22.01.2013

Der ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Kock zum deutsch-französischen Verhältnis "Christen reichten sich die Hände"

Als Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland war Manfred Kock lange direkter Nachbar Frankreichs. Im domradio.de-Interview erinnert der heute 76-Jährige an die Wiederannäherung nach dem Zweiten Weltkrieg und die Rolle der Kirchen dabei.

 

domradio.de: Welche Rollen spielten die Kirchen damals in Frankreich und Deutschland. Wie wichtig waren sie bei politischen Entscheidungen?

Kock: Christen auf beiden Seiten waren nach 1945 die Ersten, die sich die Hände zur Versöhnung gereicht haben. Und das hat sich weiterentwickelt. Auch die Kirchen als Institutionen haben - entweder über den ökumenischen Rat oder die Bistümer - solche Beziehungen gepflegt. Gemeinden haben sich getroffen, Partnerschaften gebildet. Zwei Beispiele, die ich für sehr wichtig halte: Das ist einmal die Aktion Sühnezeichen, eine auf Jugendarbeit gerichtete Institution, die sich vor allem angesichts der schrecklichen Verbrechen der Deutschen auch um Versöhnung bemüht hat; manche Gruppen haben Kriegsgräber in Frankreich gepflegt und damit Sorge dafür getragen, dass das Bewusstsein über die Schrecken des Krieges nicht verloren gingen. Das zweite Beispiel sind die Menschen, die in den Krankenhäusern und Altenheimen gepflegt haben. Darauf konnten Adenauer und De Gaulle aufbauen. Sie haben einen Vertrag geschlossen, der bereits auch dank der Kirchen in der Bevölkerung zuhause war.

domradio.de: Wie hat sich die Bedeutung der Kirchen bei  politischen Entscheidungen in Deutschland und in Frankreich entwickelt?

Kock: In Frankreich ist es so, dass sich die Kirchen selber in einer starken Trennung vom Staat befinden. Das bedeutet, dass die Kirchen formal keinen direkten Politikeinfluss haben. De facto haben sie den aber noch immer sehr stark, vor allen Dingen in Gestalt der katholischen Kirche: über Verbindungen, aber auch über das, was sie als ethische Grundlage einzubringen haben. Protestanten gibt es ja nur ganz wenige. Aber diese kleine Gruppe hat sich immer sehr stark für Freiheit und Gerechtigkeit eingesetzt - auch unter dem Zeichen der Versöhnung.

domradio.de: Wie erleben Sie das Deutsch-Französische Verhältnis heute?

Kock: Wichtig ist, dass Europa nicht nur etwas Ökonomisches ist, sondern auch ein kultureller Beziehungspunkt. Als evangelische Kirche haben wir in den Grenzregionen sehr enge Partnerschaften. Und die leiden ein bisschen darunter, dass alles inzwischen so normal geworden ist: Ein gutes Verhältnis zwischen den Ländern ist nichts Besonderes mehr. Ein weiteres Problem sind die Sprachen, die im jeweils anderen Land nicht mehr intensiv genug gelernt wird. Das war schon mal besser. Deshalb kann man sagen: Gewöhnung ist etwas Schönes, sie hat aber auch ihre Nachteile.

domradio.de: Welche Herausforderungen leiten sich daraus ab - auch für Europa?

Kock: Wir dürfen nie vergessen, dass unsere kulturellen Hintergründe auch heute noch zu etwas verpflichten. Das ist neben dem christlichen Glauben die Aufklärung. Auf beiden Seiten der Grenzen sind wir auch deshalb frei im Umgang miteinander, weil wir durch eine gemeinsame Aufklärung gegangen sind.

Das Gespräch führte Christian Schlegel.

(dr)