Ökumene in der Entwicklungszusammenarbeit
Ökumene in der Entwicklungszusammenarbeit
Ökumenischer Gottesdienst zu 50 Jahre Entwicklungshilfe von Staat und Kirchen
Ökumenischer Gottesdienst zu 50 Jahre Entwicklungshilfe von Staat und Kirchen

06.09.2012

50 Jahre Entwicklungszusammenarbeit zwischen Staat und Kirchen Kirche als Schrittmacher

Entwicklungszusammenarbeit ist nicht nur eine Aufgabe des Staates, betont Erzbischof Robert Zollitsch, sondern eine Herausforderung für die gesamte Gesellschaft. Die Kirchen könnten hier eine "Schrittmacher-Funktion" wahrnehmen. Mit einem ökumenischen Gottesdienst haben Kirche und Bundesregierung den Beginn ihrer Zusammenarbeit in der Entwicklungsarbeit vor 50 Jahren gewürdigt.

"Es ist für uns Kirchen keine Festtagsrhetorik, wenn wir sagen: Die Armen selbst müssen Träger der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung sein", sagte Erzbischof Zollitsch bei dem Gottesdienst am Donnerstag in der St. Elisabeth-Kirche in Bonn.  Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz und Präses Nikolaus Schneider, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, bekräftigten ihr Engagement in der Entwicklungsarbeit. Dabei stehe die Hilfe zur Selbsthilfe im Mittelpunkt, sagte Erzbischof Zollitsch.

Hilfe zur Selbsthilfe im Mittelpunkt
"Die Armen selbst müssen Träger der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung sein", so Zollitsch. Voraussetzungen dafür zu schaffen und Hindernisse zu beseitigen, sei Aufgabe staatlicher und kirchlicher Entwicklungsarbeit. Zugleich betonte der Vorsitzende der Bischofskonferenz, dass die Hilfe der Kirche ebenso wie die des Staates allen Menschen gelte. "Nationalität, Herkunft, Religion sind keine Begrenzungskriterien für unsere Solidarität. Allein die Bedürftigkeit zählt."

Präses Schneider bekräftigte in seiner Predigt, die Armen, Hungernden und Entrechteten der Welt dürften "um Gottes willen nicht allein mit frommen Worten "abgespeist" werden". Es gelte, tatkräftig Hilfe zu leisten. Zugleich zeige der Glaube vieler armer Menschen, "das Gottes Kraft größer ist als die strukturelle Gewalt ungerechter Wirtschaftssysteme", so der rheinische Präses.

Auch Bundespräsident Gauck nahm an den Feierlichkeiten teil
Der ökumenische Gottesdienst in der Bonner Sankt-Elisabeth-Kirche bildete den Auftakt zu einem von den beiden kirchlichen Hilfswerken Misereor und Evangelischer Entwicklungsdienst (EED) veranstalteten Festakt. Zu den rund 500 Teilnehmern aus Politik und Gesellschaft zählten unter anderen Bundespräsident Joachim Gauck und Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP).

Der Bundespräsident würdigte die Erfolge der Kirchen in der Entwicklungszusammenarbeit. Sie hielten den Einsatz für den "fernen Nächsten" lebendig, sagte der Bundespräsident bei dem Festakt. Sie seien früh Teil der Bewegungen gewesen, die sich gegen strukturelle Ungerechtigkeit wandten und zum Nachdenken über den eigenen Lebensstil anregten.

Die Kirchen "bleiben eine unersetzliche Stimme im Chor derjenigen, für die ein Leben in Fülle sich gerade nicht am Kontostand der Kreditkarte entscheidet", ergänzte Gauck. Mit Hilfe ihres großen Kontaktnetzes könnten sie Menschen erreichen, zu denen anders kein Zugang besteht. In Deutschland könnten sie "abstrakte globale Fragen" begreifbar machen. So erhielten sie den Willen am Leben, die Ursachen von Armut zu bekämpfen: "Die Kirchen lassen sich nicht entmutigen - so verwundert es nicht, dass die kirchliche Entwicklungszusammenarbeit bisweilen ein höheres Ansehen genießt, als die staatliche", sagte er.

