01.02.2013

Ausstellung zur Geschichte der Arbeiterbewegung Von Erfolgen und Niederlagen

Am Anfang stand das Streben nach Gleichheit, Arbeit und Bildung. Dann wurden aus Protestbewegungen politische Organisationen. Über 500 Exponate dokumentieren im Mannheimer Technoseum die Höhen und Tiefen der deutschen Arbeiterbewegung.

Es ist eine Schau, die im Dunkeln beginnt und hellerleuchtet endet. Fahnen, Plakate, Büsten, Zeitungsausschnitte, Fotografien oder Druckerpressen sind im Mannheimer Technoseum von 2. Februar bis 25. August zu sehen, bevor die Schau zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung dann im Herbst nach Chemnitz wandert. Gezeigt wird auch eine Totenmaske von Ferdinand Lassalle (1825-1864), der am 23. Mai 1863 als Vorsitzender des in Leipzig gegründeten "Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins" (ADAV) bestellt wurde.

Dieses Datum gilt als eigentlicher Anlass sowohl für die Ausstellung als auch für die Definition, dass die deutsche Arbeitergeschichte vor 150 Jahren begonnen hat. Denn eigentlich hat die Arbeitergeschichte eine längere Tradition beginnend mit dem Ende des 18. Jahrhunderts, wie Ausstellungs-Projektleiter Horst Steffens erläutert. Doch mit der ADAV-Gründung bekam die Bewegung ihre erste politische Organisation.

Die Schau basiere auf einem Gerüst für Hausfassaden, sagt Matthias Hühnlein von der gleichnamigen Agentur, die für das Museum die Gestaltung konzipiert hat. Deshalb kommen Baugerüste und Zahnräder zum Einsatz, die Aufstieg und Krise der industriellen Arbeit symbolisieren. "Damit wird verdeutlicht, dass die Arbeiterbewegung vor allem als ein Prozess zu verstehen ist, der nie zum Stillstand oder gar zu einem Ende kam", meint Hühnlein.

Höhepunkte Engels und Marx

Im chronologischen Rundgang und in sechs Epochen aufgeteilt zeigt die Ausstellung unter dem Titel des 1889 entstandenen Knappenliedes "Durch Nacht zum Licht?", welche Erfolge und Niederlagen die Arbeiterbewegung erfuhr. Sie beginnt in einem irritierend dunklen Einlass mit Dokumenten der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert und dem Übergang von der Hand- zur Maschinenarbeit.

Zu den Höhepunkten der Schau zählen aber auch Dokumente, die noch vor Beginn der offiziellen 150-jährigen Arbeitergeschichte entstanden waren: Etwa die Erstauflage von Friedrich Engels "Die Lage der arbeitenden Klasse in England" von 1845 oder der Entwurf zum Manifest der kommunistischen Partei von Karl Marx von 1847. Zu sehen sind auch Lassalles Antwortschreiben zur Berufung eines Allgemeinen Deutschen Arbeitercongresses von 1863, eine Bismarck-Büste, die Programmschrift der sozialistischen Arbeiterpartei Deutschland 1875. Gezeigt werden auch Siegelring und Tassen aus dem Nachlass August Bebels und ein Gehrock von Karl Liebknecht.

Ziel erreicht?

Der rund 800.000 Euro teuren Schau gelingt es besonders zu zeigen, welche Höhen und Tiefen und wie viele Abspaltungen sie im Lauf der Jahrzehnte erleben musste - auch wenn die Vielzahl der Plakate, Fahnen und Bilder manchmal schier erdrückend wirkt. "Ihre Hochs hatte die Bewegung sicherlich in den 1920er Jahren, als die Bewegung als soziales Netzwerk stark ausgebildet war", sagt Steffens. Heute sei die Arbeiterbewegung zwar nach wie vor ein wichtiger Mitgestalter des Sozialstaats. Sie müsse aber angesichts neuer Entwicklungen ihre gesellschaftliche Relevanz neu bestimmen, sagt Steffens.

"Nach 150 Jahren hat die deutsche Arbeiterbeiterbewegung ihr Ziel erreicht: Sie ist im Museum angekommen", spitzt Hartwig Lüdtke, Museumsdirektor des Technoseum in Mannheim, zu. Schließlich müsse die Arbeiterbewegung in Zeiten der Globalisierung eine neue Rolle finden. Doch trotz seiner gewagten Museumsthese sieht Lüdtke noch kein Ende der Bewegung in Sicht: "Vermutlich brauchen wir heute eine Arbeitnehmer-Vertretung mehr und dringender denn je."

Ralf Schick
(epd)