11.02.2013

Der Mediziner Eckhard Frick im Interview Spiritual Care

Die meisten Patienten in Deutschland fühlen sich in ihren spirituellen Bedürfnissen nicht angemessen behandelt. Das will der Jesuit Eckhard Frick ändern. Seit zweieinhalb Jahren hat der Arzt in München eine ziemlich einzigartige Professur inne.

KNA: Pater Frick, was bringen Sie angehenden Medizinern bei?

Frick: Sie sollen sensibel werden für spirituelle Bedürfnisse, Wünsche, Fragen und Krisen von Patienten. Auch Menschen, die keiner Religionsgemeinschaft angehören, stellen sich spirituelle Fragen, vor allem in den Übergangsphasen des Lebens, etwa wenn junge Eltern vor einer schweren Geburt stehen, oder wenn Krankheiten chronisch und schließlich lebensbedrohlich werden.

KNA: Ist Spiritualität vor allem eine Ressource, mit Krankheiten besser klarzukommen, oder kann sie auch Probleme schaffen?

Frick: Es gibt beides, manchmal sogar in einer Mischung. Ein Patient kann voller Zorn sein auf Gott oder unversöhnt mit seiner religiösen Erziehung, ein anderer kann im Krankenbett neu entdecken, welche Kraft noch in seinem alten Kinderglauben steckt. Auch nicht religiöse Menschen fragen sich manchmal: Warum ist mir das passiert? Ist das eine Strafe dafür, wie ich lebe? Das kann zu Verkrampfungen führen, die einer Heilung im Weg stehen.

KNA: Wie ist es um Spiritualität in unserem Gesundheitswesen bestellt?

Frick: Die ist immer noch unterbelichtet, obwohl die Weltgesundheitsorganisation die spirituelle Dimension 2005 in ihre Definition von Gesundheit aufgenommen hat. Oft heißt es, das sei ein Luxus, den könne niemand bezahlen. Das ist Unsinn, denn das Gegenteil stimmt. Studien zeigen, dass Patienten, die spirituell zufrieden sind, sogar weniger Kosten verursachen. Was gar nicht so schwer zu verstehen ist. Sie fühlen sich besser, ganzheitlicher angenommen.

KNA: Gibt es dafür nicht schon die Klinikseelsorge?

Frick: So lautet die traditionelle Sichtweise bei uns, aber sie greift zu kurz. Denn in Studien sagt rund die Hälfte der Patienten, dass sie sich in diesem Bereich nicht gut betreut fühlen, und zwar weder durch die Religionsvertreter noch durch die Gesundheitsberufe. Das heißt, wir haben einen riesigen Versorgungsnotstand. Dabei ist das Interesse auch bei Ärzten, Pflegern und Therapeuten an spirituellen Fragen groß, nur wird das oft tabuisiert.

KNA: Sind kirchliche Krankenhäuser da weiter?

Frick: Einige ja, andere nicht. Wir haben eine Untersuchung gemacht, da wussten viele Bedienstete nicht einmal, dass sie in einer kirchlichen Klinik arbeiten. Da war das ein Logo ohne jeden Inhalt, weil ihr Träger nicht in das investiert, was man heute Wertemanagement nennt. Es gibt aber auch aufgewachte kirchliche Häuser, die an ihrem Profil arbeiten, dass das nicht etwas Äußerliches, Formales bleibt. Immerhin ist das Hospitalwesen auf christlichem Boden entstanden. Diesen Reichtum gilt es in die Breite hinein zu entfalten. Das darf nicht nur der Geistlichkeit oder anderen Spezialisten vorbehalten bleiben.

KNA: Schulmedizin setzt auf Medikamente und wissenschaftliche Methoden, Spiritual Care auf Rituale?

Frick: Das ist etwas schief. Zunächst geht es darum, genau auf die Bedürfnisse der Menschen hören zu lernen. Die wünschen sich nicht unbedingt das, was ihre Umgebung glaubt. Ich habe einen Patienten auf der Palliativstation besucht, dem eine aufdringliche Kollegin unbedingt irgendein schamanisches Ritual vermitteln wollte - aber der wollte das gar nicht. Ein Gutteil der Intervention besteht darin, dem Patienten das Recht zu lassen, selber zu sortieren, was hilfreich ist und was nicht. Das geht nicht mit dem Katechismus in der Hand oder mit dem pädagogischen Zeigefinger, der immer schon zu wissen meint, was richtig ist und was falsch.

KNA: Sie sind Arzt und Priester. Was halten Sie von sogenannten Heilungsgottesdiensten?

Frick: Der christliche Glaube darf nicht zu einer Komplementärmedizin oder einer neuen Gesundheitsreligion gemacht werden. Christliche Gemeinden sind gefordert, Kranke zu besuchen und mit ihnen zu beten. Gefährlich wird es, wenn dabei Druck aufgebaut wird, etwas erzwungen werden soll. Die Beseitigung von Krankheit ist nur ein vorletzter Wert. Ewige Jugend wird immer durch die Tatsachen überholt. Da können wir noch so viel beten und behandeln, wir bleiben endliche Wesen. Letztlich geht es darum, dass wir unsere Grenzen annehmen lernen. Die Überwindung des Todes können wir in diesem Leben nicht erreichen. Das ist etwas, das wir getrost in Gottes Hände legen dürfen.

Das Gespräch führte Christoph Renzikowski.

(KNA)