08.02.2013

Afrika-Cup lässt religiöse Spaltung vergessen "Super Eagles" einen Nigeria

Schlagzeilen machte Nigeria zuletzt vor allem sonntags. Die Anschläge von Islamisten zeugten von der Spaltung des Landes. Wenn an diesem Sonntag die Nationalelf im Finale des Afrika-Cups aufläuft, ist Nigeria geeint. Zumindest für 90 Minuten.

Der Jubel in der 60. Minuten ist ohrenbetäubend. Nigeria hat den vierten Treffer gegen Mali erzielt. Der Einzug ins Finale der Afrikameisterschaft, das am Sonntag im südafrikanischen Johannesburg ausgetragen wird, ist Nigeria sicher. Daran kann auch das Tor des Maliers Cheick Fantamady Diarra nichts mehr ändern. Paul Olabisi, der sich das Fußballballspiel am Mittwoch zusammen mit zwei Freunden in einer kleinen Bar in Jos anschaut, jubelt seinem Team begeistert zu. "Ein tolles Spiel", sagt er und zeigt auf den Fernseher, wo die nigerianischen Kicker noch einmal in die Kamera winken. "Jetzt gewinnen wir den Afrika-Cup."

Tatsächlich hat die nigerianische Fußballnationalmannschaft gute Chancen, Afrikameister zu werden. Das würde nicht nur die Bilanz des zuletzt arg angeschlagenen Teams aufbessern, sondern auch das Zusammengehörigkeitsgefühl in dem kulturell vielfältigen Land fördern. Nigerianer ist man hier eigentlich nur dann, wenn die Super Eagles, wie das nationale Fußballteam genannt wird, siegen.

Und so stellt sich auch nun nach dem Einzug ins Finale langsam wieder das "Wir-Gefühl" ein. Noch ist die Freude angesichts eines ständigen Auf und Ab der Mannschaftsleistungen ein wenig verhalten. Die Super Eagles gelten zwar als eines der stärksten Fußball-Teams in Afrika. Doch seit dem Gewinn der Afrikameisterschaft im Jahr 1994 sind die großen Erfolge ausgeblieben. Ein Sieg am Sonntag gegen Burkina Faso könnte das endlich ändern.

Seltenes Gemeinschaftsgefühl

Patrick Danjuma Paul drückt dafür schon jetzt die Daumen. "In Nigeria berührt Fußball unsere Herzen sehr", sagt der Mann, der im Bundesstaat Plateau lebt. Denn Fußball hebt nicht nur die Stimmung und den Bierkonsum in Kneipen, er lässt viele Nigerianer auch dichter zusammenrücken. "Wenn ich mir ein Fußballspiel anschaue, dann ist es egal, ob neben mir ein Ibo oder ein Yoruba oder ein Haussa sitzt", erklärt Patrick Danjuma Paul, "und wenn jemand Ärger macht, dann stehen wir gemeinsam auf und lassen uns das nicht bieten."

So viel Gemeinschaftsgefühl ist sonst selten. Nigerianer stellen sich eher als Christ oder Muslim, als Fulani oder Yoruba, als jemand, der aus der Stadt Sokoto oder aus Calabar stammt, vor - aber so gut wie nie als Nigerianer. Für Matthew Hassan Kukah, katholischer Bischof von Sokoto, steckt dahinter eine verfehlte Integrationspolitik, deren Wurzeln noch aus der Kolonialzeit stammen. "Im Norden wurden Stadtteile für Zugezogene, die meist Christen waren, errichtet", so Kukah. Bis heute hat jede Stadt ein Sabon Gari - einen Ortsteil mit dem Namen "neue Stadt". Zur Integration trage diese Politik nicht bei, sondern viel mehr zu einer Ghettoisierung.

Riesenstaat mit mehr als 160 Millionen Menschen

Immer wieder wird in Nigeria deshalb laut über eine mögliche Spaltung des Landes diskutiert. Mit dem Biafra-Krieg, der von 1967 bis 1970 tobte, gab es bereits einen ersten Versuch, der jedoch blutig niedergeschlagen wurde. Seitdem ist Nigeria nicht homogener geworden. Heute leben in dem afrikanischen Riesenstaat mehr als 160 Millionen Menschen, die etwa 250 verschiedenen ethnischen Gruppen angehören. Während im Süden überwiegend Christen zuhause sind, ist der Norden muslimisch geprägt. Wegen der vielen Differenzen und unterschiedlichen politischen Interessen gilt Nigeria für viele als mehr oder weniger unregierbar.

Doch dass es tatsächlich zu einer Trennung kommt, davon geht Hussaini Abdu, Leiter der Organisation Action Aid, nicht aus. "Es ist ein Land, das am Abgrund und vor sehr großen Herausforderungen steht", so Abdu, "aber eine Trennung ist kein rationaler Prozess, sondern mit Gefühlen und Befindlichkeiten verbunden". Gerade deshalb, so sagt er, könne Fußball ein verbindendes Element sein.  "Wenn gespielt wird, dann kommen Nigerianer zusammen."

Katrin Gänsler
(KNA)