Gauck warnt vor "Entwicklungsindustrie" ohne Blick für Partner vor Ort
In seiner ersten großen Rede zur Entwicklungspolitik als Bundespräsident äußerte Gauck sich auch kritisch zur Rolle der Zusammenarbeit mit armen Ländern. Er kenne Zyniker, die in der Entwicklungszusammenarbeit "eine zwar gut bezahlten, aber sinnlosen Job sehen", sagte Gauck. Eine "Entwicklungsindustrie" dürfe aber nie ihre eigenen Interessen über die Entwicklung der Partner setzen. Es gehe darum, Menschen dabei zu unterstützen, ihre eigenen Verantwortungspotenziale zu leben.

Das Staatsoberhaupt betonte, Entwicklungsarbeit müsse eine Gemeinschaftsaufgabe mit den Betroffenen vor Ort sein. Viele große Entwicklungspläne seien "am grünen Tisch ersonnen" worden, ohne dass es wirklichen Kontakt zu den Bedürftigen gegeben habe. Auch bei den Missionaren waren "viele weiße Besserwisser am Werk". Sicher sei auch, dass die Kirchen zu Ungerechtigkeiten der Kolonialzeit oft geschwiegen hätten, sagte Gauck.

Der Bundespräsident warnte zugleich davor, in der Entwicklungszusammenarbeit unrealistische Erwartungen zu wecken: "Transferleistungen alleine konnten auch im Osten Deutschlands keine blühenden Landschaften entstehen lassen - sie waren nur ein Baustein in einer großen gemeinschaftlichen Aufbauleistung." Um ein Land in den Wohlstand zu führen, brauche es auch "vernünftige Politik und passende Rahmenbedingungen".

Zugleich müsse man aufpassen, Entwicklungspolitik nicht zu überfrachten, betonte er. Zentral müsse der Kampf gegen Armut und Ungerechtigkeit sein. So verstanden sei Entwicklung eine "ganzheitliche Aufgabe" für Politik und Gesellschaft, Staat und Kirche, schloss Gauck.

Niebel will Spielraum der Kirchen in der Entwicklungshilfe erweitern
Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) kündigte in seiner Rede an, den Spielraum der Kirchen in der Entwicklungshilfe zu erweitern. Sie erhielten bereits jetzt bundesweit als einzige Institutionen staatliche Mittel im Rahmen einer sogenannten Globalbewilligung. "Und wegen der guten Erfahrungen wollen wir auch die Einzelbewilligung für besonders sensible Länder noch abschaffen. Und deshalb geben wir Ihnen auch mehr Geld", so der Minister.

Auch wenn er nicht immer mit den Position der Kirchen übereinstimme, freue er sich auch in Zukunft darauf, dass diese eigene Akzente in die Entwicklungsarbeit einbrächten, sagte Niebel. So habe deren "ausdauernde Vorarbeit" dazu geführt, dass sich die Bundesregierung nunmehr geschlossen für die Abschaffung der EU-Agrarexportsubventionen einsetze. Dass dieses Ziel von
Entwicklungs- und Landwirtschaftsministerium inzwischen gemeinsam und "gewaltfrei" verfolgt werde, sei dabei eine ganz besondere Leistung, fügte Niebel mit ironischem Unterton an.

Seit 1962 setzen sich die Kirchen zusammen mit dem Staat für die Länder des Südens ein. Die Kooperation entstand während der Kanzlerschaft Konrad Adenauers (CDU) unter dem Eindruck der damaligen Hungerkatastrophe in Indien und Äthiopien. Die Kirchen erhalten seitdem vom Staat ein globales Budget für Hilfsprojekte, über das sie eigenständig verfügen können. Allerdings dürfen sie damit keine Mission betreiben.

Zollitsch betonte, Adenauer habe vor 50 Jahren nicht nur aus politischem Kalkül gehandelt. Er sei vielmehr als gläubiger Christ vom kirchlichen Engagement auch persönlich überzeugt gewesen. "Er erkannte, dass die Kirchen in Afrika, Asien und Lateinamerika nahe bei den Armen sind." Katholiken und Protestanten hätten im Gegenzug eine "Schrittmacher-Funktion" übernommen und zur Verankerung der Entwicklungspolitik in der deutschen Bevölkerung beigetragen.

Voraussetzungen dafür zu schaffen und Hindernisse zu beseitigen, das ist die Aufgabe staatlicher Politik und kirchlicher Entwicklungsarbeit. Unsere Solidarität will Menschen befähigen, das eigene Leben und das Leben ihrer Gemeinschaften selbstständig zu gestalten. Sie darf nie dazu führen, dass Menschen zu ewigen Schutzbefohlenen werden. Unser Handeln muss subsidiär sein."