01.10.2012

Der Umgang mit Kirchenaustritten im Bistum Würzburg "Die Leute spüren lassen, dass sie nicht abgeschrieben sind"

Ein Rechtsstreit hat die Diskussion um den Umgang mit Kirchenaustritten wieder belebt. Der Würzburger Generalvikar Hillenbrand kontaktiert alle Ausgetretenen seines Bistums selber. Er hat damit gute Erfahrungen gemacht – und plädiert dafür, den von den deutschen Bischöfen beschlossenen Weg noch einmal zu überdenken.

KNA: Herr Generalvikar, ein Dekret der deutschen Bischöfe verpflichtet alle Pfarrer, Katholiken nach einem Kirchenaustritt zum Gespräch einzuladen. Sie sammeln damit schon länger Erfahrung. Wie kam es dazu?
Hillenbrand: 2010 sind im Gefolge der Missbrauchsfälle die Austrittszahlen auch in unserem Bistum sprunghaft in die Höhe geschnellt. Seither lade ich alle ein Jahr nach ihrem Austritt zu einem Gespräch ein - in der Hoffnung, dass der zeitliche Abstand zu einer differenzierteren Sichtweise beiträgt.

KNA: Welche Reaktionen gibt es?
Hillenbrand: Die meisten reagieren gar nicht. Einige bedanken sich für die Kontaktaufnahme oder nennen ihre Motive, wünschen aber kein Treffen. Manchmal kommt es aber zu einem Gespräch und das ist dann immer sehr interessant und wichtig. Denn es zeigt sich, dass in den seltensten Fällen die Kirchensteuer der Grund ist, sondern eine längere Entfremdungsgeschichte mit zum Teil tiefgreifenden menschlichen Verletzungen, etwa weil jemand sich ungerecht von einem Priester behandelt oder bei einem Problem nicht ernstgenommen gefühlt hat.

KNA: Lassen sich solche Verletzungen dann noch heilen?
Hillenbrand: Das ist eher schwierig. Aber vielleicht lassen sie sich in einen größeren Zusammenhang bringen. Von den 25 Gesprächen, die ich in den letzten Jahren geführt habe, weiß ich, dass fünf Personen unmittelbar oder kurz danach wieder eingetreten sind. Das ist aber gar nicht das vorrangige Ziel. Es geht um ein Signal an die Menschen: Ihr seid uns auch nach Eurem Austritt nicht gleichgültig, uns interessiert Eure Geschichte und Ihr habt die Gelegenheit, sie zur Sprache zu bringen.

KNA: Wie legen Sie diese Gespräche an?
Hillenbrand: Die Leute sollen spüren, dass sie nicht abgeschrieben sind, auch wenn sie formell Distanz aufgenommen haben. Insofern kann der mit dem Dekret veröffentlichte Begleitbrief in seiner jetzigen Fassung noch nicht das letzte Wort sein. Es nutzt wenig, die Menschen nur über die kirchenrechtlichen Folgen ihres Austritts zu belehren.

KNA: Manche Kommentatoren haben von einem Drohbrief gesprochen.
Hillenbrand: Es wäre fatal, wenn sich die Situation der Leute nur noch mehr verhärtet, weil sie sich zusätzlich bestraft fühlen. Diesen Eindruck muss man unbedingt vermeiden.

KNA: Sollten die Aufklärung über die Rechtsfolgen und die seelsorgliche Zuwendung voneinander getrennt werden?
Hillenbrand: Das würde ich begrüßen. Und es wäre auch besser, wenn das von unterschiedlichen Stellen käme. Denn es dürfte schwierig sein, in einem einzigen Schreiben einen pastoral-einfühlsamen und zugleich kirchenrechtlich korrekten Ton anzuschlagen. Zumindest aber sollte die seelsorgliche Komponente noch viel mehr zum Tragen kommen.

KNA: Welchen Rahmen wählen Sie für solche Begegnungen? Machen Sie auch Hausbesuche?
Hillenbrand: Wenn einer schon lange in der Klinik lag oder zu Hause pflegebedürftig war, bin ich auch mal hin. Aber sonst lade ich zu mir ein, biete Getränke an, damit das Gespräch nicht zu trocken wird. Erst habe ich befürchtet, dass es eine Hemmschwelle darstellt, wenn jemand ins Generalvikariat kommen muss, also praktisch in die Höhle des Löwen. Aber interessanterweise wurde das von vielen positiv aufgenommen: Ich bin ausgetreten, aber ich darf doch noch hier rein. Solche Gespräche dauern in der Regel eine Stunde. Wenn es sehr emotional oder seelisch belastend wird, biete ich manchmal noch einen weiteren Termin an.

KNA: Nach der jetzigen Regelung sind diese Gespräche eine Pflichtaufgabe für Pfarrer, die ohnehin immer weniger werden und immer häufiger über Überlastung klagen. Wird die Lösung den Frust im Klerus verstärken?
Hillenbrand: Ich hoffe nicht. Es geht ja dabei um die Mitwirkung der Kirche und die besteht nicht nur aus Priestern. Ich könnte mir gut eine Ausweitung auf Diakone, Pastoral- und Gemeindereferenten und -referentinnen vorstellen. Gerade, wenn man solche Gespräche ernst nimmt, ist auch die Kompetenz kirchlich engagierter Frauen gefragt.

KNA: Wie soll sich die Kirche denen gegenüber verhalten, die auch nach pastoraler Zuwendung und Rechtsbelehrung nichts mehr von ihr wissen wollen - sie in Frieden lassen oder dranbleiben?
Hillenbrand: Wenn mir jemand erklärt, ich möchte in Ruhe gelassen werden, muss ich das respektieren. Ich persönlich lasse ihn aber auch wissen, dass ich ihn in mein Gebet mit hineinnehme. Bisher liegt mir keine Rückmeldung vor, dass das als aufdringlich empfunden wird. Die Taufe begründet eine lebenslange Zugehörigkeit zu Gott und zu seiner Kirche. Kann sein, dass jemand davon nichts mehr wissen will. Aber ich habe kein Recht, ihn völlig aufzugeben.

Das Gespräch führte Christoph Renzikowski.

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