, die neben mir arbeiten, geben mir nicht die Informationen, die ich eigentlich bräuchte, ich fühle mich wie ein Arbeitnehmer zweiter Klasse, ich habe einen niedrigeren Lohn, ich habe weniger Mitsprache. Und das ist, denke ich, das Hauptproblem: Viele der Leiharbeiter/innen fühlen sich wie auf einem anderen Stern, wie Menschen zweiter Klasse, die nicht diesen Anteil an den Mitsprache- und Mitbestimmungsregeln, die bei uns in deutschen Betrieben üblich sind, haben wie die Festbeschäftigen, sondern die eigene mindere Rechte haben. Beispielsweise habe ich heute erfahren, dass in einem Betrieb, in dem jemand fest beschäftigt ist, ein betriebliches Eingliederungsmanagement für Kranke existiert, für die Leiharbeiter gibt es das nicht. Wenn jemand der Leiharbeiter krank wird, dann hat er ein hohes Risiko sofort entlassen zu werden. Daran merkt man, da gelten deutsche Rechte weniger.

domradio.de: In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der Leiharbeiter verdreifacht. Gut 900.000 Menschen, also bald eine Million Menschen sind es alleine in Deutschland. Ursprünglich sollte das ja ein Wiedereinstieg ins Berufsleben sein, also die Arbeitnehmer sollten auch davon profitieren. Sie sagen die Realität ist anders. Was muss jetzt getan werden, was fordern Sie auch von der Bundesregierung?

Helmer: Eigentlich ist der Zustand vor zehn Jahren besser gewesen als heute, also die Rückführung der Leiharbeit auf die Zahlen von vor zehn Jahren, das wären 250.000 Leiharbeiter. Das war in Ordnung, die waren nur eine begrenzte Zeit in Leiharbeit, das war auf maximal ein halbes Jahr reglementiert, länger durften die gar nicht in Leiharbeit sein. Das war eher Saisonarbeit. Diese Rückführung wäre das Beste, also die Leiharbeit entsprechend zu reduzieren. Grundsätzlich muss einfach gelten: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Leiharbeiter, die dann beschäftigt werden, müssten entsprechend ihrer Leistung beschäftigt werden, also sprich: Wenn sie die Leistung der Festbeschäftigten bringen, dann müssen sie auch ein Anrecht auf diese Bezahlung haben. Das stand übrigens auch in dem damaligen Gesetz so drin, außer ein Tarifvertrag besagt etwas anderes. Und leider gab es dann Dumping-Tarifverträge auch von sogenannten christliche – ich sage immer unchristlichen – Gewerkschaften. Auch der DGB hat hier schwache Tarifverträge, weil die Menschen in diesem Leiharbeitsbereich sich nicht organisieren, die gehen normalerweise nicht in die Gewerkschaft. Und dann hat auch die Gewerkschaft ein Problem, vernünftige Tarifverträge durchzusetzen.

Das Gespräch führte Monika Weiß.

(dr)