15.08.2012

Vor 100 Jahren starb der Sprachenerfinder Johann Martin Schleyer "O Fat obas"

"O Fat obas, kel binol in süls, paisaludomöz nem ola!" So beginnt das Vaterunser in der bizarren Sprache Volapük. Sie gilt als Vorgängerin des Esperanto. Erfunden hat sie der Pfarrer und Privatgelehrte Johann Martin Schleyer. Er starb vor 100. Jahren.

Im Hotel "Volapük" ist das Werk Johann Martin Schleyers noch lebendig - zumindest im Namen. Inhaber Alfred Spicker stammt aus Litzelstetten am Bodensee, jenem Stadtteil von Konstanz, in dem der Pfarrer und Privatgelehrte im 19. Jahrhundert wirkte. Schon in der Schule hatte Spicker vom berühmtesten Sohn des Ortes an der Blumeninsel Mainau gehört; und als er 1983 sein Hotel eröffnete, wählte er als Name "Volapük": die von Schleyer ersonnene Weltsprache. Bis heute wenden der Hotelier und sein Personal viel Mühe auf, die Gäste über Schleyers Werk zu informieren - auch zu dessen 100. Todestag am 16. August.

Pionier der Plansprachenbewegung
Warum eine weltweite Plansprache? Es gibt doch Englisch, fragen sich heutige Betrachter. Und wenn Weltsprache, warum nicht Esperanto? "Volapük" ist die einige Jahre ältere Vorgängerin des Esperanto. Pfarrer Schleyer, Jahrgang 1831, war ein Pionier der internationalen Plansprachenbewegung. Sein Volapük, entstanden 1878/80, gilt als erste konstruierte Sprache, die auch tatsächlich zur internationalen Verständigung verwandt wurde.

In einer schlaflosen Nacht soll der Badener Geistliche, Urgroßonkel des 1977 von der RAF ermordeten Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer, seine "Weltsprache" entworfen haben. Er wünschte sich, seine Erfindung möge ein Band werden, "das die sprachlich zerrissene Welt umschlänge und so die Völker verknüpfe".

Aus mehreren Sprachen demokratisch zusammengesetzt
All seine Freizeit verbrachte das Sprachgenie mit Studien, gab Grammatiken in 25 Sprachen heraus. Als Grundlage seiner "Weltsprache" - nichts anderes bedeutet "Volapük" - wollte er keine herausragende Einzelsprache, um nicht bereits Vorurteile oder Dominanzen grundzulegen. Daher findet man englische, deutsche, lateinische, romanische, ungarische, russische Elemente quasi demokratisch nebeneinander - allerdings in ihren Wortstämmen so stark verändert, dass die Wurzeln kaum noch wiedererkennbar sind. Es gibt nur eine Deklination, nur eine Konjugation, zudem weder Artikel noch Geschlecht; Prä- und Suffixe regeln den Rest. Die Wortstellung im Satz handhabte Schleyer frei.

Heraus kam eine Sprache, die so bizarr klingt wie in den ersten Zeilen der Volapük-Hymne: "Sumolsöd stäni blodäla, Dikodi valik hetobs!" (Friede, Brudersinn zu pflegen, Eintrachtsinn sei uns Panier!) oder am Beginn des Vaterunser: "O Fat obas, kel binol in süls, paisaludomöz nem ola!" Immerhin: Die Idee einer Weltsprache war den Bildungsbeflissenen der Zeit so begeisternd, dass sich in kürzester Zeit Zehntausende Anhänger in aller Welt für das sperrige, schwierig zu erlernende und so befremdlich klingende Idiom fanden.

Esperanto war wesentlich einfacher
Allerdings wirkte auch ausgerechnet der geniale Erfinder Schleyer letztlich als Bremse: Als sich internationale Kongresse um Verbesserungen und praktische Neuregelungen bemühten, wollte der Schöpfer als "Datuval" (Großer Erfinder) die absolute Kontrolle über sein Geschöpf behalten. So blieben Weiterentwicklungen zu einer tatsächlich gesprochenen Sprache aus; einst Begeisterte wandten sich frustriert dem aufkommenden, wesentlich einfacheren Esperanto des jüdisch-russischen Arztes Ludwig Lejzer Zamenhof (1859-1917) zu.

Eine exponierte internationale Sprechergruppe wie beim Esperanto gibt es heute nicht mehr - allenfalls ein paar Dutzend Liebhaber, die sich mündlich in Volapük verständigen können. Insgesamt dürfte das Interesse aber inzwischen sogar weit hinter dem "tlhIngan Hol"
rangieren: dem "Klingonischen", das im Auftrag der US-Filmgesellschaft Paramount für das Science-Fiction-Epos "Star Trek" konstruiert wurde. Schleyers Traum vom "Menade bal - püki bal" (Eine Menschheit - eine Sprache) ist ausgeträumt. Selbst der Schleyer-Stadt Konstanz ist sein 100. Todestag kein offizielles Gedenken wert.

Alexander Brüggemann