Eichstätter Bischof zur Debatte um Grüne Gentechnik

"Vorwurf ist nicht haltbar"

Die katholische Kirche steht Grüner Gentechnik kritisch gegenüber, deshalb wird ihr vorgeworfen, den Tod von Millionen von Kindern mit zu verantworten. Der Bischof von Eichstätt, Gregor Maria Hanke, weist im domradio.de-Interview die Vorwürfe zurück.

 (DR)

domradio.de: Caritas international hat in ihrem Jahresbericht soeben deutlich gemacht, dass das kirchliche Hilfswerk gegen den Hunger in Ostafrika im vergangenen Jahr am meisten Geld ausgegeben hat. Das Forum "Grüne Vernunft" - Gentechnikbefürworter also - wirft der Kirche sogar vor, mit Schuld am Hunger von Millionen von Kindern zu sein. Wie reagieren Sie auf einen solchen Vorwurf?--
Bischof Gregor Maria Hanke: Dieser Vorwurf ist schon von der Faktenlage her gar nicht zu halten. Die Katholische Kirche, die Kirchen überhaupt, die Christen sind es, die sich seit Jahrzehnten um die Bekämpfung des Welthungers bemühen durch praktische Hilfeleistung, aber auch durch Konferenzen, durch einen Bewusstseinswandel. Ich sehe hinter diesem Vorwurf eine Lobby, die mit Schuldkomplexen gewissen Druck erzeugen möchte.

domradio.de: Gerade die Kritiker der Gentechniker unterstellen ja dieser Technologie allein Profitstreben, Sie lehnen die grüne Gentechnik ebenfalls ab. Warum?--
Bischof Hanke: Da gibt es verschiedene Gründe. Wenn wir beim Welthunger bleiben, dann muss man sagen, wäre eigentlich eine bessere Organisation der Landwirtschaft und vor allem regionaler Kreisläufe in Afrika der idealere Weg, um den Welthunger zu bekämpfen. Da muss man nicht auf grüne Gentechnik setzen, die sich zudem noch gar nicht bewährt hat als wirkliche Hilfe zur Bekämpfung des Welthungers. Zum Zweiten fürchte ich, dass die grüne Gentechnik, die ja eine Technologie der Wohlhabenden ist, neue Abhängigkeiten bei den Armen schafft, und nicht wirklich zur Hilfeleistung beiträgt, sondern möglicherweise durch Genpatente etc. noch stärker zur Verelendung dieser ärmeren Länder beiträgt. Und zum Dritten lehne ich natürlich die grüne Gentechnik aus Ernährungsgründen ab. Wir verändern hier etwas in der Natur, das nicht mehr rückholbar ist. Und wir wissen nicht, welche Auswirkungen gentechnisch veränderte Nahrungsmittel mittelfristig auf den Menschen haben werden.

domradio.de: Für die Umsetzung Ihres ökologischen Konzepts haben Sie damals noch als Abt der Benediktinerabtei Plankstetten 2001 sogar die Umweltmedaille des Freistaats Bayern erhalten. Dem Menschen sei aufgetragen, achtsam mit der Schöpfung Gottes umzugehen, das haben Sie immer wieder deutlich gemacht. Wie sollte sich das auswirken, gerade auch im Hinblick auf die Lebensmittel?--
Bischof Hanke: Ich denke, wir haben den Auftrag, gesunde Lebensmittel zu erzeugen. Die Lebensmittel sind nicht in erster Linie dazu da, um - ähnlich wie mit anderen Rohstoffen - einem kapitalistischen System möglichst hohen Gewinn zu bringen, sondern die Lebensmittel dienen ja auch der Volksgesundheit, von daher gibt es auch einen ethischen Anspruch, gesunde Lebensmittel, und zwar für möglichst alle zu erzeugen. Und das ist natürlich auch von der Ethik her gesehen christlich gut zu untermauern - gesunde, naturbelassene Lebensmittel, ohne unnötig in die Kreisläufe der Natur einzugreifen.

domradio.de: Reicht das dann trotzdem für die Menschen in den armen Ländern dieser Welt?--
Bischof Hanke: Nach bisherigen Berechnungen, die mir zugänglich sind, müsste man den Hunger zunächst einmal - wie gesagt - mit regionalen Kreisläufen bekämpfen. Man muss die Menschen vor Ort, dort wo die Not ist, ermächtigen. Wir können nicht darauf setzen, dass wir durch den Import einer neuen Technologie dort etwas bewegen. Das schafft wie gesagt Abhängigkeiten und ermächtigt letztendlich nicht die Menschen vor Ort, denn der Hunger hat ja vielfältige Ursachen, u.a. auch eine mangelnde Ausnutzung und fehlende Kreisläufe in den Notstandsgebieten, und es kann nicht angehen, dass wir auf Dauer z.B. durch landwirtschaftliche Exporte nach Afrika oder in Krisenregionen in Asien den Hunger bekämpfen. Das ist eine Zwischenlösung für Hilfsmaßnahmen, aber auf Dauer müssen die Menschen vor Ort ermächtigt werden. Und da fürchte ich eben, dass die grüne Gentechnik auch wirtschaftlich gesehen nicht der richtige Weg ist. Also hier werden neue Abhängigkeiten entstehen und nicht eine größere Freiheit und nicht vollere Mägen.

