17.01.2013

Auswertung der Telefon-Hotline für Opfer sexuellen Missbrauchs "Nicht zu beschönigen"

Fast neunzig Prozent der Opfer waren Männer - das hat die Auswertung der Telefon-Hotline für Opfer von sexueller Gewalt durch kirchliche Mitarbeiter ergeben. Den Angaben zufolge wurden in den letzten zwei Jahren rund 8.500 Gespräche geführt.

Nach dem Scheitern der Missbrauchsstudie der Deutschen Bischofskonferenz hat der Trierer Bischof Stephan Ackermann eine weitere gründliche und transparente Aufarbeitung kirchlicher Missbrauchsfälle angekündigt. Es werde einen Neustart des Projekts mit anderen Wissenschaftlern oder Instituten geben, sagte der Missbrauchsbeauftragte der deutschen Bischöfe am Donnerstag in Trier. Ackermann wies Forderungen nach seinem Rücktritt als Missbrauchsbeauftragter zurück, ließ aber offen, wie lange er diese Aufgabe weiterführen werde.

"Ich sehe mich in der Pflicht", sagte der Trierer Bischof, dessen Amt weder mit einem Zeitrahmen noch mit einer Befristung verbunden ist. Dennoch sei es schmerzlich, dass bei all den Bemühungen um Aufarbeitung in der Öffentlichkeit der Eindruck vorherrsche, in der katholischen Kirche werde "vertuscht und getrickst".

Ackermann äußerte sich bei der Vorstellung des "Tätigkeitsberichts zum Abschluss der Hotline der Deutschen Bischofskonferenz für Opfer sexuellen Missbrauchs". Die von der Lebensberatung im Bistum Trier betreute Hotline wurde eingestellt, weil es nach Angaben der Bischofskonferenz kaum noch Anfragen gab. Ackermann sprach von nicht zu beschönigenden Ergebnissen. Die Missbrauchstaten seien keine Zufallstaten gewesen. Die beschuldigten Seelsorger hätten versucht, sich Vertrauen zu erschleichen und den ihnen als Seelsorger entgegengebrachten Vertrauensvorschuss missbraucht. Ackermann bezeichnete dies als abscheulich.

Opfer fast ausschließlich Männer

Die Auswertung der Telefon-Hotline habe bei den Opfern sexueller Gewalt durch kirchliche Mitarbeiter einen ungewöhnlich hohen Männeranteil von fast 90 Prozent ergeben, sagte Andraes Zimmer, Fachverantwortlicher für die bundesweit geschaltete Hotline. Normalerweise seien von sexueller Gewalt drei mal soviel Frauen wie Männer betroffen.

Laut Zimmer geht dies auf die Zeiten zurück, als an den üblichen Tatorten - Internate, Pfarreien sowie Kinder- und Jugendheimen - Mädchen seltener Zugang hatten. Die Studie berichtet von einem planvollen Vorgehen der Kirchenvertreter, die ihre Machtbefugnisse und die moralische Autorität ihres Amtes zum Missbrauch nutzten. Es gebe kaum Hinweise auf Zufallstaten, sagte Zimmer weiter. Die Opfer seien in der Regel auf Suche nach Unterstützung gewesen, entweder bei Schulproblemen, familiären Schicksalsschlägen oder auf der Suche nach Halt in Heimen.

Etwa ein Viertel nutzte therapeutische Angebote

Bei der "weltweit ersten Hotline der katholischen Kirche für Missbrauchsopfer" wurden den Angaben zufolge zwischen März 2010 und Dezember 2012 rund 8.500 Gespräche geführt, davon zwei Drittel mit direkten Opfern sexuellen Missbrauchs. Andere Anrufer waren Partner, Familienangehörige, Therapeuten und Anwälte Betroffener. Etwa ein Viertel der Anrufer beschuldigte keine kirchlichen Mitarbeiter, sondern nutzte das kirchliche Angebot, um mit Therapeuten über ihre Erfahrungen in Familie, Schule oder Gesundheitswesen zu sprechen.

Ziel der Hotline war es, Betroffene und ihre Angehörigen zu ermutigen, über den sexuellen Missbrauch zu sprechen, der ihnen im Bereich der katholischen Kirche angetan worden sei, und sie bei der Aufarbeitung des Erlebten zu unterstützen. Die Konferenz wies darauf hin, dass die Kirche auch weiter Beratung und Hilfen für Betroffene anbiete. Diesbezügliche Adressen fänden sich unter www.dbk.de und unter www.praevention-kirche.de.

(epd, KNA)