23.04.2012

Der Glaubensschwund im Osten hat auch Wurzeln im Protestantismus "Es geht weiter bergab!"

Noch nicht mal jeder Achte in den neuen Bundesländern glaubt an Gott, das ergibt eine aktuelle Studie. Prof. Gert Pickel haben die Zahlen nicht überrascht. Im Gegenteil: Im domradio.de-Interview prognostiziert der evangelische Religionssoziologe einen weiteren Schwund.

domradio.de: Dass es in Ostdeutschland viel mehr Atheisten gibt als in Westdeutschland, ist ja schon länger bekannt. Bringt die vergangene Woche veröffentlichte Studie aus Chicago auch neue Erkenntnisse?
Pickel: Gar nicht mal so viele. Denn im Endeffekt enthält die Studie Daten, die wir schon seit Jahren international zusammenstellen. Bislang wurde diese Zahlen noch nicht so wahrgenommen, wie sie es jetzt mit der Studie werden.

domradio.de: Und was genau sagt die Studie aus?
Pickel: Die Studie zeigt, dass wir bestimmte Entwicklungspfade haben: Einerseits hat man zu Anfang des Umbruchs der Wendejahre gedacht, gerade in Ostdeutschland ginge es anschließend wieder aufwärts. In manchen osteuropäischen Ländern konnte man das auch beobachten. Aber die Betrachtungen seit 1989/1990 zeigen: Es geht weiter bergab!

domradio.de: Mit 13 Prozent glauben in Ostdeutschland so wenig Menschen an Gott wie sonst nirgendwo auf der Welt. Ist das auch ein "Verdienst" von 40 Jahren DDR-Regime?
Pickel: Es hat maßgeblich mit dem DDR-Regime zu tun. Man kann ganz klar sagen: Es war sicherlich eines der erfolgreichsten in der Verdrängung des Religiösen. Schon das Nachbarland Polen ist das beste Kontrastbeispiel dafür, dass es auch anders geht. Allerdings spielen auch andere Faktoren mit hinein. In Ostdeutschland hat man mit dem Protestantismus eine ungünstigere Ausgangsposition gehabt, als man sie mit dem Katholizismus gehabt hätte. Das kann man ganz manifest an einem Beispiel zeigen: Wenn man die protestantische Struktur betrachtet, so ist es eine Landeskirchenstruktur. Das bedeutet, für politische Machthaber ist es viel leichter Druck auszuüben. Während der Katholizismus in Rom eine Referenzquelle hat, auf die man sich zurückziehen kann. Man sieht das gut im europäischen Vergleich daran, dass das einzige Land, das sich in ähnlich niedrigen Sphären  bewegt, Estland ist; ein Land, das auch dem Protestantismus nahe steht.

domradio.de: Es gibt auf dem Gebiet der ehemaligen DDR zwei Gruppen, die gegen alle Umstände an ihrem Glauben festgehalten haben. Einmal ist es das Eichsfeld und dann die Sorben in der Lausitz. Beides sind ausgerechnet katholische Gruppen. Sind das Beispiele für das, was sie zum Thema Protestantismus und Katholizismus sagten?
Pickel: Das hat auf jeden Fall damit zu tun. Der zweite Punkt ist der, dass Diaspora-Situationen dazu neigen, die Personen enger zusammenrücken zu lassen - und entsprechend eine stärkere Widerstandsfähigkeit zeigen. Es ist auch sicherlich so, dass man in Ostdeutschland eine gewisse Vorentwicklung auch hatte, die durchschlägt. Auch der Nationalsozialismus war alles andere als kirchenfreundlich. Und hat seinen Einfluss auch am stärksten in der protestantischen Kirche entfaltet, die er ja gespalten hatte. Selbst davor gab es schon leichte Tendenzen, die den Protestantismus immer ein bisschen anfälliger gemacht haben. Und das schlägt hier eindeutig durch. Während sich umgekehrt die katholischen Gruppen durch die Verweilstrukturen und das Zusammenrücken im Kleinen besser halten.

domradio.de: Eine Prognose: Wie wird eine ähnliche Studie in zehn Jahren ausfallen?
Pickel: Dann wird man wahrscheinlich feststellen, dass in Ostdeutschland die Zahl der Personen mit Bezug zu Religiosität und Glauben weitere gesunken ist.

Das Gespräch führte Uta Vorbrodt.