Negativschlagzeilen über die Kirche
Negativschlagzeilen über die Kirche

09.02.2013

Katholische Kirche wehrt sich gegen Kritik Wieder in der Defensive

Einen solchen Sturm habe er noch nicht erlebt, so Kardinal Meisner. Und auch wenn ihm Ruhrbischof Overbeck beim Begriff der "Katholikenphobie" nicht zustimmen mag,  besteht kein Zweifel: Die katholische Kirche ist zurzeit in der Defensive.

Einen solchen Sturm an öffentlichen Reaktionen hat der Kölner Kardinal Joachim Meisner als Bischof selten erlebt. Nach der Zurückweisung eines Vergewaltigungsopfers an zwei katholischen Kliniken sowie dem Bruch zwischen den Bischöfen und dem Kriminologen Christian Pfeiffer weht der katholischen Kirche der Wind wieder ähnlich heftig ins Gesicht wie bei der Aufdeckung des Missbrauchsskandals 2010.

In einem Brief an alle Seelsorger im Erzbistum Köln, über den der "Kölner Stadt-Anzeiger" am Freitag berichtete, räumt der Kardinal einerseits indirekt Fehler ein und bedauert einen Vertrauensverlust. Es sei wichtig, dass die Kirche keine Gründe für Angriffe liefere. Andererseits herrscht nach Ansicht des Erzbischofs eine "Katholikenphobie". Kirchliche Positionen zu Ehe, Familie und Lebensschutz polarisierten zunehmend. Keine andere Religion werde so gezielt angegriffen wie die katholische Kirche. Meisner ging in seiner Interpretation nicht ganz so weit wie der Chef der vatikanischen Glaubenskongregation, Erzbischof Gerhard Ludwig Müller. Er hatte zuvor eine "Pogromstimmung" und gezielte Kampagnen gegen die Kirche in Europa und Nordamerika beklagt. Geistliche würden schon jetzt ganz öffentlich angepöbelt.

Overbeck und Kauder: übertriebene Beschreibung

Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck stimmt  in er in der Sache zu, dass es "in letzter Zeit eine aggressive Stimmung gegen die katholische Kirche" gebe. Die Kirche habe sich dies aber "zum Teil selbst zuzuschreiben". Allerdings wendet er sich gegen die Begriffe "Pogromstimmung» und "Katholikenphobie". Die Formulierungen seien "nicht hilfreich, zumal wenn sie historisch besetzt sind", sagte Overbeck den Zeitungen der WAZ-Mediengruppe (Samstag) in Essen. Die katholische Kirche müsse sich nach der Debatte um die "Pille danach" mit Fragen der Sexualität neu befassen, sagte der Essener Bischof. Zudem sollte sie ihre Standpunkte künftig besser vertreten. "Nicht jeder mediale Auftritt der letzten Tage war dabei hilfreich", so Overbeck.

Auch weitere Politiker haben sich inzwischen in die Diskussion eingeschaltet. Begriffe wie "Pogromstimmung" gegen die katholische Kirche und "Katholikenphobie" seien übertrieben, erklärte Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) der Berliner Tageszeitung "Die Welt" (Samstag). Es sei allerdings richtig, dass «die Kirchen in Deutschland zum Teil einen schweren Stand haben und auch christliche Werte nicht genügend Achtung finden», so Kauder.

Kirche wieder Thema bei "Günter Jauch"

Kein Zweifel: Der Druck ist enorm. Darauf weist auch hin, dass Günther Jauch am Sonntagabend zum zweiten Mal hintereinander die Kirche zum Thema seiner Talkshow macht. Die katholische Kirche, die in den vergangenen Monaten den Missbrauchsskandal beharrlich aufgearbeitet hat und sich langsam aus dem Tief herauszuarbeiten schien, steht wieder in der Defensive.

Für den Begriff «Pogromstimmung» erhielt Müller heftige Schelte. Auch der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Alois Glück, distanzierte sich. Zugleich bestätigte der CSU-Politiker, es gebe derzeit "aggressiv-antikirchliche Stimmungen", die zum Teil aus schlechten Erfahrungen mit der Kirche rührten; zum Teil seien sie aber auch Ausdruck einer Entfremdung gegenüber der Dimension des Religiösen überhaupt. Die katholische Kirche sei mit ihren Strukturen für anti-religiöse Affekte besonders leicht greifbar.

Ähnlich sieht das der Berliner Medienwissenschaftler Norbert Bolz. Allerdings macht er in erster Linie die Medien verantwortlich. Sie führten eine massive Kampagne gegen die Kirche und schlachteten jeden Fehler aus. "Es gibt in den vergangenen Monaten zwei Gruppen, die zum Abschuss freigegeben sind: die katholische Kirche und die FDP. Da fallen mittlerweile alle Tabus", sagte Bolz am Freitag der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Nach seiner Einschätzung handelt es sich um ein grundsätzliches Problem: "Journalisten definieren sich als Aufklärer. Und die katholische Kirche gilt schon seit dem 18. Jahrhundert als die gegenaufklärerische Macht schlechthin." Immer wenn sie sich gegen den Mainstream stelle und auf unzeitgemäßen Forderungen beharre, werde dieser Affekt wieder mobilisiert.

Viel Diskussionsstoff für die Bischöfe

Hingegen hält der Freiburger Sozialwissenschaftler und Theologe Michael N. Ebertz die Klage über Gehässigkeit gegenüber der Kirche für einen Ausdruck mangelnder Selbstkritik: "Moralische Arroganz und Überheblichkeit in der Kirche fallen jetzt nur auf sie selbst zurück." Wenn die Kirche gerade in moralischen Fragen versage, sei es "kein Wunder, dass die Menschen hämisch reagieren".

Viel Stoff für Diskussion also, wenn die katholischen Bischöfe am 18. Februar zu ihrer Frühjahrsvollversammlung in Trier zusammenkommen. Bolz rät ihnen, weiterhin Mut zu unzeitgemäßen Positionen zu zeigen und auch bereit zu sein, dafür Prügel einzustecken. Allerdings solle die Kirche ihre Darstellung in der Öffentlichkeit überdenken: "Die Kirche muss sich durch Persönlichkeiten darstellen, die Profil, Mut und Kampfkraft zeigen. Und die jenseits dogmatischer Starrheit erklären können, worum es eigentlich geht."

Christoph Arens
(KNA)