09.11.2012

Zu Besuch in einer Unterkunft für Roma-Flüchtlinge Gehasst daheim, nur geduldet in der Fremde

Tausende Roma und Sinti kommen derzeit jeden Monat nach Deutschland. Wirklich willkommen sind sie nicht, viele sollen so schnell wie möglich wieder abgeschoben werden. Bis dahin leben sie in Asylheimen, die oft kurzfristig eingerichtet wurden. Besuch einer Unterkunft für Flüchtlinge.

Waschmaschinen, noch mit Folie überzogen, rumpeln auf Sackkarren durch den Glaseingang. Dahinter tragen die Helfer kistenweise Kinderbekleidung und Spielzeug in das Gebäude. Die Pforte des einstigen St. Alexius-Krankenhauses im rheinischen Neuss gleicht an diesem Morgen der Anlieferung eines Warenhauses. Nur Kaufkraft fehlt hier. "Die Sachen haben Bürger gespendet, die Waschmaschinen haben wir angeschafft", berichtet Renate Walkenhorst von European Homecare. Das Unternehmen kümmert sich im Auftrag des Landes Nordrhein-Westfalen um Heime und Versorgung für Asylbewerber. Seit Sommer gibt es mehr zu tun.

Ungefähr 9.000 Roma und Sinti kommen nach Schätzungen derzeit jeden Monat nach Deutschland. Armutsflüchtlinge, meist aus Serbien und Mazedonien. Offenbar hatte sie keiner erwartet, als Brüssel die Visumspflicht für beide Länder abschaffte. Vorbereitet war man jedenfalls nicht. Knapp 100 Menschen vom Balkan sind fürs erste in Neuss untergebracht. In zwei Tagen rüstete European Homecare das frühere katholische Krankenhaus zur "Zentralen Unterkunft" um. In den Gängen hängt noch antiseptischer Geruch. "Es kommen viele Familien; eine hat neun Kinder", erzählt Walkenhorst. "Manche bringen ihre Habseligkeiten in Plastiktüten mit."

Zur Not kommt die Diskriminierung
Auf dem Schoß von Fadil Ajeti sitzt seine kleine Tochter und ringt mit einem Schokokeks. Er schmilzt in ihren Händen; vielleicht kennt sie keine Schokolade. Der 44-jährige Roma-Angehörige kam im Oktober mit Frau und drei Kindern aus Bujanovac - ein Nest im Süden Serbiens, wo die meisten wenig und die Roma gar nichts haben. Schon gar keine Ausbildung, geschweige denn Arbeit. "Der Staat gab uns eine Baracke, einmal fiel die Decke herunter", sagt Fadil. "Strom, Wasser - alles sollen wir bezahlen. Wovon denn, wovon leben?"

Zur Not kommt die Diskriminierung. "Die Serben hassen uns." Warum? - "Weil es schon immer so war, für die bleiben wir immer Fremde." Außerdem ist Fadil Muslim. Seine Frau zeigt vernarbte Bisswunden am Unterschenkel. Der Nachbar habe die Hunde auf sie gehetzt, ohne Grund, erklärt ihr Mann. Sie humpelt, quälend langsam, das Gesicht wird zur Grimasse. Mehr ein Schauspiel für die Presse? "Wenn nur die Hälfte von dem stimmt, was die Leute berichten, ist es schlimm genug", meint Renate Walkenhorst.

Binnen drei Monaten zurück
Leute erzählten Fadil von Deutschland, wo Asylbewerber jetzt mehr bekommen und sogar für die Armen genug übrigbleibt. Ein Mann in einem Kombi habe sie nach Dortmund gebracht. Dort befindet sich eine große Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge. Dafür bezahlte Fadil 130 Euro pro Person. Das Geld habe er sich geliehen. "Die Deutschen sind gastfreundlich, und hier gibt es Arbeit", glaubt der Mann ohne Ausbildung. "Ich nehme jede Stelle an." Seine Töchter könnten zur Schule gehen und die Familie Ruhe finden. Ob er tatsächlich glaubt, ohne echten Asylgrund länger in Deutschland bleiben zu können, verraten seine unruhigen Augen nicht. Dann kommt das Mittagessen. Makkaroni mit Tomatensauce in Aluschalen und für jeden eine Banane.

Die Behörden sind längst angewiesen, die Ankömmlinge binnen drei Monaten zurückzuschicken. Solange dauert ein Asyl-Schnellverfahren. In dem Fall wäre die Rechnung für Menschen wie Fadil so trostlos wie einfach: Der harte serbische Winter wäre vorbei, und von den staatlichen Geldleistungen könnten die Schulden bei den Schleppern plus Zinsen beglichen werden. Vielleicht bleibt sogar noch etwas übrig. Derweil werden einige  hierzulande weiter die "strukturelle Diskriminierung" der Roma in den Balkanländern beklagen - und andere vor einem Ansturm der "Wirtschaftsflüchtlinge" warnen.

Von beidem hat Jennifer, Fadils Älteste, vermutlich nie gehört. Ihre dunklen Augen strahlen, schon weil heute ihr 14. Geburtstag ist. Einer von der Heim-Security hat ihr Strümpfe und Seife geschenkt. Krankenschwester will sie werden oder Sängerin, ein typischer Teenager. Für sie ist klar, dass sie hierbleiben. Es wirkt, als habe sie die Baracke in Bujanovac schon vergessen.

Christoph Schmidt