04.01.2013

Thailand: Muslime kämpfen für Autonomie Der vergessene Konflikt

Kaum eine Woche vergeht ohne blutigen Anschlag - unbemerkt von der Weltöffentlichkeit. Im Süden Thailands kämpfen muslimische Separatisten für Autonomie, nicht weit von den Urlaubsparadiesen entfernt.

Es ist friedlich auf dem Campus der Silpakorn-Universität. Das Gelände nahe der thailändischen Hauptstadt Bangkok strahlt in sattem, sonnendurchfluteten Grün. Doch manche Studenten können es nicht genießen. Sie kommen aus dem islamisch geprägten südlichen Provinzen Pattani und Narathiwat. Dort vergeht kaum eine Woche ohne blutige Übergriffe, Bombenanschläge oder Morde auf offener Straße. Es tobt ein Krieg zwischen muslimischen Separatisten und Sicherheitskräften.

"Wenn ich diese Nachrichten höre, fühle ich mich schlecht und möchte mich am liebsten sofort um meine Familie kümmern", sagt der muslimische Student Saifee Ibrahim, der dank eines Stipendiums Englisch studiert. Seine Kommilitonin Mananchaya Sritulakarn berichtet von ihrem buddhistischen Schwager, dessen Kollege bei der Polizei in Pattani erschossen wurde. "Warum all das?" Innerhalb ihrer eigenen Familie lebten Muslime und Buddhisten doch auch friedlich zusammen.

Neue Welle der Gewalt

Muslime sind eine kleine Minderheit im mehrheitlich buddhistischen Thailand. Im Kern des Konflikts im Süden sehen die Studenten einen Mangel an Bildung, fehlgeleitete Politik und Missverständnisse. "Buddhisten denken schlecht über Muslime und umgekehrt", sagt der Student Abdulloh Weadaoh. Vorurteile seien am besten durch Bildung abzubauen. Sein Studienkollege Afnan Sumalee betont: "Dann könnten sich die Menschen eine eigene Meinung bilden und wären nicht so leicht beeinflussbar." Dass die Gewalt immer wieder Unschuldige trifft, schockiert die jungen Leute besonders.

Nur einige hundert Kilometer von Thailands beliebten Urlaubsstränden entfernt liegen die überwiegend muslimischen Provinzen Yala, Pattani und Narathiwat. Sie waren in den vergangenen Jahrzehnten wiederholt Schauplätze separatistischer Konflikte. Anfang 2004 begann eine neue Welle der Gewalt. "Ein Problem ist, dass es unterschiedliche Generationen von Aufständischen gibt", sagt der Bürgerrechtler Don Pathan: Da ist die "alte Garde", von denen etliche führende Köpfe im Exil leben. Zum anderen entstand eine neue Gruppe von militanten Kämpfern vor Ort.

Lösung: schwierig

In den vergangenen Jahren häuften sich brutale Angriffe auf Schulen und Tempel, Lehrer und Geistliche sowohl buddhistischen als auch muslimischen Glaubens. Viele Muslime geraten ins Visier der Separatisten, weil man sie verdächtigt, mit dem thailändischen Staat zu kollaborieren. Inwieweit die "alte Garde", die selbst als zerstritten gilt, Einfluss auf die jungen revolutionären Zellen hat, darüber herrscht keine Einigkeit. Ebenso unklar ist, ob Kontakte zum Terrornetzwerk Al Kaida bestehen.

Eine Lösung des Konflikts wird dadurch erschwert, dass auch die Behörden keine einheitliche Linie im Umgang mit den Aufständischen zeigen. "Wechselnde Regierungen hatten unterschiedliche Strategien und Verantwortliche", erläutert Pathan. "Der Zentralregierung muss klar sein, dass es keinen schnellen Weg zum Frieden gibt." Die Maßnahmen seit 2004 reichten von einer Politik der harten Hand bis hin zu Annäherungsversuchen, während zunehmend Truppen in die Region entsandt wurden.

Friedensgespräche außer Sicht

Angeheizt wird die Gewalt durch eine weit verbreitete Straflosigkeit. Militärs, paramilitärische Truppen und Polizei, die im Kampf gegen Aufständische und deren vermeintliche Sympathisanten willkürlich verhaften, foltern oder töten, werden in der Regel nicht zur Rechenschaft gezogen. Dies müsse sich ändern, fordert die Vorsitzende der "Stiftung Gerechtigkeit für Frieden", Angkhana Neelaphaijit. "Die Menschen wollen Gerechtigkeit." Angkhana weiß, wovon sie spricht. Im März 2004 wurde ihr Mann Somchai, ein anerkannter muslimischer Anwalt, in Bangkok entführt. Seine Leiche wurde nie gefunden. Er hatte kritisiert, dass einige seiner Klienten in Polizeigewahrsam gefoltert wurden.

Die derzeitige Regierung unter Premierministerin YingluckShinawatra arbeitet nach Einschätzung von Bürgerrechtlern immerhin daran, eine einheitliche staatliche Position zu finden. Doch offizielle und ernst gemeinte Friedensgespräche scheinen weiter nicht in Sicht. Zumal Thailands mächtiges Militär eine Autonomie der muslimischen Provinzen strikt ablehnt.

Es brauche Menschen, die die Situation wirklich verbessern wollten, sagt der Student Weadaoh. Wie seine drei Kommilitonen will er nach dem Studium auf jeden Fall in seine Heimat zurück. Sie möchten dort als Englischlehrer, Kindergärtner und Übersetzer arbeiten.

Nicola Glass
(epd)