19.12.2012

Bernhard Vogel mit Bilanz zum 80. Geburtstag "Jede Zeit hat ihre Aufgaben"

Den deutschen Katholiken rät Bernhard Vogel bei allen Problemen, einmal "über unseren Tellerrand zu blicken". Zu seinem 80. Geburtstag blickt der Ex-Regierungschef von Rheinland-Pfalz und Thüringen auf sein bewegtes Leben zurück.

KNA: Herr Vogel, zusammengerechnet waren Sie in Rheinland-Pfalz und Thüringen fast ein Vierteljahrhundert Ministerpräsident. Welche politischen Entscheidungen halten Sie im Überblick für besonders wichtig?

Vogel: Die lange Zeit macht eine Auswahl schwierig. Aber ganz sicher gehören die Gründungen der damaligen Doppeluniversität Trier-Kaiserslautern in Rheinland-Pfalz und der Start des dualen Rundfunksystems von öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern 1984 in Ludwigshafen dazu. Und natürlich die Partnerschaft zwischen Rheinland-Pfalz und Ruanda. In Thüringen ging es darum, das von den Sozialisten aufgelöste Land wiederzubeleben und aufzubauen. Während meiner Amtszeit dort wurde die Universität Erfurt wiederbegründet, und ich konnte mich erfolgreich dafür einsetzen, dass die ICE-Strecke von München nach Berlin über Erfurt führt.

KNA: Was macht den Unterschied zwischen Ost und West aus?

Vogel: Rheinland-Pfalz war, als ich es verließ, ein festgefügtes Staatswesen. Als ich nach Thüringen kam, war es dort wie 1947 in Rheinland-Pfalz. Alles musste erst einmal aufgebaut werden. Das Telefonieren war oft schwieriger als das Regieren.

KNA: Welche Dinge sind Ihnen nicht gelungen?

Vogel: Zum Beispiel der Erhalt des Kalibergbaus in Nordthüringen. Es gibt auch Dinge, bei denen ich heute sehr froh bin, dass sie scheiterten. Etwa der Plan, im Hunsrück eine Wiederaufbereitungsanlage wie in La Hague zu errichten.

KNA: Wo sehen Sie, wenn Sie die vergangenen Jahrzehnte Revue passieren lassen, die größten Änderungen in der Gesellschaft?

Vogel: Jede Zeit hat ihre neuen Aufgaben: Als ich studierte, konnte ich mir kaum vorstellen, dass die damaligen Hauptprobleme gelöst werden konnten: der Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg, wieder ein Platz für die Bundesrepublik in der Völkergemeinschaft, die Aussöhnung mit Frankreich, die deutsche Wiedervereinigung. Ich sage deshalb als bewusste Ermutigung an die Verantwortungsträger von heute: Probleme sind lösbar. Politisch haben sich die Milieus der beiden großen Volksparteien sehr verändert. Die Anziehungskraft von Union und SPD ist geschwunden, und das hat damit zu tun, dass beide nicht genügend auf ihr Profil achten. Es ist für Wähler interessanter, wenn sich die Parteien unterscheiden und sie ein Profil wählen können.

KNA: Wohin geht denn nach Ihrer Einschätzung die Reise der CDU?

Vogel: Ich mache mir Sorgen, aber ich bin gleichzeitig beeindruckt von der Geschlossenheit der Partei und der Autorität der Vorsitzenden Angela Merkel. Das war in der Geschichte der Partei nur selten so.

KNA: Und was bedeutet das?

Vogel: Wir dürfen den Markenkern nicht in Frage stellen. Wir haben christlich-soziale, liberale und wertkonservative Wurzeln. Keine von ihnen darf verdorren.

KNA: Wie schwierig das konkret umzusetzen ist, hat jetzt gerade der CDU-Parteitag gezeigt, als es um die Frage ging, welche Rechte Homosexuelle haben sollen.

Vogel: Ich hätte genauso gestimmt wie die Mehrheit der Delegierten. Im Übrigen sind Entscheidungen zu dem Themenkomplex beim Bundesverfassungsgericht anhängig. Und über die Auslegung der Verfassung wird in Karlsruhe und nicht auf Parteitagen entschieden.

KNA: Seit Jahrzehnten haben Sie sich auch für die katholische Kirche engagiert.

Vogel: Ja, ich bin ein überzeugtes und aktives Mitglied, ich liebe meine Kirche. Und ich leide deshalb darunter, dass sie derzeit große Probleme hat. Aber ich habe keine Zweifel an der Zusage ihres Stifters, dass die Kirche bis zum Ende der Zeiten nicht untergehen wird.

KNA: Aber das ändert nichts an den aktuellen Problemen.

Vogel: Die Situation in Deutschland und in der Weltkirche ist völlig verschieden. Die Weltkirche wächst, und der Eurozentrismus geht früher oder später zu Ende. Die Katholiken aus Lateinamerika und Asien werden morgen ihr Bild bestimmen. Uns deutschen Katholiken täte es gelegentlich gut, über unseren Tellerrand zu blicken. Aber insgesamt gilt: Wir müssen wieder dialogfähiger werden, wie wir es zu Zeiten des Zweiten Vatikanischen Konzils und der Würzburger Synode waren.

Ich freue mich über den Dialogprozess, den der Bischofskonferenzvorsitzende Robert Zollitsch angestoßen hat. Aber dieser Prozess muss ganz konkrete Ergebnisse haben. Und wir müssen uns als Kirche wieder stärker auf das Konzil und die Würzburger Synode besinnen. In den Dokumenten stehen zum Beispiel viele kluge Sätze über die Mitarbeit der Laien.

KNA: Wenn Sie die Möglichkeit hätten, mit Papst Benedikt XVI. unter vier Augen zu sprechen. Was würden Sie ihm sagen wollen?

Vogel: Holen Sie sich bitte einen Fachmann, der weiß, wie man einen weltweiten Verwaltungsapparat organisiert und führt. Es ist großartig, dass der Papst Bücher schreibt. Aber jetzt, nachdem der dritte Jesusband fertig ist, sollten Sie sich dieser Aufgabe zuwenden.

KNA: Herr Vogel, wie wollen Sie den 80. Geburtstag verbringen?

Vogel: Vor einem halben Jahr habe ich noch über eine Schiffsreise nachgedacht. Aber dann wurde mir wieder bewusst, dass ich an der Wegstrecke meines Lebens so vielen Menschen zu danken habe, dass ich ihnen nicht einfach die kalte Schulter zeigen sollte. Jetzt gibt es eine Reihe von Veranstaltungen, aber ich habe allen gesagt: Haltet Euch mit Dankesworten zurück. Ich selbst habe zu danken. Vor allem den Wählern für das Vertrauen, das sie mir immer wieder geschenkt haben.

KNA: Und welche Vorsätze haben Sie?

Vogel: Weniger Zusagen zu Veranstaltungen zu geben. Ich will mehr zu Hause sein und mehr lesen. Kurzum: Ich will mir mehr Zeit lassen für die kurze, noch verbleibende Zeit.

 Das Interview führte Michael Jacquemain

(KNA)