domradio.de: Während der aktuellen UN-Konferenz haben vor allem auch die Hilfsorganisationen die schwachen Ergebnisse des Rio + 20-Gipfels zu wirklich nachhaltiger Entwicklung kritisiert. Welche Ergebnisse würden sie sich von diesem Gipfel wünschen, 20 Jahre nach der ersten Konferenz?--
Bischof Hanke: Das Problem unserer Weltsituation besteht darin, dass man Krisenphänomene immer nur symptomatisch kuriert. Wir machen uns zu wenig Gedanken über das grundsätzliche System. Die ganze Frage des Klimaschutzes, die Fragen der Ökologie sind letztlich aufgehängt an der Frage unseres Wirtschaftens. Im Prinzip verhalten wir uns so nach dem Motto: Weiter so wie bisher! Und wir verhalten uns eben in einem endlichen System, die Ökologie der Welt ist ein endliches System, als ob es hier unendliche Ressourcen und Vorräte gäbe. Und darüber müssen wir nachdenken, und ich hätte mir erwartet, dass von Rio ganz klare Impulse hin zu einem Umdenken kommen, dass auch stärker die grundsätzlichen Fragen in das Bewusstsein der Öffentlichkeit rücken, nämlich die Fragen des Wirtschaftens, damit verbunden auch die Fragen des Wohlstands und der Konsumgesellschaft.

Das Interview führte Monika Weiß.

Hintergrund

Bischof Gregor Maria Hanke hat eine grundlegende ökologische Haltung, die über Wirtschaftsfragen weit hinaus geht. Bereits 1994 wurde unter seiner Leitung die komplette Landwirtschaft des Klosters auf organisch-biologische Wirtschaftsweise (Bioland-Richtlinien) umgestellt. 2001 wurde das Kloster generalsaniert und durch die Einrichtung eines neuen Klosterladens die regionale Vermarktung der Produkte der Klosterbetriebe und einiger Zulieferbetriebe aus der Region um Plankstetten verbessert. Infolge dieser Neuerungen erhielt die Abtei den Ruf, ein "grünes Kloster" zu sein. Er selbst wurde als Verfechter der ökologischen Kreislaufwirtschaft zum gefragten Gesprächspartner für Grenzfragen zwischen Theologie und Ökologie, von der Bewahrung der Schöpfung über den verantwortlichen Umgang mit Lebensmitteln ("Nahrungsmittel als Lebens-Mittel") bis hin zu Fragen des Tierschutzes. Sein bischöflicher Dienstwagen wird mit Rapsöl angetrieben.



Für eine "Ökologie des Herzens" sprach er sich in seinem ersten Hirtenwort aus. Im Gegensatz zu den "harten Gesetzen der Nützlichkeit und Effizienz" seien mehr Herz und ein Wachstum in der Liebe gefragt: "Je mehr wir uns mit Blick auf den Herrn großherzig verschwenden, desto mehr gewinnen wir". Dies könne die Grundlage sein für ein neues Miteinander der Menschen und für einen achtsamen Umgang mit der Schöpfung. In dem Rundbrief, der am ersten Adventssonntag in den Gemeinden des Bistums Eichstätt verlesen wurde, warnte Bischof Hanke vor einem "gottvergessenen Stolz auf eigene Errungenschaften, der keine ethische Zurückhaltung mehr kennt", vor "ungehemmtem Sinnengenuss und rücksichtslosem Egoismus".



Die Deutsche Gesellschaft für Umwelt und Humantoxikologie (DGUHT) hat Gregor Maria Hanke für sein ökologisches Engagement am 3. Mai 2008 mit der Rachel-Carson-Medaille geehrt. Damit wurde Hankes "vorbildhafter Einsatz zugunsten des regionalen Umweltschutzes und des ökologischen Landbaus" gewürdigt.[7]



Immer wieder warnte Hanke vor der Nutzung der Kernenergie, so bereits kurz nach seiner Ernennung zum Bischof von Eichstätt in einem Interview mit der Tageszeitung "Die Welt"[8]. "Der Mensch kann diese Technologie nie vollständig im Griff haben", sagte Hanke im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur im März 2010 in Eichstätt.[9] Auch sei es "unredlich", die Erzeugung von Atomstrom als Beitrag zum Klimaschutz zu werten. Der Bischof betonte, er wolle aus seiner christlichen Überzeugung heraus dem Glauben an ein grenzenloses und Ressourcen verbrauchendes Wachstum entgegentreten. Die Atomenergie leiste diesem fatalen Irrglauben aber Vorschub: "Denn hier wird suggeriert, wir müssten beim Sparen und dem effizienteren Einsatz von Energie nicht umdenken".