01.09.2012

Berlin feiert die erste "Lange Nacht der Religionen" Nach Angriff auf Rabbiner unerwartet aktuell

Für die Bundeshauptstadt ist es eine Premiere, bundesweit in dieser Größenordnung auch: Erstmals findet am Samstag in Berlin eine "Lange Nacht der Religionen" statt. Seit dem antisemitisch motivierten Angriff auf einen Berliner Rabbiner wird die Veranstaltung mit besonderer Spannung erwartet.

Die über 65 beteiligten Gemeinschaften wollen dem Dialog der Religionen damit einen neuen Impuls geben, wie Koordinator Peter Amsler erklärt. Sie können es mit kräftiger und nicht nur finanzieller Unterstützung des Berliner Senats als "Dienstleister", wie es Kulturstaatssekretär Andre Schmitz formuliert.

So übernahm der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) die Schirmherrschaft. Er ist es auch, der im Großen Festsaal des Roten Rathauses die "Lange Nacht" am Nachmittag "einläutet". Es ist das erste Religionen übergreifende Treffen in der Hauptstadt nach der Attacke, die international Aufsehen und Protest erregte.

Rabbiner-Attacke bestätigt Veranstalter
Durch den Angriff vermutlich arabischstämmiger Jugendlicher sehen sich die Veranstalter und Förderer der Religionen-Nacht bestätigt. Die "furchtbare Tat" zeige, wie wichtig der Dialog sei, betont Hartmut Rhein, der Senatsbeauftragte für Kirchen, Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften. Zugleich belegt das Projekt nach seinen Worten aber auch die bereits erreichte "gute Zusammenarbeit".

Sie soll nun bei der "Langen Nacht" deutlich werden, an der sich die beteiligten Gemeinschaften und Initiativen mit selbst verantworteten Programmen beteiligen. Vorbild sind die "Lange Nacht der Museen" und ähnliche Veranstaltungsreihen, die sich in Berlin und anderen Metropolen zu Publikumsrennern entwickelt haben. Auch die Religionen wollen mit einem solchen Angebot nun jedes Jahr in den Veranstaltungskalendern erscheinen, erklärt Koordinator Amsler, der den Berliner Bahai-Gemeinden angehört. Als Vorbild nennt er das fränkische Fürth, wo es ein ähnliches Projekt bereits gibt, allerdings in viel kleinerem Umfang.

Mit der "Langen Nacht" tritt nun auch der "Berliner Dialog der Religionen" erstmals an eine breite Öffentlichkeit. Auf Initiative des Senats hat sich die Gesprächsplattform vor eineinhalb Jahren zusammengefunden. Zumeist hinter verschlossenen Türen haben Mitglieder vieler der rund 250 in Berlin ansässigen Religionsgemeinschaften gemeinsame Positionen ausgelotet.

Große Kirchen sind unterrepräsentiert
Mit dem Dialogforum teilt aber auch die "Lange Nacht" ein Grundproblem: Das Spektrum der Teilnehmer ist zwar ungewöhnlich bunt, es reicht von der "Ahmadiyya Anjuman Ischait Moschee" über den "Förderkreis Raum der Stille" im Brandenburger Tor bis zur "Unitarischen Kirche in Berlin". Die beiden großen Kirchen jedoch sind - gemessen an ihrem gesellschaftlichen Gewicht - stark unterrepräsentiert.

So sind nach Einschätzung der evangelischen Pfarrerin Gerdi Nützel von den 65 Veranstaltungsorten der "Langen Nacht" 11 christlich einzuordnen, ein großer Teil davon jedoch den Freikirchen. Das Erzbistum Berlin ist nur durch die Neuköllner Kirchengemeinde Sankt Christophorus vertreten. "Wir haben die Gemeinden weder aufgefordert noch behindert, sich zu beteiligen", so der Sprecher der Landeskirche, Volker Jastrzembski, auf Anfrage.

Ob die Zurückhaltung der großen Kirchen tatsächlich in der Überfülle "eigener Termine" begründet ist, wie es der Senatsbeauftragte Rhein vermutet, bleibt offen. Vielleicht ist es auch die aktive Rolle des Staates unter Berufung auf den aufgeklärten Absolutismus. So stellte Rhein die "Lange Nacht" vor den Medien in einen Zusammenhang zum laufenden Gedenkjahr für Friedrich den Großen, "das auch die religiöse Toleranz feiert".

Gregor Krumpholz