28.01.2013

Türken wollen Gebeine des Heiligen zurück Streit um Nikolaus

Ein türkischer Professor will Gebeine des populären Heiligen aus dem schweizerischen Freiburg mit Hilfe der Regierung in Ankara in sein Ursprungsland zurückholen. Die Domherren sind entrüstet. Medien sprechen schon von "Religionskrieg".

Imposant ragt die Kathedrale St. Nikolaus über den mittelalterlichen Kern der Stadt Freiburg. Das Gotteshaus bildet den optischen und spirituellen Mittelpunkt der ehrwürdigen Schweizer Bischofsstadt. Und in den Gemäuern von St. Nikolaus findet sich eine wahre Schatzkammer: Gemälde, Skulpturen und Glasarbeiten, Gold und Silber. Doch jetzt ist ein Streit um einen Teil der Kostbarkeiten entbrannt: ein Streit um Gebeine des heiligen Nikolaus von Myra. Sie ruhen seit dem Spätmittelalter in Freiburg, dessen Schutzpatron der legendenumwobene Nikolaus ist. Heute ist die silberne Arm-Reliquie in der St.-Michael-Kapelle der Kathedrale zu bestaunen.

Ausgelöst hat den Zwist der türkische Archäologie-Professor Nevzat Çevik von der Akdeniz-Universität in Antalya. Er fordert den Vatikan und das Bistum Lausanne, Genf und Freiburg auf, die Gebeine des heiligen Nikolaus aus der Schweiz und anderen Orten in sein Herkunftsland zurückzugeben - und das ist die heutige Türkei. In Freiburg reagiert man empört auf das Ansinnen, Medien berichten schon von einem aufziehenden "Religionskrieg".

Auch für Muslime wichtig

Nikolaus (geboren etwa 270, gestorben etwa 342) wirkte im 4. Jahrhundert als Bischof von Myra (heute Demre im türkischen Südanatolien). Orthodoxe und katholische Christen schreiben dem überaus populären Heiligen etliche Wundertaten zu. Öl, das aus seinen Gebeinen floss, soll Kranke geheilt haben. Der Überlieferung nach starb Nikolaus an einem 6. Dezember, in Demre steht sein Sarkophag. Seit 1.500 Jahren pilgern Gläubige aus der ganzen Christenheit in den Ort.

"Der heilige Nikolaus ist auch für die muslimische Welt wichtig. Er hat versucht, das Christentum zu verbreiten, das auch eine Religion Gottes war", betont Professor Çevik. Er will, dass die Nikolaus-Gebeine in dem leeren Grab in der Türkei ruhen. Der Professor setzt darauf, dass die türkische Regierung sich seine Forderung zu Eigen macht. Bislang aber haben die politisch Verantwortlichen in Ankara noch keinen Anspruch auf die Reliquien erhoben.

"Niemals werden wir die Reliquien hergeben"

Die Befürworter einer Rückgabe führen vor allem den "Diebstahl" der Nikolaus-Gebeine im Jahr 1087 aus der Kirche zu Myra ins Feld: Christliche Seeleute entwendeten die Reliquien und brachten sie in das süditalienische Bari. Die Männer wollten die Schätze vor den muslimischen Sarazenen schützen.

Doch wie gelangten einige der Knochen nach Freiburg? Nachdem die Freiburger sich im 12. Jahrhundert unter den Schutz des heiligen Nikolaus gestellt hatten, wurden Stimmen laut, Gebeine des Patrons in der Stadt aufzubahren. Im Jahr 1405 brachte ein Abt Reliqiuen von einer Pilgerfahrt von Rom nach Freiburg. Seit 1506 bewahrt die Kathedrale St. Nikolaus einige der Gebeine auf - auf Geheiß des Papstes.

Und dort sollen sie auch für immer bleiben - so sagen es die Domherren. "Niemals werden wir die Reliquien des heiligen Nikolaus hergeben", stellt der Propst Claude Ducarroz klar. "Die Gebeine gehören der Kirche und dem Freiburger Volk, sie haben für uns eine enorme religiöse, historische und kulturelle Bedeutung." Von einem Diebstahl der Gebeine vor fast 1.000 Jahren will der Propst nichts wissen. Die Reliquien hätten sich immer in christlichen Händen befunden.

Jan Dirk Herbermann
(epd)